Wort zum Tage, 21.09.2019

von Beate Hirt, Mainz

Zugstolz

Ich werde an diesem Wochenende fast 12 Stunden im Zug sitzen. Und ich freu mich drauf. Ich bin sogar ein wenig stolz darauf. „Zugstolz“, so nennt man das heute. Im Gegensatz zur „Flugscham“. Die Wörter haben natürlich mit der Klimakrise zu tun. Gestern, am weltweiten Klimastreiktag, war ja wieder überall davon die Rede. Millionen Menschen haben gestreikt und für mehr globalen Klimaschutz demonstriert.

Fliegen, so weiß heute jeder, ist schlecht fürs Klima. Weil dabei furchtbar viel CO 2 ausgestoßen wird, auf meiner Strecke wäre es ungefähr achtmal so viel wie beim Zugfahren. Natürlich lässt sich Fliegen nicht immer und für jeden vermeiden. Auch ich bin schon geflogen und womöglich werde ich auch irgendwann wieder ins Flugzeug steigen. Immerhin kann man ja Flüge heutzutage kompensieren, sprich: den Klimaschaden durch Unterstützung von Klimaprojekten ein wenig eindämmen. Aber: Wenn es irgendwie geht, versuche ich, das Fliegen zu vermeiden.

Und diesmal geht es. Gestern bin ich mit dem Zug von Mainz nach Nürnberg gefahren, da hat eine Freundin ihren 50. Geburtstag gefeiert, knapp drei Stunden sind das mit dem Intercity. Heute geht es dann weiter nach Berlin, noch mal gut drei Stunden Zugfahrt. Da werde ich bei einer anderen Freundin übernachten und dann morgen, am Sonntag, von Berlin nach Warschau weiterreisen. Dort startet abends nämlich eine Konferenz, an der ich teilnehme. Berlin-Warschau dauert mit dem Eurocity fünfeinhalb Stunden. Auf die Strecke freu ich mich besonders, die bin ich nämlich schon mal gefahren vor einigen Jahren. Und das war ein besonderes Erlebnis. Ich war zum ersten Mal in Polen und hab gemerkt: Durch die Zugfahrt lerne ich das Land ganz anders kennen als wenn ich mit dem Flieger anreisen würde. Ich hab so viel mehr Landschaft und Städte und Leute gesehen. Und ich hab sehr bequem gesessen und im Speisewagen gegessen.

Zugfahren find ich einfach schon deswegen schön, weil ich es in der Regel bequemer finde als Fliegen: Ich muss durch keine Sicherheitskontrolle und keine Abfertigung, ich kann direkt einsteigen und losfahren – und dann meine Zeit nutzen, zum Lesen, Dösen, Landschaftgucken, Mich-mit-Leuten-Unterhalten. Aber ich genieße Zugfahren tatsächlich auch immer mehr, weil ich eben froh bin, damit etwas für den Klimaschutz tun zu können. Ich bin froh und auch ein bisschen stolz, wenn ich es schaffe, dadurch meinen CO 2-Ausstoß kleiner zu halten.

Und dieser Zugstolz hat auch mit meinem Glauben zu tun. Ich liebe diese Erde und ich glaube daran, dass Gott sie geschaffen hat. Er hat sie uns Menschen anvertraut, damit wir sie hegen und pflegen, schützen und behüten. Das heißt für mich: Wo immer es geht, versuche ich, die Schöpfung zu bewahren. An diesem Wochenende zum Beispiel durch knapp 12 Stunden Zugfahrt.

 

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 21.09.2019 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-hr.de www.kirche-hr.de

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