Wort zum Tage, 30.09.2019

von Pastoralreferent Dominik Frey, Baden-Baden

Sehnsüchte

Wenn mich jemand fragen würde, nach was ich mich am meisten sehne, dann würde ich antworten: für ein Jahr nach Irland gehen. Dort ein Buch schreiben, Musik machen, an den Klippen entlang spazieren und viele Pubs besuchen. Auch meine Frau träumt von Irland und einem Cottage am Meer. Da wir aber weder das Geld, noch die Zeit dafür haben, verschieben wir diesen Traum immer wieder auf übermorgen: Wenn die Kinder mal groß sind oder wenn wir mal im Lotto gewinnen – also eher in Richtung Sankt Nimmerleinstag.

Ich schätze, damit bin ich nicht allein. Viele Menschen müssen ihre Träume immer wieder aufschieben, weil sie ein bisschen zu groß sind: eine eigene Fotoausstellung, auf Safari nach Kenia, das eigene Bauernhaus, die Route 66, eine eigene Kneipe eröffnen - alles schwierig zu verwirklichen. Und dann kapitulieren die Menschen - genau wie ich - und gewöhnen sich das Träumen ab.

Schade eigentlich, denn sich nach etwas sehnen oder träumen macht doch eigentlich Spaß. Mir jedenfalls tut es gut, ab und zu mit meiner Frau von Irland zu träumen. Und wir haben sogar einen kleinen Trick entwickelt, damit wir nicht resignieren. Wir führen ein „Sehnsuchtsbuch“. Das ist ein Heft mit vielen leeren Seiten. Dort schreiben wir alles rein, was wir irgendwann einmal machen wollen, wenn wir mal viel Zeit und Geld übrig haben sollten. Wünsche festzuhalten ist ein erster Schritt, obwohl das mich dem Ziel noch nicht unbedingt näher bringt.

Eine Ordensschwester hat mir einmal einen Tipp gegeben. Sie hat gesagt: „Sie müssen ja nicht immer gleich alles wollen. Manchmal reicht es, etwas nur teilweise wahr zu machen. Die Dinge etwas kleiner denken“ „Hm, ob mir das wohl reicht?“, habe ich gedacht.

Aber dann kam die Chance, es auszuprobieren. Oma war da. Sie hat die Kinder übernommen und uns einen freien Abend geschenkt. Wir wollten uns gerade ins Sofa fallen lassen, denn für einen Abend brauchst du nicht nach Irland zu reisen. Da hatte meine Frau eine super Idee: „Lass uns ins Irish Pub gehen!“

Yes, das war´s. Es hat so gut getan, unserem Traum ein bisschen nahe zu sein. Gemütlich unter irischen Fähnchen ein Guinness zu trinken, dazu Salt & Vinegar Chips und irische Musik mit Fiddle und Flöte. Wir lieben einfach diese irische Art, gesellig zu sein und locker mit dem Leben umzugehen.

Unsere große Sehnsucht nach Irland wurde durch diesen Abend nicht gestillt, aber sie wurde beflügelt.

 

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 30.09.2019 gesendet.


Über den Autor Dominik Frey

Dominik Frey, geboren 1968 in Überlingen am Bodensee, ist Pastoralreferent und Rundfunkbeauftragter der Erzdiözese Freiburg beim SWR. Nach dem Studium der Theologie in Freiburg und Dublin hat er sechs Jahre in einer Musikschule als Saxofonlehrer gearbeitet. Außerdem war er Dirigent und mit Bandleader. Während der Ausbildung zum Pastoralreferenten wurde er Autor für SWR3 und hat die journalistische Ausbildung am ifp in München absolviert. Dominik Frey fährt gerne Motorrad, liebt Snowboarden und Geocaching und natürlich seine Frau und seine beiden Jungs. Er lebt in Baden-Baden.

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