Morgenandacht, 10.09.2019

von Annkathrin Tadday, Detmold

Menschenskind

„Meine Güte, das kann doch nicht wahr sein, ist das denn möglich? Menschenskind nochmal!“, manchmal überrascht er mich und ich bin beeindruckt, freudig oder erstaunt. Aber manchmal nervt er mich, ich werde ärgerlich, sogar wütend und rufe vorwurfsvoll: „Menschenskind nochmal!“

Menschenskind, ja natürlich ist er ein Menschenkind. Dieser Jesus von Nazareth. Ein Mensch – genau wie wir alle. Wir fallen nicht vom Himmel, sondern werden als Kind unserer Eltern geboren. Die Eltern Jesu hießen Maria und Josef. Über seine Geburt und sein Auftreten als Zwölfjähriger im Tempel weiß ich Bescheid. Aber dann verliert sich seine Spur bis zu der Zeit seines öffentlichen Auftretens. Im Neuen Testament der Bibel heißt er „der Menschensohn“.

Aus der hebräischen Sprache übersetzt bedeutet dies ganz einfach „Menschenkind“. „Für wen halten die Leute den Menschensohn?“ – das fragte Jesus seine Freunde.

Die Antwort, die seine Jünger ihm geben, kann ich im Matthäusevangelium nachlesen. Aber vielmehr beschäftigt mich, dass ich mich hier angesprochen und mitgefragt fühle. Was halte ich von diesem Menschensohn Jesus?

In jeder anderen Religion versuchen sich die Menschen Gott zu nähern. Doch in Jesus Christus nähert sich Gott den Menschen. Gott schlägt hier eine Brücke zu uns, die wir nicht allein hätten bauen können. Gott will Mensch sein. Und das bedeutet: Ich kann mich Gott auf ganz persönliche Art nähern, und Jesus auch heute persönlich, ja, menschlich nehmen.

Die Hamburger Kommunikationsdesignerin Eva Jung hat das auf ihre Weise getan. Sie hat Fotos gemacht, die in fenstergroßem Format in einer Wanderausstellung durch das Erzbistum Paderborn reisen. Die Ausstellung heißt „Mensch Jesus“ und ich erlebe sie in diesem Monat in der Detmolder Heilig Kreuz-Kirche.

In ihren Bildern will Eva Jung den biblischen Alltag Jesu mit unserem Alltag heute in Verbindung bringen. Da gibt es zum Beispiel das Foto, auf dem ich nichts anderes als Partyhäppchen sehe. Das hat mich neugierig gemacht. Was hat das mit Jesus zu tun? Doch durch dieses Bild fühlte ich mich unweigerlich an wunderbare Momente erinnert. An einen festlichen Empfang bei einer Hochzeit. Und mitten auf dem Foto steht: „Jesus, der Partylöwe“ und unten drunter ergänzend: „Er war gern gesehener Gast auf vielen Festen, denn wenn er dabei war, war es nie langweilig.“

Dieser Gedanke ist für mich einleuchtend: Dieser Mensch Jesus, Gottes Sohn, ist mitten drin in schönen Momenten des Lebens. 

Eva Jung hat noch mehr solcher persönlichen Facetten aus dem Leben Jesu, wie es die Bibel erzählt hat, aufgespürt und ins Heute übersetzt. Aus ihrer eigenen Erfahrung heraus, will Sie damit deutlich machen: Jesus ist nicht eine Person der Vergangenheit. So wie er damals das Leben der Menschen geteilt hat, so steht er immer noch zu uns. Jetzt. Hier. Und Heute. Die Bilder machen mich erst stutzig und dann nehmen sie mich doch auch an die Hand. Ich erkenne Handtaschen, Gießkannen, Straßenschilder, Federkissen, alles ganz vertraute Motive. Im ersten Moment bin ich verwirrt – was hat das alles bitte schön mit Jesus zu tun? – und im zweiten Moment eröffnen sie das Abenteuer, mich Jesus zu nähern.

In dieser Nähe spüre ich seine große Menschenliebe und sein Gottvertrauen. Er lebt aus der Verbundenheit mit Gott, das kann ich in vielen biblischen Zitaten lesen. Aber spüren? … das gelingt mir mit Hilfe dieser verrückten Bilder. Sie ver-rücken meine Sicht, sie verändern mein Denken und Fühlen. Für mich ist Gott durch Jesus Christus nicht unendlich fern.

Und: Da gibt es noch ein Motiv, an das ich mich erinnere. Es zeigt ein großes Haus. Es ist bewohnt, Gardinen am Fenster, Blumen auf dem Balkon. Auf diesem Foto steht: „Jesus, der Mitbewohner“.

Mit Jesus. Bei mir zuhause. Mitten in der Küche. Da, wo miteinander gegessen wird und Pläne für die Zukunft geschmiedet werden. Wo die Schulbücher der Kinder liegen, wo der Besuch mit mir Kaffee trinkt und wo nebenbei das Radio läuft.

Mit Jesus ist Gott mir nah! Im Hier und Jetzt.

Menschenskind nochmal!

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 10.09.2019 gesendet.


Über die Autorin Annkathrin Tadday

Annkathrin Tadday wurde 1966 in Ostwestfalen geboren. Sie legte das C-Examen Kirchenmusik in Bielefeld ab, studierte Religionspädagogik in Paderborn und ist als Gemeindereferentin im Pastoralverbund Lippe-Detmold tätig. Lebenserfahrung, Praxis und Fortbildungen profilierten sie zur kommunikativen und kreativen Religionspädagogin, Mentorin und geistlichen Begleiterin. Sie ist verheiratet und hat 4 Kinder.

Kontakt:
annkathrin.tadday@katholisch-in-detmold.de

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