Feiertag, 15.09.2019

von Dr. Michael Kinnen, Trier

Das blaue Wunder von Mainz. 40 Jahre Chagall-Fenster in St. Stephan

Eigentlich sprach alles dagegen als der Pfarrer der Kirche St. Stephan in Mainz in den 1970er Jahren Marc Chagall anschrieb und fragte, ob er bereit sei, die neuen Fenster für die Katholische Kirche zu schaffen. Doch Monsignore Klaus Meyer, heute 96 Jahre alt, hatte tatsächlich Erfolg. Der weltbekannte und damals schon hochbetagte jüdische Künstler Chagall schuf insgesamt 9 Fenster. Die beiden flankierenden Mittelfenster wurden vor genau 40 Jahren eingeweiht.

„Er war immer umwerfend bescheiden, interessiert, aber immer unverbindlich. Ich bekam kein Ja. Ich musste lernen, dass man von Chagall erst ein Ja bekommt, wenn er das Bild in sich schaute. Und dann sagte mir Vava Chagall, wenn sie mich an die Haustür gebracht hat; da hat sie gemeint, sie müsste mich trösten. Und da hat sie gesagt: Man muss nur glauben, dann wird es auch.“

Wie oft wohl schon hat er diese Geschichte erzählt? Klaus Mayer ist katholischer Priester, Pfarrer, Monsignore. 96 Jahre alt inzwischen. Er war es, der daran glaubte – und es wurde: Er war es, der den Künstler Marc Chagall gegen alle Wahrscheinlichkeit dazu brachte, die weltberühmten Fenster für die Kirche St. Stephan in Mainz zu schaffen. 40 Jahre auf den Tag ist es heute her, dass zwei von insgesamt später neun Chagall-Fenster in St. Stephan eingeweiht wurden: die beiden flankierenden Mittelfenster mit der Vision der Heilsgeschichte. Monsignore Klaus Mayer wird nicht müde, die Geschichte von den Chagall-Fenstern zu erzählen. Und es wird nie langweilig, sie von ihm immer wieder zu hören. Seine Augen strahlen, wenn er von Marc Chagall und seiner Frau Vava erzählt. Von einem Brief, den er an den Künstler schrieb; von der ersten Begegnung und den vielen, die dann noch folgten und wie daraus eine Freundschaft wurde. Klaus Mayer ist begeistert, wenn er erzählt von der Kunst und der immer aktuellen Botschaft der Glasmal-Mystik, die sich in den Chagall-Fenstern widerspiegelt; vom christlich-jüdischen Dialog, der ihm, dem Sohn eines jüdischen Vaters, so wichtig ist; von Frieden und Versöhnung nach dem Krieg und von der bleibend-aktuellen Vision einer himmlischen Sehnsucht, von der man im tiefen Blau der Fenster schon etwas ahnen kann. Es war und bleibt ein Wunder, von dem Klaus Mayer erzählt – das blaue Wunder von Mainz.

Eigentlich sprach ja alles dagegen. St. Stephan liegt sozusagen im Schatten des Doms. Im Krieg wurde die Kirche zu großen Teilen zerstört und nur mühsam wieder aufgebaut. Klaus Mayer war seit acht Jahren Pfarrer dieser Kirche, als er 1973 an Marc Chagall schrieb. Aufmerksam geworden durch Bildbände anderer Fenster von Chagall hatte er die Idee, den Wunsch, die Sehnsucht, dass ausgerechnet dieser Künstler es sein sollte, der für St. Stephan neue Fenster schafft: ein jüdischer Künstler für eine katholische Kirche. Als Zeichen der Versöhnung und der Verbundenheit im Glauben – nach den Schrecken des Krieges. Eine ziemlich abwegige Idee, schien es. Die beiden kannten sich nicht. Es war ein Brief an einen Künstler von Weltrang, der Zeit seines Lebens nie in Mainz war. Es war ein Brief an einen Juden, der nach dem Krieg mit dem Land, das den Juden so unfassbares Leid angetan hatte, nichts zu schaffen haben wollte. Es war ein Brief an einen damals 86-Jährigen, der schon in der Schlussphase seines großen Werkes stand. „Man muss nur glauben, dann wird es auch!“ Der Satz, den Vava Chagall Jahre später dem beharrlich bittenden Klaus Mayer mit auf den Weg gab, hat ihn wohl vorher schon unbewusst und innerlich geleitet. Jedenfalls wurde nach vielen Kontakten und auch Besuchen das erste kleine Wunder wahr, schon – oder erst – drei Jahre nachdem Klaus Mayer an Marc Chagall geschrieben hatte:

