Wort zum Tage, 07.09.2019

von Andrea Wilke, Erfurt

Besonderes bewahren

Das erste, was ich morgens trinke, ist ein Pott Kaffee. Kaffeefilter auf die Tasse, Kaffeepulver rein und dann kochendes Wasser drüber. Manchmal kommt noch eine kleine Prise Zimt dazu – köstlich. Ich liebe auch diesen Duft von frisch gebrühtem Kaffee, der durchs Haus zieht. Am Nachmittag gönne ich mir das Gleiche noch mal. Manchmal denke ich mir dann, wie schön es wäre, wenn ich jetzt nicht nur einen einfachen Kaffee trinken könnte, sondern einen Cappuccino oder einen Latte  Macchiato. Da gibt es ja so tolle Kaffeemaschinen, die das alles können: Espresso, Cappuccino, Latte  Macchiato oder auch nur schlicht den einfachen Kaffee. So eine Maschine ist schon etwas Tolles. Dann könnte ich jederzeit, also immer wenn mir danach ist, so einen speziellen Kaffee trinken.

Wenn ich dann mal in solchen Geschäften bin, die derartige Kaffeemaschinen verkaufen, liebäugle ich immer wieder mit einem Kauf. Und das, obwohl ich mich eigentlich schon längst dagegen entschieden habe. Und zwar aus folgendem Grund: ich könnte mir jederzeit, wann immer ich wollte, einen entsprechenden Kaffee machen. Er wäre jederzeit frei verfügbar. Wenn ich also Lust auf einen Cappuccino habe, ab in die Küche, Maschine an und per Knopfdruck wird mein Bedürfnis schnellstens befriedigt. Aber will ich das wirklich?

Ich liebe es, mich ab und an in ein Café zu setzen und dort dann einen Cappuccino  zu trinken. Das ist einfach etwas Besonderes, ein kleines Highlight. Das mir nicht rund um die Uhr zur Verfügung steht.

Das ist wie mit dem Eisauto, das jeden Samstagnachmittag durch unsere Wohnsiedlung fährt. Wenn die kleine Glocke des Eisautos verklungen ist, sieht man Kinder auf die Straße stürmen. Denn: der Eismann ist da. Er klappt die Seitenklappe hoch und hat leckere Eissorten im Angebot. Für einige Minuten wird er zum Mittelpunkt der Wohnsiedlung. Denn inzwischen kommen die Eltern von einigen Kindern und auch andere Erwachsene, denn sein Eis ist wirklich lecker. Ich liebe diese Momente, wenn er mit seinem Auto kommt und das Läuten der Glocke die Kinder und Erwachsenen aus ihren Häusern lockt.  Wenn sie dann alle an seinem Auto stehen und einen kleinen Schwatz machen und dann, vor allem die Kinder, genüsslich glücklich ihre Kugel Eis von der Waffel schlecken und wieder nach Hause traben. Diese Momente sind besondere Momente. Das ist der Zauber an der ganzen Sache: Sie sind nicht  frei verfügbar. Und das, finde ich, sollten wir bewahren. Denn: Wenn immer alles frei verfügbar ist, wird es schnell gewöhnlich.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 07.09.2019 gesendet.


Über die Autorin Andrea Wilke

Andrea Wilke wurde 1964 in Potsdam-Babelsberg geboren. 1989 - 1995 studierte sie Katholische Theologie in Erfurt und war danach bis 2002 tätig in der Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte an der Universität Erfurt. Sie ist Onlineredakteurin für die Homepage des Bistums und Rundfunkbeauftragte für den MDR im Bistum Erfurt. Kontakt
Bischöfliches Ordinariat
Onlineredaktion
Herrmannsplatz 9
99084 Erfurt
http://www.bistum-erfurt.de
awilke@bistum-erfurt.de

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