Wort zum Tage, 16.09.2019

von Beate Hirt, Mainz

Seliger Richard Henkes

Es klingt vielleicht erst mal arg katholisch oder altmodisch: eine „Seligsprechung“ hat gestern stattgefunden, im katholischen Dom in Limburg an der Lahn. Aber wenn man genauer hinschaut, wer da seliggesprochen wurde und was damit gemeint ist, dann, finde ich, bekommt diese Seligsprechung doch eine erstaunlich moderne Bedeutung – und vielleicht nicht nur für fromme Katholikinnen und Katholiken.

Richard Henkes heißt der Mensch, der seit gestern „selig“ genannt werden darf. Er hat – so das katholische Verständnis - in besonders vorbildlicher Weise seinen christlichen Glauben und die christliche Nächstenliebe gelebt und bezeugt. Im Fall von Richard Henkes heißt das: Er hat in der Zeit des Nationalsozialismus mutig zum christlichen Menschenbild gestanden. Er hat gepredigt, dass jeder Mensch ein Abbild Gottes ist, auch Menschen anderer Nation und anderen Glaubens, auch kranke Menschen und Menschen mit Behinderung. Jeder Mensch hat Würde, jeder Mensch muss mit Würde behandelt werden. Für die Überzeugung ist Henkes damals von der Gestapo verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau gebracht worden. Und dort hat er sich im Winter 1944/45 freiwillig gemeldet, als es darum ging, typhuskranke Mitgefangene zu pflegen. Er hat ihnen ein Sterben in Würde ermöglicht. Und damit selber den Tod riskiert. Im Februar 1945 ist Richard Henkes im KZ Dachau an Typhus gestorben, mit 44 Jahren.

Er kam aus dem Westerwald, war Christ, Priester, Pater beim Pallottinerorden. Und sein christlicher Glaube hat ihn dazu gebracht, der rechten Ideologie des Nationalsozialismus Stand zu halten. Aus dem Glauben heraus hat er Widerstand geleistet gegen einen Staat, der Kranke und Behinderte zu unwertem Leben erklärte und der behauptete: Die deutsche Rasse ist höherwertig. Sein christlicher Glaube sagte ihm: Es gibt keine Herrenrasse und auch keine Dienerrasse. Es gibt keine Menschen, die über das Leben anderer Menschen entscheiden dürfen.

Selige – so die katholische Vorstellung – sollen Vorbilder sein. Und das ist dieser Richard Henkes für mich, in ganz aktueller und moderner Weise: Denn das christliche Menschenbild, für das er gestorben ist, das wird ja auch heute immer wieder angezweifelt oder angegriffen. Hat wirklich jeder Mensch bei uns die gleiche Würde? Ein bisschen haben wir uns fast daran gewöhnt, dass das nicht so ist, dass es Unterschiede gibt. Geflüchtete Menschen ertrinken im Mittelmeer. Menschen mit schwachem Einkommen müssen zur Tafel gehen und können sich nie Kino oder Theater leisten. Alte Menschen werden in Pflegeheimen ans Bett gefesselt. Es gibt in Europa und bei uns in Deutschland genug Orte, an denen es schwierig wird mit der Menschenwürde.

Der neue Selige Richard Henkes: Mir ist er Vorbild darin, mich für das christliche Menschenbild einzusetzen. Für die Würde jedes Menschen.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 16.09.2019 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche