Wort zum Tage, 02.09.2019

von Andrea Wilke, Erfurt

Gehört werden

Es war morgens, so gegen halb 9, als bei uns zu Hause das Telefon klingelte. Ich ging ran und war verwundert, weil sich die Rettungsleitstelle meldete. Sie kündigte mir an, dass in Kürze die Polizei bei uns klingeln würde? Hä? Ich verstand gar nichts mehr. Aber mein Puls ging immer schneller. Was war passiert? Jemand habe mit unserem Handy ständig die 112 angerufen. Das sei eine Straftat, schließlich blockiere es die Leitung für diejenigen, die tatsächlich Hilfe bräuchten, und deshalb musste die Polizei eingeschaltet werden. Ach du lieber Himmel, das konnte nur mein Sohn gewesen sein. Er ist Autist. Er hatte mit dem Smartphone gespielt, obwohl ihm das streng verboten war. Ich hatte ihm mal eins gekauft, weil er beim Spielen gern spazieren ging, und ich dann nicht wusste, wo er war. So konnte ich ihn orten. Für ihn ist es so programmiert, dass er damit nur mich anrufen kann. Doch die Notrufnummern 110 und 112, die funktionieren immer. Mein Sohn hatte an diesem Morgen sehr beharrlich immer wieder die 112 gewählt.

Zum Glück nahm alles noch ein gutes Ende. Warum hatte er eigentlich immer wieder dieselbe Nummer gewählt?, fragte ich mich. Die Lösung ist ganz einfach. Jedes Mal, wenn er die 112 wählte, bekam er eine Antwort. Er rief also nicht ins Leere hinein, nein, da war jemand, der die Kontaktaufnahme erwiderte. Der ihm signalisierte: Ich höre dich. Ich hab ein offenes Ohr für dich.

Gehört werden – das ist lebenswichtig. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schlimm es für einen ist, wenn er nicht gehört wird. Meine Mutter war gehörlos. Wenn ich mit ihr reden wollte, war ich darauf angewiesen, dass sie mich ansah. Sie musste mir ja von den Lippen ablesen, was ich sagte. Wenn es ihr zu viel wurde oder sie meine Argumente satt hatte, drehte sie sich einfach weg. Das machte mich wahnsinnig. Selbst wenn ich ihr die Worte hinterher geschrien hätte – sie konnte sie ja nicht hören. Es war für mich dann wie das Reden gegen eine Wand.

Gehört werden – das ist ein echtes Geschenk. Ein lebenswichtiges Geschenk. Bei Gott haben wir darauf salopp gesagt ein Dauer-Abo, ohne vorherige Gegenleistung! Er ist ansprechbar für jeden von uns. Er hört uns zu. Doch mehr noch: er hat uns befähigt, aneinander genauso zu handeln. Zuhören ist ein konkreter Schritt. Dem anderen zu verstehen geben: ich bin ganz Ohr für dich. Dein „Anruf“ an mich geht nicht ins Leere. Dabei ist es gar nicht wichtig, ob die Ohren gut, schwer oder gar nicht hören können. Denn Zuhören ist zuallererst eine Sache des Herzens.

 

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 02.09.2019 gesendet.


Über die Autorin Andrea Wilke

Andrea Wilke wurde 1964 in Potsdam-Babelsberg geboren. 1989 - 1995 studierte sie Katholische Theologie in Erfurt und war danach bis 2002 tätig in der Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte an der Universität Erfurt. Sie ist Onlineredakteurin für die Homepage des Bistums und Rundfunkbeauftragte für den MDR im Bistum Erfurt. Kontakt
Bischöfliches Ordinariat
Onlineredaktion
Herrmannsplatz 9
99084 Erfurt
http://www.bistum-erfurt.de
awilke@bistum-erfurt.de

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