24. Sonntag im Jahreskreis

Predigt des Gottesdienstes aus der Kirche St. Marien, Braunschweig


Predigt von Pfarrer Bernward Mnich

Da steht er nun – der Vater mit seinem älteren Sohn. Am Ende einer Erzählung, die kein Ende hat. Schon gar kein „Happy End“.

Zwischen den beiden Männern stehen die Vorwürfe, die der Sohn dem Vater entgegen geschleudert hat: Aus Zorn und Wut darüber, was für den jüngeren Bruder alles aufgeboten wird, kaum dass er aufgetaucht ist. Ist das gerecht? Und was hat er je bekommen? Er, der als gehorsamer Sohn dem Vater immer „gedient“ hat, wie er sagt.

Nur – beschreibt diese Aussage treffend ist das Verhältnis zwischen Sohn und Vater? Der Bibelwissenschaftler Fridolin Stier übersetzte den Vorwurf des Sohnes so: „So viele Jahre schon mache ich dir den Knecht, und niemals habe ich eine Weisung von dir übertreten.“

Spätestens bei diesen Worten offenbart sich doch eine handfeste Beziehungsstörung: Der ältere Sohn sieht seinen Vater mehr als Arbeitgeber, als Chef. In dieser Perspektive ist sein Leben nichts als Arbeit und Mühe, eine einzige Plackerei.

Da bleiben am Ende nur Enttäuschung, Empörung und Verbitterung. Und eine große Distanz zu dem, der für ihn nur noch „der da…“ ist; „dein Sohn“, aber nicht mehr „mein Bruder“.

Der Vater hat versucht, die Situation zu retten und dem Ältesten klar zu machen, dass er kein Angestellter ist, kein Untergebener, kein Knecht, sondern sein Sohn: „Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber man muss doch ein Fest feiern und sich freuen; denn dieser, dein Bruder, war tot und lebt wieder.“ Ob er seinen Sohn erreicht hat? Ob er ihn dazu bewegen konnte, sein Verhalten zu überdenken? Das bleibt offen…

Und ich bin sicher: Jesus hat die Geschichte mit Absicht genau so erzählt. Um seine Zuhörer heraus zu fordern, wie sie mit dem offenen Ende umgehen…

Da steht er nun – Jesus mit den Pharisäern und Schriftgelehrten. Am Ende einer Erzählung, die kein Ende hat. Schon gar kein „Happy End“. In frommer Empörung haben sie über Jesus genörgelt: „Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen.“ Und er hat ihnen der Person des älteren Sohnes einen Spiegel vorgehalten. Ob sie sich darin erkannt haben? Sie, die aus bestem Willen immer bemüht sind, vor Gott alles richtig zu machen. Alle Gebote zu halten. IHM zu dienen. Aber sehen sie sich nicht auch mehr als Knechte eines Herrn und weniger als Söhne eines Vaters im Himmel? In dieser Perspektive ist ihre Frömmigkeit, ist ihr Bemühen um Gerechtigkeit mühsam und anstrengend – eine dauernde Plackerei. Sie, die Experten, haben Gottes Gebote ausgelegt zu einer Fülle von über 600 Vorschriften und Verboten für alle Fälle des Lebens. Ein „Joch“ sind die Worte Gottes so geworden. Dabei wollen sie doch eine Weisung sein für ein Leben in Freiheit und Verantwortung.

Bei den Pharisäern und Schriftgelehrten kommen schnell Empörung und Wut hoch, wenn andere einfach „(Fünfe gerade und) den lieben Gott einen guten Mann sein lassen“. Und wenn sie nicht bestraft werden, sondern anscheinend auch noch bevorzugt: „Die da! Die Sünder!“

Ist das gerecht? Was haben sie, die Experten, am Ende von ihrer Frömmigkeit und Gesetzestreue, von ihren Opfern und Almosen, von ihren Gebeten und Gottesdiensten?

Jesus hat auch versucht, sie daran zu erinnern, dass sie nicht Knechte sind, sondern Söhne. Als „Söhne Abrahams“ gehören sie zu Gottes Volk, das ER aus der Sklaverei in die Freiheit geführt und mit dem er einen unlösbaren Bund geschlossen hat. Ob Jesus sie erreicht hat? Ob er sie bewegen konnte, ihre Einstellung und ihr Verhalten zu überdenken? Das bleibt offen…

Da steht er nun – Jesus mit uns. Jesus hier in unserer Mitte. Mit einer Erzählung, die kein Ende hat, schon gar kein „Happy End“. Und die er auch uns erzählt, um uns heraus zu fordern und zu sehen, wie wir mit dem offenen Ende umgehen. Wie wir uns selbst sehen. Und Gott. Und den Nächsten – den Mitmenschen. Das offene Ende der Geschichte ist (auch) für uns die Herausforderung, in die Geschichte einzusteigen – zu sehen, in welcher Rolle wir uns wiederfinden, mit wem Sie sich identifizieren können. Mit wem ich. Oder auch zu sehen, wer uns einen Spiegel vorhält.

Wie erleben wir unseren Glauben und unser Christsein? Ist es ein dauerndes Bemühen, den Ansprüchen eines Herrscher-Gottes zu entsprechen? Den Regelungen einer Institution Kirche? Ist es der anstrengende Versuch, einem ständigen „Du sollst, du musst, du darfst nicht…“ gerecht zu werden.

Lauert dann nicht die Gefahr, sich in frommer Empörung von anderen zu distanzieren, die mit ihren Lebensentwürfen gescheitert sind, die dem genormten Bild eines guten Christen nicht entsprechen? Also zu urteilen wie der ältere Sohn?

Oder ziehen wir lieber wie der jüngere Sohn mit unserem Erbteil – mit dem Geschenk der Taufe – aus und machen uns auf den Weg einer individuellen, ungebundenen Glücks- und Heilssuche? (Das wird von Jesus im Gleichnis nicht verurteilt!).

Die entscheidende Frage ist: Können wir uns als Kinder, als Töchter und Söhne eines Vaters sehen, dessen überwältigende und bedingungslose Liebe allein es ermöglicht, dass wir uns dem eigenen Versagen oder Scheitern stellen? Dass wir umkehren, neu anfangen und auch anderen die Chance eines Neuanfangs zugestehen?

In diesem Punkt kann der jüngere Sohn aus der Gleichniserzählung ein Vorbild sein: Als er sich finanziell, moralisch und menschlich total verausgabt hat, besinnt er sich doch noch auf seinen wichtigsten Reichtum: Die Erfahrung und das Bild eines guten Vaters. Dieses Kapital befähigt ihn, aus seinem Schlamassel auszubrechen und zu sagen: „Aufstehen will ich und zu meinem Vater gehen…“[1].

Eines ist offensichtlich: Es verkürzt den Gehalt der Erzählung, wenn wir die Rollen zu schnell festlegen und anderen zuweisen. Das Gleichnis erzählt nicht nur etwas über Gott und andere Menschen. Es erzählt auch etwas über uns und unser Leben, unsere Beziehungen. Über unseren Glauben, in dem die Beziehung zu Gott nicht zu trennen ist von den Beziehungen zu den Mitmenschen. Und vielleicht will es uns ja auch einladen, nicht aufzugeben oder zu verbittern, wenn da etwas ungeklärt und unversöhnt ist, offenbleibt. Sondern die offenen Enden unserer Beziehungsgeschichten und das, was uns auf der Seele liegt, voll Vertrauen Gott hinzuhalten.

Da stehen wir nun – am Ende einer Erzählung, die kein Ende hat. Schon gar kein „Happy End“. Und deren offenes Ende immer wieder einlädt, im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit neue Schritte aufeinander zuzuwagen, selbst barmherzig zu sein und stets aufs Neue Versöhnung zu suchen.


[1] Übersetzung: Fridolin Stier


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Dieser Beitrag wurde am 15.09.2019 gesendet.





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