Feiertag, 29.09.2019

von Jan Hendrik Stens, Köln

"Maler der christlichen Botschaft." Zum 350. Todestag von Rembrandt

Als „Maler der Bibel“ wird er immer wieder bezeichnet. Fast jedes dritte Werk seiner 350 Gemälde, der 300 Radierungen und 1000 Zeichnungen hat ein biblisches Thema als Grundlage. Zu den bekanntesten gehört das Bild von der Rückkehr des verlorenen Sohnes und das von der Auferweckung des Lazarus. Eine Besonderheit der Gemälde Rembrandts ist oftmals die dargestellte Dramaturgie und die Wirkung des Lichts, mit der es dem Künstler gelingt, eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen. Der Gesichtsausdruck der dargestellten Personen und Körperhaltungen lassen die schon so oft gehörte biblische Erzählung plötzlich in einer anderen noch nie erkannten Perspektive erscheinen.

Welche Rolle spielten also Glaube, Bekenntnis und Frömmigkeit im Leben des Calvinisten Rembrandt Harmenszoon van Rijn? Dadurch, dass er biblische Motive auf Papier und Leinwand brachte, setzte er sich stark von seinen Künstler-Kollegen in den Niederlanden ab. Bilder aus der Bibel waren in seiner Zeit nicht nur bei den Künstlern  verpönt – ja mehr noch bei jenen Christen, die wie Rembrandt nach dem Bekenntnis des strengen Reformators Johannes Calvin lebten und jegliche Bilder im Zusammenhang mit dem Glauben ablehnten. Hatte Rembrandt also etwa eine katholische Seele, die traditionell den Bildern zur Darstellung von Glaubensinhalten zugetan war? Wir wissen es nicht. Der evangelische Theologe Jörg Zink sah in Rembrandt einen Suchenden, der mit seiner calvinistischen Kirche haderte.

„Rembrandts Frömmigkeit ist nicht die seiner calvinistischen Kirche. Er steht den Mennoniten nahe und hält Verbindung mit jüdischen Nachbarn. Sein Bekenntnis ist ein Bekenntnis zu diesen Menschen. Sie malt er als Spiegel des Lichtes Gottes, in ihren Gesichtern zeigt er Christus.“

Am 15. Juli 1606 wird Rembrandt als Sohn eines Müllers in Leiden im Süden Hollands geboren. Dort wächst er mit seinen acht Geschwistern in guten und gesicherten Verhältnissen auf. Streng calvinistisch geprägt, besucht er die Lateinschule und beginnt danach ein Studium an der philosophischen Fakultät der Universität Leiden, das er aber nach kurzer Zeit wieder abbricht, um mit einer Ausbildung zum Maler zu beginnen. Vier Jahre ist er Schüler von Jacob Isaacszoon van Swanenburgh. Dessen Darstellungen des Höllenfeuers wecken in Rembrandt das Interesse an der Wirkung von Licht in der Malerei. In Amsterdam wird Rembrandt von Pieter Lastman, einem angesehenen Meister, in die Historienmalerei eingeführt. Dadurch unterscheidet sich Rembrandt von anderen holländischen Zeitgenossen wie Frans Hals oder Jan Vermeer van Delft, die in ihren Werken eher die Landschaft und das alltägliche Leben in Dörfern und Städten der Niederlande darstellen.

Meister der Dramaturgie

Ein Meister der Dramaturgie ist Rembrandt für den Kölner Pfarrer und Kunsthistoriker Dominik Meiering. Der katholische Priester sieht in dem Künstler eine Art Vorreiter für die moderne Verkündigung biblischer Erzählungen.

„Rembrandt hat immer wieder biblische Motive – Altes Testament und Neues Testament – gemalt, und das in unglaublicher Hülle und Fülle. Und er aber verknüpft etwas ganz spannendes miteinander, nämlich die Idee einer Historienmalerei mit biblischen Geschichten. Und so entsteht eigentlich etwas ganz neues, was bis dahin noch gar nicht dagewesen ist. Und das hat ihn berühmt gemacht, weil er eben einen so neuen Bildtypus erfunden hat.“

Traditionelle kirchliche Bildthemen haben es zur Zeit Rembrandts eher schwer. Sie werden in den calvinistischen Niederlanden als „katholisch“ abgelehnt. So gesehen ist Rembrandt Harmenszoon van Rijn also auch durch die Auswahl seiner Motive eine singuläre Erscheinung in den Niederlanden. Dazu kommt, dass er in seinen Werken nicht einfach nur Erzählungen aus der Bibel darstellt – er nimmt dabei einen ganz besonderen Aspekt der Geschichte in den Focus. Pfarrer Dominik Meiering:

„Dass Rembrandt es eben schafft, nicht nur die biblische Geschichte zu erzählen, sondern sie unter einer bestimmten Perspektive zu erzählen, das ist das Spannende. Also er erwählt sich meistens eine Figur oder zwei Figuren und stellt die mit großer Kraft in den Mittelpunkt; stellt dar, wie die Emotionalität dieser Person in dieser Geschichte gewesen sein könnte oder gewesen sein muss und hat damit nicht nur eine narrative Geschichte, die er uns erzählt, sondern er schafft sozusagen ein dramatisches Geschehen.“

Ein Ereignis, das die Zeit Rembrandts prägt, ist auch die Rebellion der habsburgischen Niederlande gegen den spanischen König Philipp den Zweiten. Aus ihr geht 1581 die Republik der Sieben vereinigten Provinzen der Niederlande hervor. In der neuen Republik herrscht fortan Religionsfreiheit. Und das zieht Menschen unterschiedlichster Herkunft an, die wegen ihres Glaubens in der alten Heimat verfolgt werden. Schriftsteller und Gelehrte nutzen die Bewegungsfreiheit in der jungen Republik für ihre Publikation und Lehre. Die Niederlande werden neben dem Aufstieg zur weltumspannenden See- und Handelsmacht auch zu einem bedeutenden Zentrum der Wissenschaft. Es ist das „Goldene Zeitalter“. Auf dem Höhepunkt dieser Blütezeit arbeiten in der Mitte des 17. Jahrhunderts in der Republik etwa 700 Maler, und es entstehen jährlich etwa 70.000 Gemälde – das ist beispiellos in der gesamten Kunstgeschichte.

Rembrandt profitiert vom „Goldenen Zeitalter“

Das Goldene Zeitalter in den Niederlanden war die einzige Epoche, in der Gegenwartskunst in breiten Bevölkerungsschichten populär war und nicht nur von einer Avantgarde geschätzt wurde. Vielmehr war es hier eine aufstrebende, ungewöhnlich breite Mittelschicht, die zusammen mit reichen Bauern ein wichtiges Potential für die Entwicklung des Landes bildete.

Rembrandt Harmenszoon van Rijn profitiert von dieser Epoche. Bereits mit 21 Jahren malt er in der Leidener Zeit als eines seiner frühen Werke „Paulus im Gefängnis“. Es bezieht sich auf Berichte aus dem Neuen Testament, nach denen der Völkerapostel als vermeintlicher Unruhestifter mehrmals eingesperrt wurde. Auf dem Gemälde sitzt Paulus in seiner Zelle ganz in Gedanken versunken auf einem Bett. Die eine Hand hat er am Kinn, in der anderen hält er einen Federkiel. Sein Blick geht in die Ferne. Auf dem Schoß liegen ein aufgeschlagenes Buch und lose Seiten. Trotz der Unordnung in diesem finsteren Gefängnisloch kann man Paulus in seinem Gesicht ansehen, dass sein Geist ganz geordnet ist. Der Kunsthistoriker und Pfarrer Meiering:

„Das ist so eine Geschichte, die man ja von ganz vielen Persönlichkeiten kennt – vom heiligen Paulus angefangen bis hin zu Nelson Mandela. Es gibt immer wieder Menschen, die, obwohl sie äußerlich gefangen sind, innerlich in einer großen Freiheit sich befinden. Hier, der ist eingemauert, von der Außenwelt isoliert. Aber seine Kraft, seine Gedanken, die sind eben nicht einzugrenzen. Und Rembrandt hat Paulus dargestellt eigentlich in der Gestalt eines klassischen Denkers, in der Positur dieses Denkers mit dem aufgestützten Kopf auf dem Kinn. Und man sieht, wie der Mund verschlossen ist und wie er darüber nachsinnt, was jetzt niederzuschreiben ist. Während er die Bibel studiert, schreibt er seinen Brief, der dann eben an eine der Gemeinden geht. Ein ganz stimmungsvolles, warmes Bild, das den Paulus als einen tiefen Denker darstellt und deutlich macht: Dieser Paulus, der ist ein Mann von innerer Freiheit und Größe. Übrigens auch spannend, Rembrandt baut dann immer so Kleinigkeiten ein. Zum Beispiel: Der rechte Fuß des Apostels, der ist nackt, und der linke ist mit einem Schuh bedeckt. Also der eine Fuß ist noch bloß, während sich andere schon rüstet, um aufzubrechen und herauszugehen.“

