22. Sonntag im Jahreskreis

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche Herz Jesu, Dillenburg


Predigt von Pfarrer Christian Fahl

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, liebe Geschwister im Glauben!

Hat Jesus das wirklich gemeint? Ist es wirklich seine Auffassung, dass wir uns klein machen, auf den letzten Platz setzen, demütig sein sollen? Und – ist das nicht vollkommen gegen unsere Kultur gerichtet, wo es doch so oft darum geht, die Nase vorn zu haben, der oder die Beste, der oder die Schnellste  zu sein - in der Schule, der Universität, im Berufsleben wie auch beim Kontostand, beim Auto- oder Wohnungskauf usw. usw.?

Schneller, besser, weiter, teurer, mobiler und flexibler…..Hauptsache Vorwärts, Hauptsache Wachstum – dann wird´s gut – das dachten wir lange. Doch: Das hat Folgen hinterlassen. Ökologischer Raubbau, Klimawandel, fehlende Zeit für Freunde oder für die Beziehung, Stress und Leistungsdruck belasten uns mehr und mehr. Nicht wenige fühlen sich im Berufsleben auch in höherer Position als eine bloße Nummer, die bei Versagen austauschbar ist.

Deshalb stellen gerade auch viele junge Menschen die althergebrachten Regeln auf allen Ebenen in Frage, in der Wirtschaft und in der Politik ebenso wie in unserer Kirche. Manche fragen: Wie geht es weiter? Wer ringt nach neuen Antworten?

Andere fordern schon eine neue Achtsamkeit, eine neues Innehalten, eine neue Demut ein. Viele begreifen: Es geht im Leben nicht nur um Karriere, sondern auch um Bewahrung der Schöpfung und Zeit für Familie und Freunde.

Gerade deshalb finde ich sie hochaktuell, diese Botschaft Jesu. Sie lädt ein zu heilsamer Zeit, zum Zuhören und zur Achtsamkeit, zu Empathie und Mitgefühl. Das hat Folgen: Wir können so beginnen, etwas bescheidener und langsamer zu leben, mit mehr Rücksicht auf andere, auf die Natur – und auf uns selbst… Wir könnten anderen Dingen und Menschen den Vortritt lassen – und damit letztlich selber besser leben. Was für ein Kulturwandel!                             

Heute am 1. September halten wir den Weltgebetstag zur Bewahrung der Schöpfung. Unser Blick richtet sich in diesem Jahr besonders nach Südamerika, nach Amazonien. Denn dort hat unser Lebensstil gravierende Folgen, die unser aller Leben bedrohen.

Seit Jahrzehnten werden dort Wälder abgeholzt, wertvolle Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. Auch der Lebensraum der indigenen Urbevölkerung schwindet mehr und mehr. Wer hört die Schreie der Armen und Entrechteten? Und wer bedenkt die ökologischen Folgen für unseren ganzen Planeten?

Gerade die Ureinwohner Kolumbiens spüren noch die Verbundenheit mit der ganzen Schöpfung, spüren, dass wir alle zusammen gehören, dass das Schicksal meines Nächsten auch zu meinem Schicksal wird.

In einem Aufruf heißt es:

„Wir sind Teil der Natur, weil wir Wasser, Luft, Erde und das Leben der von Gott geschaffenen Umwelt sind. Deshalb bitten wir darum, dass die Misshandlung und Ausrottung von Mutter Erde aufhört.“

Papst Franziskus und ein großer Teil der Weltkirche wollen diesem Weckruf folgen. Auf einer großen Versammlung von Bischöfen im Oktober sollen auf der sogenannten Amazonassynode neue Wege eingeschlagen werden. Es wird Protest nötig sein – entschieden und prophetisch, sagt Kardinal Hummes.

Wir alle sind aufgefordert, an einer neuen Kultur mitzuarbeiten. Nicht besserwisserisch von oben herab, sondern durch Lernen und Dienen, dialogisch und in der Hoffnung auf neue Perspektiven, Inspiration und Befreiung.

In Dillenburg haben wir beispielsweise beim Pfarrfest unser eigenes Besteck mitgebracht, um Plastikmüll zu vermeiden. Ich selber bemühe mich, dort, wo es möglich ist, auf das Auto zu verzichten und Bus und Bahn zu benutzen. Und im Weltladen verkaufen wir fair gehandelte Produkte, die durch gerechte Löhne und ökologischen Anbau die Würde von Mensch und Natur achten.

Das jedoch kann nur ein Anfang sein, im Kleinen wir im Großen. Jesus traut uns viel mehr zu:

Er will mit uns die Welt verändern, denn wer sich selbst verschenkt, der gewinnt. Jesus macht uns Hoffnung. Er will uns erneuern – uns selbst ganz persönlich wie auch die ganze Kirche.

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 01.09.2019 gesendet.





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