„Dann bekam ich am 30. Dezember 1976 einen Brief von Vava Chagall, in dem sie mir mitteilt, dass ihr Mann an einem Fenster für St. Stephan arbeite. Und da wusste ich: Wenn sie mir das schon – so gut kannt‘ ich ihn dann – wenn sie mir das schreiben darf, dann hat er es schon.“

Zuerst war nur ein Fenster angedacht

1978 das erste und ein Jahr später schon zwei weitere Fenster, die heute vor 40 Jahren eingeweiht wurden. Dass aus einem Fenster in der Mitte des Ostchores von St. Stephan kurz danach mit den beiden flankierenden Fenstern schon drei Chagall-Fenster wurden: Das war keinesfalls sicher:

„Es war noch vollständig offen. Und eigentlich hat das erste Fenster danach geschrien, dass es weiter ging. Er war ja also hochbetagt. Man hat also immer ein bisschen den Atem angehalten. Da hab ich ihm Andrucke gebracht zur Reproduktion zu Motiven aus dem ersten Fenster. Da hatte er schon die Entwürfe zum seitlichen Mittelfenster fertig gehabt und hat sie mir da gezeigt.“

Die beiden flankierenden Mittelfenster: „Das Fenster des Mannes“ und das „Fenster der Frau“, nennt Klaus Mayer sie. Im südöstlichen von ihnen sind vor allem Männer, im nordöstlichen Fenster vor allem Frauen aus der Bibel dargestellt: Männer und Frauen gehören in der Heilsgeschichte zusammen, sind gleichwertig, sind aufeinander bezogen. In Liebe verbunden.

So wandert das Auge wie in einer Schraubbewegung zwischen den beiden Fenstern von unten nach oben zum Himmel: Mit der Erschaffung des Menschen, Adam und Eva im Paradies; mit Noah und den Tieren der Arche; mit dem König David und seiner Geliebten Batseba; mit Abraham und Rebekka, der Frau seines Sohnes Isaak; mit Maria, der Mutter Gottes, und Jesus. Durchweg bestimmend: die Farbe Blau. Und dann ist da das Fenster des Propheten Elija, der frustriert unter dem Ginsterstrauch sitzt - dargestellt in Dunkelblau -, weil ihn die Kräfte und die Motivation verlassen. Doch der Engel, der kommt und ihn anrührt, der ihm neue Kraft gibt, dieser Engel ist in goldgelber Farbe zu sehen. So wirkt er wie das Licht, das vom Himmel kommt und aufhellt – auch das menschliche Leid aufhellen kann. Oder König David im roten Königsgewand, der zur Harfe greift, um Gott zu loben. Da schillert diese Harfe in den Regenbogenfarben, greift das Blau auf und ergänzt es, führt es weiter. Der Regenbogen als Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Menschen, ist noch an vielen anderen Stellen in den Fenstern zu sehen. Je länger ich die Fenster betrachte, desto mehr entdecke ich, was da alles angedeutet ist – auch unter der Oberfläche des direkt Sichtbaren. Das beschreibt Klaus Mayer auch in einem Buch über die Fenster:

„Marc Chagall malt 'supranatural'. Es geht ihm nicht nur um das Vordergründige, sondern mehr noch um das Hintergründige, Übergründige. Er lässt uns im Sichtbaren Unsichtbares erleben, im Zeitlichen Ewiges, im Geschaffenen den Schöpfer.“

