Wort zum Tage, 19.09.2019

von Beate Hirt, Mainz

Wanderfriedenskerze

Eine Kerze geht in diesen Herbsttagen wieder auf Wanderschaft. Die so genannte Wanderfriedenskerze. Das ist eine Aktion der christlichen Kirchen im Rhein-Main-Gebiet. Ab dem 1. September jedes Jahr gehen besonders gestaltete Kerzen „wandern“, sie brennen als „Licht des Friedens“ bei ökumenischen Friedensgebeten, Gottesdiensten und vielen anderen Veranstaltungen an wechselnden Orten der Region. Ich war bei einem der ersten Gebete dieses Jahr dabei – und mir ist dabei wieder bewusst geworden, wie kostbar der Frieden ist und wie grausam der Krieg. Welch schreckliche, lange Folgen jeder Krieg hat.

Ich denke in diesen Tagen vor allem natürlich an diesen Zweiten Weltkrieg, der vor 80 Jahren begonnen hat. Am 1. September 1939, durch den Überfall auf Polen. Über 60 Millionen Tote hat er gefordert. Das Leid, das von diesem Krieg ausging, muss unermesslich gewesen sein. Ich denke nur an das Leid, das allein meine Familie erleben musste, meine Eltern und Großeltern. Mein Vater, der als kleiner Junge nach dem Fliegerangriff aus dem Keller geschickt wurde, um zu sehen, ob das Haus noch steht. Und meine Mutter, die als Zwölfjährige aus Oberschlesien geflohen ist, im Januar 1945, mit fünf Geschwistern. Die jüngsten, die Zwillinge, waren gerade ein halbes Jahr alt. Und natürlich gibt es Millionen andere und noch grausamere Familiengeschichten. Jüdische Familien, deren Mitglieder fast alle im Konzentrationslager ermordet wurden. Oder Familien in Japan, die durch die Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki ihre Lieben verloren und furchtbare Verletzungen davongetragen haben. An die Atombombenopfer wird dieses Jahr bei der Aktion Wanderfriedenskerze besonders gedacht.

Was für ein unbeschreibliches Leid verursacht der Krieg. Wie lange und wie schrecklich wirkt er nach. So, dass sogar ich als Kriegs-„Enkel“ sozusagen es noch spüren kann. Gleichzeitig bin ich froh und dankbar, dass ich am eigenen Leib nie Krieg erleben musste. Seit 1945 leben wir in Europa weitgehend im Frieden. Was für ein Glück ist das. Und zugleich ist dieser Frieden nichts, worauf wir uns ausruhen dürfen. Er ist ja nie vollkommen sicher. Wenn ich heute nationalistische und populistische Politiker höre, dann flackert in mir manchmal die Angst auf, es könnte auch wieder andere Zeiten geben. Ich bin deshalb überzeugt: Sich für den Frieden einzusetzen, das ist eine Aufgabe für jede und jeden von uns.

Für den Frieden im Kleinen. Der fängt ja schon im Bus oder in der S-Bahn an. Wenn ich eben nicht den Ellbogen ausfahre, sondern stattdessen jemand anderen vorlasse, wenn ich nicht grimmig schaue, sondern lächele. Und ich kann durchaus auch etwas für den Frieden im Großen tun. Demonstrieren zum Beispiel oder unterschreiben gegen Waffenlieferungen in Krisengebiete wie den Jemen. So fängt Frieden an und so breitet er sich aus. Wie eine Kerze, die wir anzünden und deren Licht sich verbreitet. Wie diese „Wanderfriedenskerze“, die wir von Ort zu Ort tragen.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 19.09.2019 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-hr.de www.kirche-hr.de

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