Wort zum Tage, 01.10.2019

von Pastoralreferent Dominik Frey, Baden-Baden

Pi

Die Pi-bel ist ein Buch. Nicht zu verwechseln mit der Bi-bel und lange nicht so spannend. Denn in der Pi-bel stehen nur Ziffern drin. Zehn Millionen. Genauer gesagt: die Zahl Pimit zehn Millionen Stellen nach dem Komma.

Pi heißt auch „die Kreiszahl“, weil sie das Verhältnis von Umfang zu Durchmesser eines Kreises angibt. Als Schüler habe ich es immer faszinierend gefunden, auf die Pi -Taste meines Taschenrechners zu drücken. Auf einen Schlag war nämlich das Display voll mit Zahlen: 3,141592 und so weiter. Das Kuriose an Pi ist, dass die Stellen hinter dem Komma ewig weitergehen. Es hat noch niemand geschafft, sie bis auf die letzte Stelle zu berechnen, geschweige denn aufzuschreiben.

Manche schalten ab, wenn sie „Pi“ nur hören. Alles viel zu kompliziert, und es klingt unweigerlich nach Mathe. Aber genauso viele Menschen fasziniert diese Zahl auch. Zum Beispiel der Japaner Haraguchi. Er kann 100.000 Nachkommastellen von Pi auswendig aufsagen. Außerdem gibt es einen Pi -Klub, einen Pi -Tag und eben die Pi-bel.

Mathematiker bezeichnen Pi als eine „transzendente Zahl“. Das bedeutet, man kann sie weder mit ganzen Zahlen, Brüchen noch mit Wurzeln ausdrücken. Transzendent ist ein Wort, das ich sonst nur aus der Theologie oder Philosophie kenne. Es kommt vom Lateinischen „transcendere“ – überschreiten. Transzendent ist etwas, das mein normales Denken überschreitet. Wie die Zahl Pi mit ihren vielen Nachkommastellen. Und bei Gott ist das ähnlich: ihn kann ich weder berechnen noch beweisen, er übersteigt meine Vorstellungskraft. Ich kann nur glauben, dass es ihn gibt. Aber dass es diese Ungewissheiten auch in den Naturwissenschaften gibt, das hätte ich nicht gedacht. Glaube und Wissenschaft scheinen in diesem Punkt gar nicht weit auseinander zu liegen. Die Menschen sind fasziniert von etwas, das ihr Denken übersteigt.

Ich bin allerdings noch aus einem anderen Grund von Gott fasziniert. Er kommt in meinem Leben vor. Er übersteigt zwar mein Denken, aber dennoch habe ich manchmal das Gefühl, dass er mir ganz nahe ist: wenn ich vor Freude weinen muss oder wenn ich eine Gänsehaut kriege, weil mich etwas total berührt – ein stiller Moment, eine unendlich schöne Musik oder eine grandiose Landschaft. Manchmal auch, wenn ich tief traurig bin oder wenn ich bete. Und natürlich, wenn ich spüre, dass ich jemanden liebe und auch geliebt werde. Dann spüre ich, dass da etwas sein muss. Vielleicht ein bisschen wie bei Pi nicht berechenbar, nicht beweisbar, und auf jeden Fall größer als meine Welt.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 01.10.2019 gesendet.


Über den Autor Dominik Frey

Dominik Frey, geboren 1968 in Überlingen am Bodensee, ist Pastoralreferent und Rundfunkbeauftragter der Erzdiözese Freiburg beim SWR. Nach dem Studium der Theologie in Freiburg und Dublin hat er sechs Jahre in einer Musikschule als Saxofonlehrer gearbeitet. Außerdem war er Dirigent und mit Bandleader. Während der Ausbildung zum Pastoralreferenten wurde er Autor für SWR3 und hat die journalistische Ausbildung am ifp in München absolviert. Dominik Frey fährt gerne Motorrad, liebt Snowboarden und Geocaching und natürlich seine Frau und seine beiden Jungs. Er lebt in Baden-Baden.

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