Morgenandacht, 31.08.2019

von Pfarrer Michael Witti, Feichten

Was ist mir „heilig“?

Eigentlich fing alles so schön an: In meinen vier Pfarrgemeinden hatte ich in diesem Jahr die Eltern unserer Erstkommunionkinder sehr aktiv und engagiert erlebt. Da war es mir – gemeinsam mit den Kollegen im Seelsorgeteam – ein Anliegen, dass dann nach dem großen Fest nicht gleich wieder Schluss ist mit der Kirche. Wir wollten den Eltern Hilfen an die Hand geben, wie man mit Kindern ins Gespräch kommen kann, wenn sie über Gott und die Welt Fragen stellen.

„Mit Kindern über Gott reden…“, so nannte ich den Abend, zu dem ich zwei Monate nach der Erstkommunion nochmals alle Eltern und weitere Interessierte eingeladen hatte. Doch dann war die Resonanz auf die persönliche Einladung, die allen Eltern zugestellt wurde, sehr überschaubar. Eine einzige Mutter ist von all den persönlich eingeladenen Eltern unserer vier Pfarrgemeinden erschienen. Vier weitere Frauen, die Interesse am Thema hatten, sind noch hinzugekommen. Da wir vom Seelsorgeteam auch zu dritt waren, war ein großer Tisch dann doch gut besetzt. Anfangs lief es etwas „zäh“. Doch dann ergaben sich interessante Gespräche. Sehr berührt hat mich dabei ein Aspekt, der mir zwar theoretisch klar war, den ich praktisch aber bisher wohl viel zu wenig beachtet habe.

Kinder lernen primär vom Verhalten, das sie bei Erwachsenen, vorzugsweise bei den Eltern, beobachten. Sie spiegeln geradezu gnadenlos wider, was ihnen vorgelebt wird. Dabei erkennen sie auch mit geradezu frappierender Sicherheit, ob das, was Erwachsene sagen, auch kongruent zu ihrem Handeln ist. Ein Kind lernt also durch Beobachtung, wie man menschlich miteinander umgeht, wie man Konflikte löst, wie man als „Frau“ oder „Mann“ seine Rolle definiert. Kinder haben ein untrügliches Gespür dafür, was einem anderen Menschen wichtig, ja, „heilig“ ist, selbst dann, wenn das nie ausdrücklich in Worte gefasst wird. Umgekehrt helfen all die klugen und motivierenden und mahnenden Worte in der Erziehung absolut nichts, wenn der Erwachsene nicht selbst auch entsprechend lebt und handelt.

Vielleicht sollte ich im nächsten Jahr mit den Eltern darüber ins Gespräch kommen. Umgekehrt beschleicht mich der vielleicht böse Verdacht, dass manche Mama und mancher Papa vor der Erstkommunion auch deshalb so gern und intensiv über die Anzahl der Gruppenstunden und Vorbereitungsgottesdienste diskutiert, über die Kleidung der Kinder beim Fest, über den Fotografen und den hoffentlich stattfindenden gemeinsamen Ausflug, damit man nur ja nicht über die eigene Vorbildfunktion ins Gespräch kommt.

Verstehen Sie mich nicht falsch: es geht auch gegenüber den Eltern nicht um den sprichwörtlich erhobenen Zeigefinger. Von dem sollte sich meine Kirchen doch längst verabschiedet haben. Ich meine, dass man sich – gerade auch als Erwachsener – ehrlich die Frage stellen sollte: Was ist mir wichtig im Leben? Was ist mir heilig? Was davon möchte ich in der Familie weitergeben?

Dieser Abend hat auch bei mir selbst Spuren hinterlassen. Vielleicht sollte ich die kommenden Jahre alle pädagogischen Konzepte und Methoden erst einmal hinten anstellen. Vielleicht ist es viel ergiebiger und wichtiger, beim konkreten Leben der Familien anzusetzen mit all diesen grundlegenden Fragen. Dann aber muss ich wohl noch einen weiteren Schritt zurücktreten. Dann muss ich mir erst einmal selbst immer wieder Zeit nehmen und mich fragen: Was ist mir wichtig in meinem Leben? Was ist mir heilig? – Und: Lebe ich auch so, dass andere das, ganz ohne große Worte, spüren können?

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 31.08.2019 gesendet.




Pfarrer Michael Witti, geb. 1973, war nach der Priesterweihe ab 1.7.2000 als Kaplan in Hauzenberg und bad Füssing tätig. Seit 2007 ist Michael Witti Pfarrer im Pfarrverband Feichten (damals Feichten und Heiligkreuz; seit 2011 zusätzlich in Hart und Wald). 2011 folgte er dem Ruf als Bischöflicher Beauftragter für Rundfunk- und Fernsehübertragungen ins Bistum Passau. Kontakt:
Pfarramt Feichten, Maria Himmelfahrt,
Pfarrgasse 2, 84550 Feichten

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