Noch zwei weitere Male hat Marc Chagall sich ans Werk gemacht, nachdem diese ersten drei Fenster in St. Stephan fertig waren. Neun Fenster sind insgesamt daraus geworden; das letzte wurde erst kurz nach seinem Tod 1985 in Mainz eingeweiht. Sein Schüler Charles Marq hat danach neben den neun Chagall-Fenstern noch weitere Fenster für die Kirche in den besonderen Blautönen geschaffen – in der Tradition Chagalls, um das Gesamtkunstwerk abzurunden. Hunderttausende von Touristen kommen seitdem jährlich in die gotische Kirche am Stephansberg oberhalb der Mainzer Altstadt, um ganz wörtlich ihr „blaues Wunder“ zu erleben.

Die Schönheit der Farben – die Tiefe der Botschaft

Immer wieder, wenn ich nach St. Stephan komme, geht es mir wie vielen der Besucher. Ich bin beeindruckt. Beeindruckt vom tiefen Blau. Beeindruckt von der Vielfalt der Farben in diesem Blau. Beeindruckt von den biblischen Motiven von der Schöpfung bis zur Vollendung der Welt; Motive, die je nach Tageszeit von den Sonnenstrahlen durchflutet werden und ihren Widerhall dann im Kirchenraum finden. An den Säulen, an den Bänken, auf dem Boden bilden sich dann die Farben ab. Beeindruckt aber auch von Klaus Mayer, diesem kleinen, fast unscheinbaren Mann, der da am Mikrofon im Mittelgang steht, um mit manchmal leiser, manchmal sich überschlagender Stimme begeistert und begeisternd von dem zu erzählen, was man da sieht: einzuführen in die biblische Botschaft in den Fenstern, die ihm selbst viel wichtiger ist, als die äußere Schönheit. Einkehren, schweigen, auf sich wirken lassen. Darin sieht der Pfarrer auch die Chance, den Glauben zu vermitteln. Klaus Mayer kommt auch im Ruhestand darum auch immer wieder in „seine“ Kirche, um Meditationen zu den Fenstern anzubieten, was die Besucher gerne annehmen.

„Die Botschaft bleibt. Und was ich mir wünsche, dass sie an die Menschen herangetragen wird. Das ist eine einzigartige Chance, eine pastorale Chance, Bibel an Menschen heranzutragen. Und da komme ich natürlich an Menschen heran, an die man im Gottesdienst gar nicht herankommt, ihnen etwas mitzugeben.“

Etwas mitgeben, das froh macht. Etwas mitgeben, das bleibt. Etwas mitgeben, das im Alltag hilft, das mit Gott verbindet. Das ist Verkündigung. Daran mitzuwirken, auch durch die Kunst von Marc Chagall, das ist für den Monsignore von St. Stephan - einfach wunderbar.

„Diese Fenster machen uns so froh“. Ein Satz, den Monsignore Mayer oft gehört hat – und immer wieder hört. Und ihm geht es ja auch selbst so. Man merkt es ihm an, wenn man ihm zuhört, wie viel Freude er ausstrahlt, wenn er erzählt, auch wenn die Stimme im Alter brüchiger wird. Froh machen soll aber vor allem die biblische Botschaft, die Botschaft von Freude, Zuversicht und Hoffnung, die in den Fenstern spürbar wird. Der Regenbogen in seinen schillernden Farben ist das passende, wiederkehrende Motiv dabei. Der Regenbogen, der für diese hoffnungsvolle Freude und Zuversicht steht und ja auch in der Bibel eine besondere Bedeutung hat, wenn das Buch Genesis, Gott sprechen lässt:

„Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Zeichen des Bundes werden zwischen mir und der Erde. Erscheint der Bogen in den Wolken, dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch und allen Lebewesen.“ (Genesis 9,13-15)

