Wort zum Tage, 03.09.2019

von Andrea Wilke, Erfurt

Lass es los

Meine Güte, was war sie verliebt gewesen. Dass es sie noch einmal so stark erwischen würde, hätte sie nicht für möglich gehalten. Mit Anfang 50 standen die Männer nicht gerade Schlange. Na gut, das hatten sie auch in früheren Jahren nicht. Viele Jahre lang hatte sie sich einen Partner gewünscht. Einen, mit dem sie all das Schöne teilen konnte, was sie erlebte. Schönes mit niemandem teilen zu können ist auch nicht der Hit. Oder wie es der Liedermacher Reiner Mey einmal sagte: "Der schönste Sonnenuntergang ist die reinste Verschwendung, wenn man sich ihn allein ansehen muss". Aber nun hatte sie jemanden. Gefunden im Internet auf einem Portal für Partnersuche. Sie hatten sich beide gleich sympathisch gefunden, schrieben sich eifrig hin und her. Sobald eine neue Nachricht kam, konnte sie es kaum erwarten, darauf zu antworten. Und ihm ging es nicht anders. Dann kamen die ersten Telefonate und schließlich die Verabredung, sich persönlich zu treffen. Sie malten sich am Telefon aus, wie es sein würde, wenn sie sich zum ersten Mal sahen. Würden sie sich in der Wirklichkeit verschüchtert die Hand reichen oder sich doch gleich um den Hals fallen? Würden sie sich überhaupt riechen können? Würde die Chemie stimmen, die ja weit mehr ausmacht als man durch Schreiben und Telefonieren erfährt. Er war da ganz nüchtern: Ja, das kann vorkommen, dass es dann doch nicht passt. Sie flehte innerlich: Das möge Gott verhüten.

Die Nacht nach diesem Telefonat war schrecklich für sie. Sie konnte nicht schlafen. Zu groß die Angst, dass die Chemie mit diesem Mann, in den sie so wahnsinnig verknallt war, nicht stimmte. Sie fühlte sich wie einbetoniert, doch irgendwann schlief sie ein. Sie  hatte das Gefühl, dass jemand ihr zuflüsterte: „Lass es los!“ "Es" stand für den Wunsch, dass die Chemie stimmen würde. Sie ließ es los. Sie machte, was sie immer machte, wenn sie Sorgen oder Probleme hatte, die sie nicht selbst oder nicht sofort lösen konnte: sie legte es in Gottes Hand.  Unwillkürlich musste sie lächeln, und wurde davon wach. Weg das Gefühl des Einbetoniert-Seins. Stattdessen innere Freiheit. Losgelöst von dieser beklemmenden Angst. Dafür riesige Vorfreude auf die erste Begegnung mit diesem Mann.  Dem ersten Treffen folgten viele weitere. Es war eine schöne Zeit, in der sie sich mehr und besser kennenlernten. Bis sie irgendwann beide merkten, dass sie doch nicht so gut zusammenpassten wie sie sich es  in der ersten Verliebtheit  erhofft hatten.

Die Erfahrung des Loslassens vor ihrer ersten Begegnung hat sie nie mehr vergessen. Aber sie hat auch am eigenen Leib erfahren, dass es mit dem Loslassen nicht immer so einfach geht wie in jener Nacht. Das kann harte Arbeit bedeuten. Tränen, Trauer und Schmerz. Aber eins passiert immer: Loslassen befreit.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 03.09.2019 gesendet.


Über die Autorin Andrea Wilke

Andrea Wilke wurde 1964 in Potsdam-Babelsberg geboren. 1989 - 1995 studierte sie Katholische Theologie in Erfurt und war danach bis 2002 tätig in der Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte an der Universität Erfurt. Sie ist Onlineredakteurin für die Homepage des Bistums und Rundfunkbeauftragte für den MDR im Bistum Erfurt. Kontakt
Bischöfliches Ordinariat
Onlineredaktion
Herrmannsplatz 9
99084 Erfurt
http://www.bistum-erfurt.de
awilke@bistum-erfurt.de

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