Wort zum Tage, 05.09.2019

von Andrea Wilke, Erfurt

Genau hinsehen

Das haben Sie vielleicht auch schon einmal erlebt. Jemand wollte Ihnen eine Freude machen, aber das ging voll nach hinten los. Was gut gemeint war, wurde zur unerfreulichen Überraschung. So ein Erlebnis hatte ich erst neulich wieder. Es war ein schöner Sommertag; Sonne und ein leichter Wind, ideal, um die Wäsche draußen trocknen zu lassen. Wenn ich die trockene Wäsche dann gleich ordentlich zusammenlegen würde, könnte ich mir das Bügeln ersparen.

Zwei Stunden  später: Ich sah durch das Fenster: Oh Schreck - die  Wäscheleine war leer. Kein einziges Stück hing mehr daran. Wie ein geölter Blitz schoss ich in den Garten – und sah das Desaster. Im Wäschekorb lag die trockene Wäsche. Zusammengeknüllt als ein großer Haufen. Ich hätte schreien können. Was war passiert? In einem Anfall von Hilfsbereitschaft hatte mir mein vierzehnjähriger Sohn Arbeit abnehmen wollen. Er wollte mir eigentlich eine Freude machen. Stattdessen hatte ich jetzt mehr Arbeit. Obwohl das eigentlich eine Lappalie war, hatte ich einige Zeit zu tun, mich wieder zu beruhigen. In diesem Moment fiel mir mein Vater ein. Und damit verbunden eine Begebenheit aus Kindheitstagen. Meine Eltern hatten lange auf eine Schrankwand gespart. Eisern, jeden Pfennig. Und dann stand sie in unserem Wohnzimmer, die Schrankwand. Helles Holz, Hochglanz. Die Freude war groß. Nun bestand unser Fußboden im Wohnzimmer aus Dielen, die von Zeit zu Zeit mit rostrotem Bohnerwachs gewienert wurden. Meine jüngere Schwester wollte meinen Eltern eine Freude machen und sozusagen zu Ehren der neuen Schrankwand bohnerte sie den Fußboden. Was sie dabei nicht bedacht hatte, war, dass man am Rand zur Schrankwand hin das Bohnerwachs äußerst vorsichtig verteilen musste. Und so war der Sockel der erst wenige Tage alten Schrankwand mit rotem Bohnerwachs beschmiert. Meine Eltern standen wie vom Donner gerührt, meine Mutter war völlig fassungslos und einem Kollaps nahe. Mein Vater erholte sich nach den ersten Schrecksekunden und meinte beschwichtigend zu meiner Mutter: "Aber sie hat es doch nur gut gemeint". Was meine Schwester gut gemeint hatte, haftete seit dem der Schrankwand zeitlebens an. Der Bohnerwachsstreifen blieb aber auch ein Zeugnis für den Großmut meines Vaters. Er hatte nach dem ersten Schrecken nicht zuerst den Schaden gesehen, sondern warum meine Schwester das gemacht hatte. Für ihn war nicht das Ergebnis wichtig, sondern der gute Wille, der dahinter stand.

Wie oft ärgere ich mich über etwas ohne nach den Hintergründen zu fragen. Warum hat der oder die etwas so oder so gemacht? Wenn man den wahren Grund kennt, dann kann der Ärger schnell verfliegen. Ja, vielleicht ist man dann sogar ganz gerührt von der Motivation.

Ich glaube: Alles ist möglich – wenn man innehält und genau hinschaut.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 05.09.2019 gesendet.


Über die Autorin Andrea Wilke

Andrea Wilke wurde 1964 in Potsdam-Babelsberg geboren. 1989 - 1995 studierte sie Katholische Theologie in Erfurt und war danach bis 2002 tätig in der Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte an der Universität Erfurt. Sie ist Onlineredakteurin für die Homepage des Bistums und Rundfunkbeauftragte für den MDR im Bistum Erfurt. Kontakt
Bischöfliches Ordinariat
Onlineredaktion
Herrmannsplatz 9
99084 Erfurt
http://www.bistum-erfurt.de
awilke@bistum-erfurt.de

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