Morgenandacht, 09.09.2019

von Annkathrin Tadday, Detmold

Schnapszahlen

Welches Datum haben wir heute? Vielleicht wird Sie das jemand im Laufe des Tages fragen und Sie werden antworten: der Neunte Neunte. Mit der Jahreszahl 2019 dahinter, sind es sogar dreimal die Neun! Eine Schnapszahl. Neben dem Neunten Neunten fällt mir da die biblische Siebenundsiebzig ein. „Nicht sieben, sondern siebenundsiebzig“ lautet eine Antwort Jesu. In der neuen Einheitsübersetzung heißt es sogar: „Nicht sieben, sondern siebzigmal siebenmal“. Was verbirgt sich hinter diesem merkwürdigen Zahlenspiel?

Jesus befindet sich im Gespräch mit seinen Jüngern. Die Diskussion dreht sich um lügen und ehrlich-sein, beschuldigen und entschuldigen, versöhnen und vergeben. Da tritt Petrus zu Jesus und spricht aus, was ihm auf dem Herzen liegt: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt?“ Petrus muss sich schon länger mit dieser Frage beschäftigt haben, denn er bietet Jesus sogar eine konkrete Zahl an: vielleicht siebenmal? Siebenmal vergeben, das scheint doch wohl noch machbar zu sein. Als Betrachterin frage ich mich: Petrus, was willst du hier eigentlich genau wissen? Wie lange dein Geduldsfaden sein soll? Wann ist eine Obergrenze der Vergebung erreicht? Wann ist Schluss mit lustig? Jesus schaut ihn an und beginnt: „Ich sage dir: nicht bis zu siebenmal, sondern …“

Pause! Petrus mag denken: Gott sei Dank, siebenmal ist doch ganz schön hochgegriffen. Siebenmal Unrecht ertragen oder gar aushalten? Nein, das wird Jesus nicht von mir verlangen. Aber dann spricht Jesus ja weiter: „… nicht bis zu siebenmal sollst du vergeben, sondern bis zu siebzigmal siebenmal.“ Diese Antwort lässt mich vermutlich ebenso wie den Petrus erschrecken: nicht siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal. Was ist das für eine Schnapsidee? So schnell kann ich gar nicht nachrechnen. Und mir dämmert: dass es ihm gar nicht ums Zählen, Kalkulieren oder Berechnen geht. Wohlgemerkt: Sieben, Sieben, Sieben … unzählige Male vergeben, und es ist noch kein Wort über die Qualität der Sünde oder die Höhe der Schuld gefallen.

Vergebung ist für Jesus ein Grundsatz, keine Rechenaufgabe und auch keine Option.

Er wird nicht müde darauf hinzuweisen, dass alle Menschen auf Vergebung angewiesen sind. Zu dieser Kernaussage des Evangeliums führt mich das heutige Datum. Vergebung wird uns von Gott geschenkt, bei Gott ist Vergebung. „Würdest du, Herr, die Sünden beachten, mein Herr, wer könnte bestehn? Doch bei dir ist Vergebung“, so lese ich in Psalm 130. Somit liegt es auch an uns, anderen zu vergeben, denn wer derart unzählige sieben Male beschenkt wird, kann lernen zu vergeben und in seinem Großmut zu wachsen.

Manchmal geht das einfacher als erwartet: Wenn das erfahrene Unrecht mir nur leichte Kratzer verpasst hat. Wie bei einem Kreidestrich auf der Tafel kann ich es wegwischen und „Schwamm drüber“ sagen. Aber manchmal ist es auch richtig schwer: Beschimpft oder hintergangen zu werden, von einer Gruppe ausgeschlossen oder von Familienangehörigen zurückgewiesen zu werden. All jene Ungerechtigkeiten, die tiefere innere Wunden hinterlassen, als dass das Aufkleben eines Trostpflasters sie heilen könnte.

Wo diese offenen Wunden zur Quelle der Verbitterung werden und eine Belastung, mit der ich mich durchs Leben schleppe, da weist Jesus auf die heilende Wirkung hin, die ich selbst durch das Vergeben erfahre. Vergeben meint geben. Es heißt abgeben, zurücklassen dessen, was mich beugt und drückt.

Es macht mir Mut, dass Jesus keine aufrechenbaren, kontrollierten Vergebungseinheiten fordert, die irgendwann abgelaufen sind. Und ich spüre: Das braucht Zeit. Das geht nicht in sieben Minuten oder siebenundsiebzig Stunden. Das braucht mehr als siebzigmal siebenmal Tage. Das ist ein lebenslanger Prozess.

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 09.09.2019 gesendet.


Über die Autorin Annkathrin Tadday

Annkathrin Tadday wurde 1966 in Ostwestfalen geboren. Sie legte das C-Examen Kirchenmusik in Bielefeld ab, studierte Religionspädagogik in Paderborn und ist als Gemeindereferentin im Pastoralverbund Lippe-Detmold tätig. Lebenserfahrung, Praxis und Fortbildungen profilierten sie zur kommunikativen und kreativen Religionspädagogin, Mentorin und geistlichen Begleiterin. Sie ist verheiratet und hat 4 Kinder.

Kontakt:
annkathrin.tadday@katholisch-in-detmold.de

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