Aus dem Glauben, dass sie mit Gott verbunden sind, dass sie eine Verbindung haben: einen Bund, den Gott geschlossen hat, daraus schöpfen Menschen Kraft. Der Regenbogen als sichtbares Zeichen dafür, als Bogen zwischen Himmel und Erde, fasziniert. Und er eignet sich besonders für einen Künstler wie Chagall und seine Glasmalerei! In einem seiner Bücher zu den Fenstern in St. Stephan hat es Monsignore Mayer so beschrieben:

„Ist nicht der Regenbogen, entstehend durch Licht, das in Wassertropfen gebeugt, gebrochen, in Farben zerlegt wird, treffendes Symbol für einen Maler, der sich dieser Medien bedient?  (…) Wie der Regenbogen zwei voneinander entfernte Enden miteinander verbindet, so muss der Glasmaler seine Konzeption, Licht, Glas und Farbe, Raum und Beschauer miteinander verbinden. Und will nicht der Künstler – ähnlich wie Gott - mit dem Regenbogen Zeichen setzen, die zur Besinnung führen, das Gute im Menschen ansprechen, auf geistige Wirklichkeiten hinweisen, die Zeichen der Hoffnung sind! So versteht jedenfalls Marc Chagall seine Kunst.“ (2)

Chagall zeigt das christlich-jüdisch-Verbindende

Jedes einzelne der Motive in den Fenstern kann eigens meditiert werden; kann berichten von den sichtbaren und den angedeuteten Hinweisen des jüdischen Künstlers auf das christlich-jüdisch-Verbindende, auf die gemeinsame Geschichte. Im Spiel der Farben weisen die Fenster hin auf die geniale Konzeption der Geschichte Gottes mit den Menschen, mit Frauen und Männern aus unterschiedlichsten Zeiten, wie sie doch zusammen gehören, aufeinander bezogen sind, Anteil haben am großen Plan Gottes – bis heute. Das ist die Vision der Heilsgeschichte, die sich wie ein roter Faden durch die blauen Fenster zieht. Klaus Mayer bietet diese Meditationen an, immer wieder. Mit inzwischen 96 Jahren – ein geradezu biblisches Alter. Im Juni hat Monsignore Mayer schon die viertausendste Meditation gehalten. Darüber führt er Buch. Viertausend Mal hat er in über vier Jahrzehnten Besuchern durch die Fenster und ihre Motive von den Wundern der Schöpfung erzählt. Das spricht an, berührt, macht hellhörig und wach für die Spuren Gottes im Alltag – oder einfach froh.

Froh, seine Kunst zu sehen. Denn Marc Chagall erkennt man wieder. Sein Stil ist unverwechselbar. Ein Motiv aus den Jubiläums-Fenstern von St. Stephan hat die Deutsche Post im vergangenen Jahr zum Motiv ihrer Weihnachtsbriefmarke gemacht: Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm - in himmlischem Blau. Es ist ein Ausschnitt aus dem Fenster, in dem etwas größer auch das Kreuz zu sehen ist. Jesus mit ausgebreiteten Armen wirkt an diesem Kreuz so, als wolle er den Betrachter selbst in die Arme schließen: Grenzenlose Liebe mit offenen Armen bis in den Tod!

„Marc Chagall hat Maria mit dem Kind kleiner gemalt als den Gekreuzigten nebenan, um die Möglichkeit der Steigerung zu haben, die es im Erlösungswirken gibt, das mit der Menschwerdung begonnen hat. Zugleich wird damit der Abstand deutlich, der zwischen dem Messias und seiner Mutter besteht, trotz der Bande des Blutes und der diese übersteigenden Verbundenheit im Glauben von Maria.“ (3)

So hat es Klaus Mayer in einem Buch zur Erklärung der Fenster geschrieben. Auch das ist eine Besonderheit: der jüdische Künstler ist mit seiner Kunst tief in die christliche Theologie eingestiegen ohne selbst Theologe oder Dogmatiker zu sein. Vielleicht ist es auch gerade das, was sein Werk so berührend macht: Dass er es schafft, vielleicht sogar mehr über den Glauben zu vermitteln, als das manche Fachbücher und theologisch-dogmatischen Vorträge und Schriften schaffen. Wie sagte Chagall einmal? „Ich sah die Bibel nicht, ich träumte sie.“ (4) Ein Traum, der in St. Stephan in mehrfacher Hinsicht wunderbar wahr wurde.