Rembrandt ist berühmt – und malt die „Auferweckung des Lazarus“

1631 – Rembrandt verlässt Leiden und geht nach Amsterdam. Die Stadt ist im „Goldenen Zeitalter“ zu einem bedeutenden Zentrum des Handels, der Kunst und der Kultur geworden. Mit ihren zahlreichen Grachten und der neuen wirtschaftlichen Stärke ist Amsterdam ein zweites Venedig.

„Das ist so, wie wenn heute irgendwie ein junger Student sagt: ‚Ich muss jetzt mal nach New York‘ oder ‚Ich muss jetzt mal nach Paris oder nach London‘. Es war der Wunsch, diese große Stadt zu erleben und darin eben auch als Künstler Weltruhm zu erlangen.“

Als Rembrandt in Amsterdam ankommt, ist er bereits eine berühmte Persönlichkeit, der in der Stadt der Künstler und Kunsthändler Anerkennung widerfährt. Vor seiner Aufnahme in die Malergilde ist Rembrandt am Aufbau einer Werkstatt beim Kunsthändler Hendrick van Uylenburgh beteiligt. Er sammelt zahlreiche Schüler um sich und malt ohne Unterlass. Allein aus dem Jahr 1632 sind dreißig datierte Gemälde erhalten.

Aus dieser Zeit stammt das Ölgemälde von der Auferweckung des Lazarus. Dramatik und Emotion kennzeichnen dieses Gemälde. Jesus steht mit weit aufgerissenen Augen und erhobenem Arm am Grab und zieht den Lazarus wie an unsichtbaren Schnüren aus dem Grab.

Darstellungen, die weitestgehend mit dem Tod zu tun haben, ob nun biblisch oder nicht-biblisch, sind im 17. Jahrhundert nicht ungewöhnlich.

„Der Tod ist zu dieser Zeit eine Selbstverständlichkeit; im Übrigen auch in der Malerei das Vanitas-Motiv, das Vergänglichkeits-Motiv. Gedenke des Todes! Das ist eine große Selbstverständlichkeit. Und die Sehnsucht nach dem Leben ist dann natürlich umso kraftvoller. Ich glaube, dass Rembrandt sich immer wieder auch mit diesen Themen auseinandersetzt, ist natürlich auch biografisch, aber auch zeitgeschichtlich bedingt.“

Rembrandt heiratet und ist auf dem Gipfel

In der Tat ist der Tod ein steter Begleiter Rembrandts. Sein Vater stirbt ein Jahr bevor der 24-Jährige nach Amsterdam zieht. Beim Kunsthändler van Uylenburgh begegnet Rembrandt dessen Nichte Saskia, die Tochter eines wohlhabenden Juristen, gebildet, aber auch ein wenig extravagant und wie Rembrandt verliebt in Glanz und Erfolg. Zwei Jahre später heiraten die beiden.

„Er hat dann seine Frau oft gemalt als Flora und in den verschiedensten anderen Zusammenhängen. Immer mit großer Lieblichkeit und Anmut wie überhaupt alle seine weiblichen Figuren, immer sehr zart und sanft und weich daherkommend. Das war also eine ganz wichtige Zeit für ihr, denn er hatte mit dieser Hochzeit auch eine gewisse gesellschaftliche Stellung erfahren, einen Rang erfahren.“

Rembrandt wird in die Malergilde aufgenommen und führt ab 1635 seine eigene Werkstatt. Für den Kauf eines stattlichen Hauses nimmt der Maler einen Kredit auf. Von den vier Kindern, die aus Rembrandts Ehe mit Saskia hervorgehen, überlebt nur Sohn Titus. Er bleibt lange Jahre sein einziges Kind.

1642 stirbt Saskia. Ihr Tod ist ein großer Einschnitt in Rembrandts Leben. Er verliert daraufhin nicht nur seine enorme Schaffenskraft. Auch sein Vermögen beginnt sich unaufhaltsam aufzulösen. Der Kredit für sein Haus ist bald nicht mehr zu bezahlen. Sein Besitz wird schließlich versteigert. Der finanzielle Abstieg des Malergenies ist untrennbar auch mit seinem gesellschaftlichen Niedergang verknüpft. Freunde und Gönner lassen ihn allein, seine Schüler ziehen sich zurück.

