Morgenandacht, 23.09.2019

von Bischof Franz-Josef Bode, Osnabrück

Heute, wenn ihr seine Stimme hört

„Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet nicht eure Herzen!“ Dieses Wort aus der Bibel (vgl. Ps 95,7 f., Hebr 3,7 f.) stellt die Kirche vor jeden neuen Tag. Sie tut es in ihrem Stundengebet, das Priester, Ordensleute und viele andere unablässig beten. Was mich daran immer wieder fasziniert, ist der Gedanke, dass Gottes Stimme an jedem Tag, in jedem Heute, hörbar ist. Und wer nicht nur morgens seine Ohren für die Wachmacher im Radio öffnet, sondern sie auch tagsüber offenhält für andere, zumeist leisere Töne, der wird heraushören können, was Gott heute von ihm will.

Meistens ist das die schlichte Annahme des Alltags mit seinen Sorgen und Freuden, mit seinen Begegnungen und Einsamkeiten, mit seinen Verletzungen und Heilungen, mit ungelösten Problemen und neuen Perspektiven. Gott spricht im Heute! Er sprach nicht nur früher, damals, in längst vergangenen Zeiten, und er spricht nicht nur in der Tradition, so wichtig unsere Herkunft im Glauben ist. Er spricht auch nicht erst morgen wieder, in der verheißenen Zukunft.

Er spricht im Heute. „Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit“, davon war der Gründer des Jesuitenordens, der heilige Ignatius von Loyola, überzeugt. Und eindringlich spricht Gott sein Volk an durch Mose: „Heute sollst du erkennen und zuinnerst begreifen: Der Herr ist der Gott im Himmel droben und auf der Erde unten, keiner sonst“ (Dtn 4,39). Einige Seiten weiter steht in der Bibel: „Seht, heute werde ich euch den Segen und den Fluch vorlegen: den Segen, wenn ihr auf die Gebote des Herrn, eures Gottes, ... hört, und den Fluch für den Fall, dass ihr nicht auf die Gebote des Herrn, eures Gottes, hört, sondern von dem Weg abweicht, auf den ich euch heute verpflichte“ (Dtn 11,26-28).

Solche Sätze fordern zur Entscheidung heraus. Sie zeigen aber auch, dass unser Gott ein Gott des Heute ist, ein Gott meines und unseres Alltags. Das bedeutet tragende Nähe, die gelassen machen kann. Aber auch Nähe, die mit Gott rechnet und wach ist für seinen Willen. Deshalb spielt das „Heute“ in der gesamten Geschichte Gottes mit den Menschen eine so große Rolle. Im Lukasevangelium taucht es insgesamt elfmal auf, besonders an sieben wichtigen Stellen. Von der Geburt Jesu, als den Hirten im Feld verkündet wurde: – „Heute ist euch der Retter geboren“ (Lk 2,11) – bis zur Kreuzigung, bei der Jesus dem Mitgekreuzigten an seiner Seite zusagt: – „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43). Das Wort „Heute“ klingt durch, damit wir die Ereignisse nie nur in der Vergangenheit verstehen, sondern in der Gegenwart, im Jetzt: unter uns, mit uns und in uns, damit sie uns zu eigen werden und so für unser Leben bedeutsam.

Deshalb möchte ich in dieser Woche auf diese besonderen „Heute“-Worte aus dem Lukasevangelium blicken und auf ihre Bedeutung für das hier und heute. Es geht darum, sensibel zu werden für den Willen Gottes, für seinen Auftrag an jedem Tag. Denn unser Herz kann oft sehr verhärtet sein durch Routine, durch Lärm und Geschäftigkeit, durch Bitterkeit. Und es kann vernarbt sein durch manche Verletzungen und Enttäuschungen. Gott will unsere Härten lösen, er will für uns ein Herz von Fleisch und nicht von Stein, sagt der Prophet Ezechiel (Ez 36,26).

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, vielleicht nehmen Sie sich heute vor, auf die Stimme Gottes an diesem Tag zu achten: in den Begegnungen, in neuen Erfahrungen, in guten Entscheidungen, im Annehmen dessen, was auf Sie zukommt, oder auch in der Ruhe eines stillen Momentes.

„Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht!“

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 23.09.2019 gesendet.





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