Wort zum Tage, 17.09.2019

von Beate Hirt, Mainz

Vorbild Hildegard

Ich mag sie sehr, diese Heilige, die heute ihren Gedenktag hat: die heilige Hildegard von Bingen. Nicht nur wegen ihrer Kräuter und klugen medizinischen Tipps. Sondern vor allem: weil sie so eine starke Frau in der Kirche war. Sie hat sich mit den Männern mutig angelegt, damals im 12. Jahrhundert. 

Zum Beispiel mit Abt Kuno. Der war eine ganze Weile ihr kirchlicher Vorgesetzter, auf dem Disibodenberg, wo sie als junge Frau ins Kloster eingetreten war. Der Disibodenberg ist ein Hügel bei Bad Sobernheim, zwischen Mainz und Trier gelegen. Es gab dort damals zwei Klöster nebeneinander: eines für Männer und eines für Frauen. Und natürlich hatte der männliche Abt das Sagen auf dem Hügel. Vielleicht auch deswegen hatte Hildegard eines Tages die Vision: Wir ziehen mit den Frauen weg von dort, hinüber nach Bingen, und bauen uns dort ein neues Kloster auf. Abt Kuno allerdings war von der Idee überhaupt nicht begeistert. Hildegard hatte nämlich schon eine gewisse Berühmtheit erlangt zu der Zeit, und ihr Glanz strahlte auch auf seine Abtei ab. Der Abt verlangte, Hildegard soll auf dem Disibodenberg bleiben - und er spricht ein entschiedenes Nein zu ihren Plänen.

Wäre Hildegard eine gehorsame Tochter der Kirche gewesen – aus ihr wäre wohl nie die heilige Hildegard von Bingen geworden. Aber Hildegard fügt sich dem Nein des Abtes nicht. Zwei Jahre streitet sie mit den Männern auf dem Disibodenberg. Sie sichert sich Unterstützung zu, von einer einflussreichen Markgräfin und vom Erzbischof von Mainz. Und schließlich setzt sie ihre Vision durch. Sie zieht mit ihren Mitschwestern um auf den Hügel bei Bingen.

Und das war längst nicht die einzige Auseinandersetzung mit den Männern der Kirche: Auch mit dem Erzbischof von Mainz hatte sich Hildegard angelegt: Sie hatte einen Edelmann auf ihrem Klosterfriedhof in geweihter Erde begraben, obwohl dieser von der Kirche exkommuniziert war. Der Erzbischof forderte, ihn wieder auszugraben und auf den Acker, den Schandacker zu werfen. Aber Hildegard schrieb ihm: Das werde ich nicht tun, die Gerechtigkeit steht über dem Gehorsam.

Eine streitbare, starke Frau also war sie, diese heilige Hildegard. Keine demütige, gehorsame Dienerin, wie man sich christliche Frauen oder zumal Ordensfrauen manchmal vorgestellt hat oder wie mancher sie bis heute gerne sehen möchte. Sondern eben: eine Frau, die widerständig ist und ungehorsam. Schon im angeblich so finsteren Mittelalter gab es solche leuchtenden Gestalten wie die heilige Hildegard. Auch: leuchtende Vorbilder.

Das sollen Heilige ja auch sein, Vorbilder. Und so nehme ich mir diese heilige Hildegard, die heute ihren Gedenktag hat, gerne zum Vorbild: Ich will bei dem bleiben, wovon ich überzeugt bin, selbst, wenn es manchmal Widerstände gibt. Ich will der Gerechtigkeit mehr Bedeutung geben als dem Gehorsam. Und ich will meinen Träumen und Visionen treu bleiben.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 17.09.2019 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-hr.de www.kirche-hr.de

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