Rembrandt malt eine biblische Szene – und setzt einen Vorhang davor

In dieser Zeit entsteht das Gemälde: „Die Heilige Familie mit dem Vorhang“. Gezeigt wird hier eine biblische Szene in einem niederländischen Haus. Die Personen tragen zeitgenössische niederländische Kleidung. Maria mit dem Jesuskind sind im Vordergrund zu sehen, im Hintergrund etwas verdunkelt Josef bei der Arbeit. Zwar hat Rembrandt häufiger die Heilige Familie als Bildthema gehabt. Doch die Besonderheit an diesem Werk ist der titelgebende Vorhang.

„Und das Spannende an der Angelegenheit ist, dass dieser Vorhang zur Seite gezogen ist. Man bekommt also sozusagen einen Blick hinter den Vorhang. Da sieht man auch: Rembrandt war ein guter Theologe. Er sagt: Das, was verhüllt ist, was wir eigentlich nicht begreifen und verstehen können, nämlich dass Gott Mensch geworden ist in Jesus Christus, das bekommen wir jetzt hier gezeigt. Also Offenbarung, die Bibel ist eine Offenbarungsschrift, in der uns gezeigt und erläutert wird, in der wir erzählt bekommen, dass Gott den Menschen begegnet ist, genau diese Offenbarung macht er jetzt zum Bildthema.“

Um sich und seinen Sohn Titus nicht unversorgt zu lassen, holt Rembrandt Geertje Dircx als Haushälterin und Amme zu sich. Zwischen Rembrandt und Geertje entwickelt sich eine Liebesbeziehung. Doch als Geertje die 16 Jahre jüngere Hendrickje Stoffels als Dienstmädchen in den Haushalt holt, beginnt Rembrandt mit dieser ein Verhältnis. Es kommt zum Streit. Geertje fordert wegen des nicht eingehaltenen Eheversprechens die Zahlung einer Rente, kann sich aber rechtlich nicht durchsetzen und verbringt fünf Jahre im Zuchthaus. Nach ihrer Entlassung erlebt sie noch, wie Rembrandt Konkurs anmelden muss. Kurz darauf stirbt sie.

Die Calvinisten maßregeln Rembrandt

Hendrickje Stoffels ist nun die Frau an der Seite des 20 Jahre älteren Rembrandt. Sie heiraten zwar nicht, weil dies der Verlust des Erbes aus der Ehe mit Saskia bedeutet hätte. Hendrickje bringt jedoch eine Tochter zur Welt. Das hat Folgen, denn der streng calvinistische Kirchenrat maßregelt diese Form von Unzucht. Rembrandt ist dadurch noch mehr vom öffentlichen Leben isoliert. Nach der Versteigerung des Wohnhauses wohnt er mit Lebensgefährtin und Tochter in einem einfachen Stadtviertel Amsterdams. Er sucht bewusst die Nähe zu anderen Außenseitern der damaligen Zeit. Neben jüdischen Freunden kommt er dabei auch in Kontakt mit den aus der Reformation hervorgegangenen Mennoniten. Die Frömmigkeit dieser Protestanten und die seiner jüdischen Freunde beeindrucken ihn mehr als die seiner eigenen calvinistischen Kirche.

Auch wenn die persönlichen Schicksalsschläge und die wirtschaftliche Not die Schaffenskraft Rembrandts stark verändern: Seine künstlerische Kraft wird dadurch nicht geschwächt. Dennoch lässt die Anzahl der Aufträge nach. Grund dafür ist neben der gesellschaftlichen Isolation Rembrandts auch die sich verschlechternde wirtschaftliche Lage, der Niedergang des „Goldenen Zeitalters“. In ärmlichen Verhältnissen entsteht sein Spätwerk, darunter auch das berühmte Gemälde von der „Rückkehr des verlorenen Sohnes“.

Sein bekanntestes christliches Werk

Es geht auf das entsprechende Gleichnis im Lukasevangelium zurück, in dem Jesus die übergroße Barmherzigkeit und Güte Gottes verdeutlichen will. Das Bild Rembrandts ist geprägt von den unterschiedlichen Helligkeiten. In der linken Bildhälfte erstrahlt in Licht und warmen Farben die barmherzige Geste des Vaters, der seinen zurückgekehrten abtrünnigen Sohn in den Arm nimmt. Der übrige weit größere Teil des Gemäldes dagegen liegt im Dunkeln. Wie auch am rechten Bildrand die tragische Figur dieser Szene: Der Bruder, der beim Vater geblieben war. Er blickt aus dem Schatten heraus auf die Begegnung und kann nicht annehmen, dass der Wiedergekehrte nun die Liebe des Vaters erfährt.

