Wort zum Tage, 06.09.2019

von Andrea Wilke, Erfurt

Vater und Mutter ehren

Wegen eines Infektes war ich bei meiner Ärztin. Während wir uns unterhielten, sagte sie mir ganz unvermittelt: "Wissen Sie, auch wenn Ihre Mutter schon tot ist, Sie müssen mit ihr ins Reine kommen. Dann wird sich für Sie vieles, auch in anderen Bereichen, lösen".

Ich war verblüfft, von meiner Mutter hatte ich doch gar nicht so viel erzählt. Höchstens zwei Sätze. Nun ja, meine Mutter war ein heikles Thema. Wir hatten ein sehr merkwürdiges Verhältnis gehabt. Sie hätte es gern gesehen, wenn ich sie ganz oft besucht hätte. Ich dagegen war froh, dass ich weit weg von ihr wohnte. Es war nicht so, dass wir, also meine Schwestern und ich, eine schlechte Kindheit gehabt hätten. Aber es gab da einige Dinge, die mein Verhältnis zu ihr belasteten. Mit Mühe besuchte ich sie, wenn auch selten. Etwa zu Geburtstagen. Während ich von meinen anderen Familienmitgliedern Fotos bei mir zuhause aufgehängt hatte, gab es von ihr kein Bild. Ich wollte das nicht. Sie sollte so gut wie gar keinen Platz in meinem Leben einnehmen. Und auf gar keinen Fall wollte ich so werden wie sie. Meine Mutter war für mich ein Problem.

Die Ärztin hatte also einen wunden Punkt getroffen. Auf ihre Empfehlung las ich ein Buch, in dem es um systemische Familientherapie geht, welchen Einfluss familiäre Verstrickungen für einen persönlich haben und wie man diese lösen kann. Werden sie nicht gelöst, wird man krank. Und das war ich. Und ich wollte alles dafür tun, um rundum gesund zu werden. Das bedeutete, wenn ich dem Buch folgte, dass ich meiner Mutter die Ehre erweisen musste. Konnte ich das? Mich vor dieser Frau verneigen?

Ich nahm mir viel Zeit für diese Entscheidung. Ja, ich wollte es, auch wenn es mir schwerfiel. Denn wenn ich es nicht tat, würde ich das Problem nicht lösen können. Es brauchte diesen Schritt: ich musste über meinen eigenen Schatten springen. Ich setzte mich also ganz ruhig hin, stellte mir in Gedanken meine Mutter vor und sagte ihr: „Ich verneige mich vor dir und gebe dir die Ehre. Ich danke dir, dass du mir das Leben geschenkt hast“. Dann passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Auf einmal spürte ich, wie mich eine Welle warmer Zuneigung zu meiner Mutter erfasste. Das hatte es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben. Seit diesem Erlebnis hat sich vieles verändert. Meine Mutter hat in meinem Herzen wieder ihren Raum. Ich kann ein Bild von ihr aufhängen und an ihrem Geburtstag erhebe ich das Glas auf sie. Der Gedanke an sie schnürt mir nicht mehr die Kehle zu.  Ich kann jetzt vieles anders und auch mit mehr Verständnis sehen.

Und noch etwas hatte ich dabei erlebt: „Du sollst Vater und Mutter ehren“, so lautet das vierte der Zehn Gebote. Durch eigene Erfahrung verstand ich, dass es bei diesem Gebot,  wie bei allen anderen der Zehn Gebote auch,  nicht darum geht, mich einzuschränken. Der Sinn liegt vielmehr darin, dass es mir, dass es uns gut ergeht.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 06.09.2019 gesendet.


Über die Autorin Andrea Wilke

Andrea Wilke wurde 1964 in Potsdam-Babelsberg geboren. 1989 - 1995 studierte sie Katholische Theologie in Erfurt und war danach bis 2002 tätig in der Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte an der Universität Erfurt. Sie ist Onlineredakteurin für die Homepage des Bistums und Rundfunkbeauftragte für den MDR im Bistum Erfurt. Kontakt
Bischöfliches Ordinariat
Onlineredaktion
Herrmannsplatz 9
99084 Erfurt
http://www.bistum-erfurt.de
awilke@bistum-erfurt.de

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