„Biblische Botschaft ist immer brandaktuell“

Schon so vieles ist über Marc Chagall gesagt und geschrieben worden. Über sein Werk und gerade auch über seine Glasfenster in St. Stephan in Mainz. Auch jetzt zum Jubiläum wird wieder vieles zu lesen und zu sehen sein. Das ist gut so. Und manches kann man gar nicht oft genug betonen, dankbar und demütig: Dass der jüdische Künstler mit seinem Werk die christliche Botschaft in den Blick rückt, und gerade so ein Zeichen der Versöhnung aus der Verbundenheit des Glaubens an den einen Gott setzt. Dass er als russisch-französischer Künstler nach dem Krieg mit seiner Kunst in St. Stephan die Hand ausstreckt zur Versöhnung auch zwischen den einst verfeindeten Nationen. Das sind starke Zeichen gegen Antisemitismus und Nationalismus, die heute auf neue Weise leider wieder aktuell geworden sind. Da erinnert das Werk von Marc Chagall, dass Frieden über Grenzen von Religionen und Nationen hinweg ein Kernanliegen der Kirche ist: gerade heute, wenn das Kreuz von manchen missbraucht wird für pseudoreligiöse Zwecke, um sich abzugrenzen und über andere zu erheben.

„Biblische Botschaft ist immer brandaktuell.“ Das ist so ein Satz, den ich von Monsignore Mayer gehört habe. Er schlägt in seinen Meditationen den Bogen von der biblischen Botschaft der grenzenlosen Liebe Gottes zu den Bedrohungen durch Hass und Nationalismus. Er tut es – auch, weil er es am eigenen Leib erfahren hat. Als Sohn eines jüdischen Vaters, als so genannter „Halbjude“, hat er die Verfolgung durch den Terror der Nazis selbst erlebt. Viele seiner Familienangehörigen wurden ermordet oder haben sich verzweifelt das Leben genommen. Diejenigen, die die Schreckensjahre der Nazis überlebten, sind in zwölf Länder der Erde verstreut. In einem Erinnerungsbuch schreibt Klaus Mayer nachdenklich:

„Warum ich überlebte und sechs Millionen jüdischer und jüdischstämmiger Menschen nicht? Diese Frage, die sich wohl alle Überlebenden des industrialisierten Massenmords an den Juden (…) stellen, ist von uns nicht zu beantworten. Ich weiß nur, dass ich überlebte. Und aus der Erinnerung heraus kann ich nachzeichnen, wie ich überlebte.“ (5)

Mit diesen Worten beginnt die kleine Autobiographie von Klaus Mayer aus den Jahren 1933-1945. Schicksalsjahre für ihn und seine Familie. Er war damals gerade zehn Jahre alt, als der Naziterror begann und 22 als er das Kriegsende erlebte. Zu erleben, was Menschen Menschen antun können, wenn sie sich durch menschenverachtende und gottlose Ideologie treiben lassen, war für ihn prägend und Verpflichtung, es anders zu machen. So kann man die weiteren Kapitel der Lebensgeschichte von Klaus Mayer besser verstehen. Und damit auch einen Grund, gerade an den Juden Marc Chagall zu denken, als es darum ging, in St. Stephan ein Zeichen für Frieden und Versöhnung zu setzen.

Es bleibt die Botschaft: Der Tod hat nicht das letzte Wort

Was bleibt? Monsignore Klaus Mayer ist heute 96 Jahre alt. So alt war Chagall, als er an den Fenstern von St. Stephan arbeitete. Auch das verbindet sie heute. Aber was ist es, das bleiben soll über diese Lebenszeit hinaus? Da ist vor allem die biblische Botschaft. Aktuell und vielleicht überraschend aktueller denn je, sagt Monsignore Mayer:

„Das fünfte der Zehn Gebote lautet: Du sollst nicht töten. Noch nie in der Geschichte der Menschheit war dieses Wort so aktuell wie heute. Denn noch nie zuvor waren den Menschen solche Möglichkeiten zur Massenvernichtung in die Hand gegeben wie in unseren Tagen. Da brauchen wir natürlich nur die Tagesnachrichten zu schauen, um immer wieder darauf gestoßen zu werden, wie sehr in all dem Krieg, Terrorismus, Gewalttaten in der Welt: wie sehr sich die Welt in gefährlicher Nähe zum Abgrund befindet.“

Aber da ist die biblische Botschaft, dass der Abgrund nicht das Ende ist; der Tod nicht das letzte Wort hat. Dass manch Abgründiges im Leben, die Schuld und Leidensgeschichte - auch die, die wir täglich erleben - doch eingebunden ist im Bund Gottes mit den Menschen. Das ist die Heilsgeschichte, von der die Bibel erzählt – und die Chagall in den Fenstern sichtbar gemacht hat. Diese Geschichte geht gut aus, führt doch wunderbar zum Ziel. Gottes Bund ist verlässlich durch die Zeit hin in die Ewigkeit – zum „himmlischen Jerusalem“ als Sehnsuchtsort und Synonym für die Vollendung dessen, was Gott geschaffen hat. Das kann man ahnen, wenn man die Geschichte und die Motive der Fenster von St. Stephan betrachtet. Darauf vertraut auch Monsignore Mayer.

Bei ihm bleibt die Freude am Leben, die Hoffnung auf das Kommende, die Zuversicht aus dem Glauben; die Liebe - die so bunt ist wie der Regenbogen und so tiefgründig wie das Blau der Fenster von St. Stephan: dem „blauen Wunder von Mainz“.

„Da sind so viele wunderbare Dinge drin. Und ich sage immer: So lange ich noch krabbeln kann und mir der Liebe Gott die geistige und körperliche Kraft gibt, spiele ich mit.“

 

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.

 

 

Zitate:
(1) Klaus Meyer, zitiert auf der Internetseite: https://st-stephan-mainz.bistummainz.de/chagall-in-st-stephan/index.html (abgerufen am 10.9.2019).

(2) Marc Chagall, Klaus Mayer: Ich stelle meinen Bogen in die Wolken. Die Chagall-Fenster zu St. Stephan in Mainz – Band 2. Die flankierenden Mittelfenster, echter-Verlag, Würzburg 1979, 11. 

(3) ebd., 58.            

(4) Vgl. Klappentext zu: Die Bibel. Einheitsübersetzung. Mit Bildern von Marc Chagall, Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2002.

(5) Klaus Mayer, Wie ich überlebte. Die Jahre 1933 bis 1945, echter-Verlag, Würzburg 2007, 5.


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Dieser Beitrag wurde am 15.09.2019 gesendet.


Über den Autor Dr. Michael Kinnen

Dr. Michael Kinnen, geboren 1977 in Saarbrücken, studierte Theologie in Trier (Diplom), Frankfurt und Mainz. Er absolvierte die studienbegleitende Journalistenausbildung am ifp in München und ist seit 1998 im Hörfunk für den Schwerpunkt "Kirche im Radio" unterwegs. 2001 arbeitete er als Redakteur der Privatfunkredaktion im Bistum Mainz und von 2003-2008 als Persönlicher Referent des Bischofs von Mainz. Nach sieben Jahren in der Öffentlichkeitsarbeit des Bistums und als PR-Berater (AKOMM) und einer Zeit als Persönlicher Referent des Generalvikars im Bistum Mainz arbeitet Kinnen derzeit im Strategiebereich Kommunikation und Medien des Bistums Trier als Online-Redakteur. Er promovierte zum Dr. phil. an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt mit einer Arbeit zum Thema „Gott in Einsdreißig – Fides et Radio" zum Verkündigungsauftrag der Katholischen Kirche im Privatfunk. Michael Kinnen ist verheiratet und Vater einer Tochter.

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