„Es geht jetzt also darum, dass er distanziert bleibt, während der Vater sich ganz wieder in die Vergebungsbereitschaft gegenüber dem Sohn – dem verlorenen Sohn, wie man ja sagt – hineinbegibt. Mit gefällt übrigens besser der Titel ‚Das Bild des barmherzigen Vaters‘, weil der Sohn ja am Ende nicht verloren bleibt, sondern weil er wieder zurückfindet und weil es genau darum geht. Das ist ja dieser Kontrast zwischen ‚Wie können Menschen sein?‘ und ‚Was brauchen Menschen eigentlich?‘. und die beiden Söhne, die sind natürlich Prototypen dafür. Und dieser barmherzige Vater, von dem Jesus erzählt, er ist eben einer, der sich aller annimmt, so unterschiedlich sie auch sein mögen.“

Ausgerechnet Simeon – Rembrandts letztes Werk

1663 stirbt Rembrandts Lebensgefährtin Hendrickje, fünf Jahre später auch Sohn Titus mit nur 27 Jahren. Für Rembrandt brechen nicht nur seine engsten Bezugspersonen, sondern auch sein finanzieller Grundstock weg. Der Maler versinkt immer tiefer in Armut. In seinem letzten Lebensjahr wird er noch versorgt durch seine gerade einmal 14 Jahre alte Tochter Cornelia, die aus der Verbindung mit Hendrickje stammt. Am 4. Oktober 1669 stirbt Rembrandt Harmenszoon van Rijn.

Sein letztes Werk „Simeon im Tempel“ bleibt unvollendet. Diese biblische Erzählung wird im Kirchenjahr immer am Wendepunkt zwischen dem Weihnachts- und dem Osterfestkreis verlesen. Als die Eltern Jesus in den Jerusalemer Tempel bringen, wird der greise Simeon auf das Kind aufmerksam. Ein Leben lang, so heißt es im Lukasevangelium, habe dieser auf die Begegnung mit dem Messias gewartet, den er im kleinen Jesus erkennt. Simeon stimmt darauf einen Lobgesang an, und erklärt: Nun könne er aus dieser Welt scheiden, da er das Heil und Licht aller Völker, mit eigenen Augen gesehen habe. Der Zusammenhang dieses Gemäldes mit Rembrandts Biografie beeindruckt Dominik Meiering.

„Dass er jetzt gerade dieses Bild des greisen Simeon am Ende nicht mehr vollendet hat, das spricht natürlich irgendwie auch Bände. Denn dieses Gebet ist ja ein Gebet, das dieser alte Mann, der blind ist, im Tempel in Jerusalem spricht in dem Augenblick, als er Jesus sieht. Und er hat eben diese Freude im Herzen, dass er stirbt, aber eben nicht unerlöst, sondern weil er weiß, dass Gott da ist, dass Gott Mensch geworden ist und dass Gott sich auch um ihn in seiner Not, in seiner Blindheit auf dem Weg zum Sterben hin zeigt. Und das ist irgendwie ein sehr trosthaftes Gebet, das die Kirche da immer wieder spricht. Jeden Abend sind die Priester und die Kleriker und die Ordensleute und die Klöster und alle, die da leben, die beten ja dieses Gebet des Simeon: ‚Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen.‘ In Frieden scheiden, das kann am Abend sein. Ich lege mich zum Schlafen hin, aber der Schlaf ist des Todes Bruder. Also es ist auch ein Abschiednehmen von dieser Welt. Ein wirklich wunderbares Ereignis, dass er dieses Bild am Ende gemalt hat und nicht vollendet hat.“

 

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.

 

 

Zitate:
(1) Jörg Zink: Was die Nacht hell macht. Rembrandt als Maler der christlichen Botschaft, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2015, 21.


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Dieser Beitrag wurde am 29.09.2019 gesendet.


Über den Autor Jan Hendrik Stens

Jan Hendrik Stens, 1977 in Lippstadt geboren, studierte Theologie und Kunstgeschichte in Münster und Rom. Seit 2009 ist er Redakteur bei DOMRADIO.DE in Köln. Kontakt:
janhendrikstens@gmx.de

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