Wort zum Tage, 02.10.2019

von Pastoralreferent Dominik Frey, Baden-Baden

Reich und glücklich

Der kanadische Lottogewinner Tom Crist hat für Schlagzeilen gesorgt. Er hat den gesamten Gewinn von umgerechnet knapp 30 Millionen Euro an gemeinnützige Organisationen gespendet. Er sagt, er will so weiterleben wie bisher. Er möchte nicht, dass das Geld ihn verändert. Das muss man erst einmal durchziehen, Respekt! Tom Crist hat nicht daran geglaubt, dass Geld ihn glücklicher macht.

Vom reich sein und vom glücklich sein erzählt auch Jesus. Es ist eine der sehr umstrittenen Stellen in der Bibel. Jesus sagt: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“

Dieser Satz hat vor allem unter den Reichen immer wieder dafür gesorgt, dass sie sich empört haben. Klar, kein Kamel der Welt würde je durch ein Nadelöhr passen. Da scheinen die Chancen sehr schlecht zu stehen, dass Leute mit viel Geld jemals in den Himmel kommen.

Und so haben Theologen immer wieder versucht, diese Bibelstelle anders zu übersetzen oder zu interpretieren. Eine Interpretation bezieht sich auf das Kamel. Auf Griechisch heißt das „kàmelos“. Und ganz ähnlich klingt das Wort für „Schiffstau“, das heißt nämlich „Kamilos“. Und das wäre ja zugegebenermaßen ein bisschen leichter einzufädeln, als ein Kamel. Die Aufgabe wäre immer noch sehr schwierig, aber immerhin nicht mehr unmöglich.

Eine andere Interpretationsmöglichkeit bezieht sich auf das Nadelöhr. Experten waren lange der Meinung, „Nadelöhr“ habe einmal eine enge Gasse in Jerusalem geheißen, an deren Ende ein niedriges Tor stand. Dort passe nur ein einzelner Mensch ohne Gepäckstücke durch. Inzwischen weiß man mehr: Wissenschaftler haben alte Karten und Chroniken studiert und sind zum Ergebnis gekommen: Solch ein Gässchen mit Tor hat es in Jerusalem noch nie gegeben.

Ich glaube, es hilft alles nichts. Der Satz ist einfach typisch Jesus und drückt etwas aus, das zwar für viele unangenehm ist, aber auch wahr: Es ist nicht einfach, gleichzeitig reich und glücklich zu sein. Und es ist auch nicht leicht, mit Geld sinnvoll umzugehen. So nämlich, dass es nicht den Charakter eines Menschen ändert. Es gibt positive Beispiele, wo Reiche sich unheimlich sozial engagieren. Aber oft übernimmt das Geld die Herrschaft. Wer sich alles leisten kann, könnte denken, dass er auf niemanden mehr hören muss. Oder dass er die anderen nicht mehr braucht. Und dann werden sie einem schnell egal, sie sind einfach unwichtig.

Bei Tom Crist war das anders. Ich muss ja nicht gleich meinen gesamten Lottogewinn verschenken. Aber wenn ich an Besitz hänge oder Reichtum anhäufe, dann könnte ich darauf achten, dass nicht das Geld mich regiert, sondern die Menschlichkeit.

 

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 02.10.2019 gesendet.


Über den Autor Dominik Frey

Dominik Frey, geboren 1968 in Überlingen am Bodensee, ist Pastoralreferent und Rundfunkbeauftragter der Erzdiözese Freiburg beim SWR. Nach dem Studium der Theologie in Freiburg und Dublin hat er sechs Jahre in einer Musikschule als Saxofonlehrer gearbeitet. Außerdem war er Dirigent und mit Bandleader. Während der Ausbildung zum Pastoralreferenten wurde er Autor für SWR3 und hat die journalistische Ausbildung am ifp in München absolviert. Dominik Frey fährt gerne Motorrad, liebt Snowboarden und Geocaching und natürlich seine Frau und seine beiden Jungs. Er lebt in Baden-Baden.

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