Morgenandacht, 11.09.2019

von Annkathrin Tadday, Detmold

Erinnerungen

Wenige Ereignisse erschütterten die ganze Welt so sehr wie der Angriff auf die USA am 11. September 2001. Durch diesen Terroranschlag starben unzählige Menschen, wurden verletzt oder standen vor den Trümmern ihres Lebens. Nine/eleven – heute vor 18 Jahren. Die schrecklichen Bilder haben sich eingebrannt ins Gedächtnis und manchmal denke ich: Ach, könnte ich das doch einfach vergessen. So wie andere Menschen vergessen, wo sie ihre Kaffeetasse abgestellt oder die Zeitung hingelegt haben.

„Erinnerungen, die unser Herz berühren, gehen niemals verloren“.
Das gilt für die schönen Erlebnisse genauso, wie für jene, die ich aus meinem Gedächtnis lieber streichen möchte. Ich glaube, das ist auch gut so, denn Erinnerungen haben nicht nur eine schmerzliche, sondern zugleich eine heilsame Wirkung.

Gleiches gilt auch für das Vergessen. Manchmal ist es ja gut, dass wir vergessen können. Es wäre belastend für unsere Beziehungen, wenn wir über Streit und Kränkungen nicht hinwegkommen und ewig alles nachtragen würden. In diesem Fall hat das Vergessen eine heilsame Seite.

Und dann gibt es noch das Vergessen im Sinne von „verdrängen“: zum Beispiel wenn ich eine Blamage nicht mehr wahrhaben will. Wenn ich Unangenehmes oder sogar Bedrohendes im Unterbewusstsein abgelegt habe. Das kann schützen. Aber die vermeintlich vergessene Erinnerung kann eines Tages mit zerstörerischer Gewalt wieder hochkommen. Also bin ich klug beraten, wenn ich konstruktiv zurückzuschaue und gut ausbalanciere, was ich festhalte und was loslasse.

Ein Wort aus der jüdischen Tradition lautet:
„Das Vergessenwollen verlängert das Exil, aber das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“

Mir fällt eine biblische Situation ein: das Leid, die Bedrängnis und Not, die das Volk Israel in der Zeit der Sklaverei im fremden Ägypten erfahren hat. Die Erinnerung an die alte Heimat, an ein freies Leben kultivierte die Hoffnung auf Erlösung und blieb treibende Kraft, nicht aufzugeben. Der Auszug aus jenem Ägypten wurde ein Akt der Befreiung und damit ein erlösendes Wagnis in eine Zukunft, die erst noch gelebt und gestaltet werden musste. Und wieder brauchte es die bewusste Erinnerung, damit die erlangte Freiheit in den Herzen der Menschen weiterlebt.

Die „Vogel-Strauß-Taktik“, das heißt: den Kopf in den Sand zu stecken, mag beruhigen, aber sie macht blind für das Kommende. Sie hat keine Kraft, die die Zukunft gestaltet. Das gilt im Kleinen, wie im Großen. Das gilt bei mir zuhause, wie im fernen Amerika. Die Erinnerung daran, dass ein Lebenstraum zerplatzt ist, lehrt mich bedächtiger im Umgang mit meiner jetzigen Lebenssituation zu sein. Dem entstandenen Schmerz weicht die erlösende Erfahrung, dass sich neue Ziele auftun.

Das gilt auch für den Umgang mit dem heutigen Tag. Nine/eleven vergessen zu wollen mag mich und andere beruhigen, bewahrt uns davor die Bilder des Schreckens anzuschauen und uns dem Leid vieler Menschen auszusetzen. Aber es zu vergessen, würde die Zukunft blockieren und bewirken, nichts aus dem Erlebten zu lernen. Wenn wir aus der Geschichte nichts lernen, sind wir verdammt, sie zu wiederholen.
Wenn ich die Geschichte als Fluss betrachte, der weiterfließt in neue unbekannte Landschaften hinein, wird das Gedenken zu einer Kraft, die Zukunft gestaltet.

Ich werde heute nicht wegschalten, wenn die alten Bilder des Terroranschlags auf dem Bildschirm erscheinen. Ich brauche auch nicht weit zu fliegen, um ein Museum und Mahnmal der Geschichte aufzusuchen, die finde ich auch in meiner Umgebung. Mir wird heute bewusst, wie wertvoll diese Orte sind.

Für das Volk Israel war in biblischer Zeit diese Kraft verbunden mit der Gegenwart Gottes. Ein lebendiger Gott, der mitgeht, der mitträgt, der durchträgt und erlöst.
Das hoffe ich und diese Kraft wünsche ich mir für heute, den 11. September 2019.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 11.09.2019 gesendet.


Über die Autorin Annkathrin Tadday

Annkathrin Tadday wurde 1966 in Ostwestfalen geboren. Sie legte das C-Examen Kirchenmusik in Bielefeld ab, studierte Religionspädagogik in Paderborn und ist als Gemeindereferentin im Pastoralverbund Lippe-Detmold tätig. Lebenserfahrung, Praxis und Fortbildungen profilierten sie zur kommunikativen und kreativen Religionspädagogin, Mentorin und geistlichen Begleiterin. Sie ist verheiratet und hat 4 Kinder.

Kontakt:
annkathrin.tadday@katholisch-in-detmold.de

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