Morgenandacht, 30.08.2019

von Pfarrer Michael Witti, Feichten

Der Mensch braucht ein „offenes Ohr“

„Ich will Sie damit aber jetzt nicht lange aufhalten. Ich weiß ja, wie viel Sie als Pfarrer zu tun haben…“ Diesen Satz bekomm ich immer wieder zu hören, wenn ich merke, dass mein Gegenüber etwas beschäftigt, dass ein Mensch jemanden zum Reden braucht. Es beschämt mich dann immer, wenn jemand einem Vertreter der Kirche gar nicht mehr zutraut, noch Zeit für so ein Gespräch zu haben. In Zeiten des Priestermangels werden aktuell ja in allen deutschen Bistümern Strukturreformen diskutiert und umgesetzt. Faktisch bedeutet das meist, dass immer weniger Seelsorger immer größere Gebiete zu betreuen haben.

Da bleibt doch ganz Wesentliches auf der Strecke. Je größer die Seelsorgebezirke werden, die es zu versorgen gilt, desto mehr spüre ich in vielen Einzelgesprächen, dass etwas viel zu kurz kommt. Etwas, das heute vielleicht sogar noch wichtiger ist, als in vergangenen Zeiten: Menschen suchen ein „offenes Ohr“. Gute Zuhörer sind in unserer multimedialen Welt offenbar selten geworden. Wir kommunizieren zwar fast ununterbrochen auf allen nur möglichen Kanälen, aber echte Gespräche sind rar geworden. Deshalb erlebe ich quer durch alle Generationen immer wieder eine echte Sehnsucht nach einem „offenen Ohr“.

Wenn mir Kindergartenkinder über den Gartenzaun herüber erzählen, was sie heute schon erlebt haben, dann ist es wichtig, dass ich ernst nehme, was sie beschäftigt. Auch viele junge Menschen finden in den Familien oft nicht mehr die Atmosphäre, die für ein echtes Gespräch nötig ist. Paare beginnen oft mit den Jahren nebeneinanderher zu leben, haben sich irgendwann nichts mehr zu sagen, weil sie wissen, dass der andere nicht wirklich bereit ist zuzuhören.

In der Berufswelt sind fast alle Bereiche leistungsoptimiert. Abläufe müssen reibungslos vonstattengehen. Ein Gespräch kostet Zeit, bringt womöglich Sand ins Getriebe. Und dann muss es oft reichen, wenn einmal im Jahr eine knappe Stunde für ein „Personalgespräch“ mit dem Vorgesetzten eingeplant ist. In Krankenhäusern und Altenheimen erlebe ich diese Sehnsucht nach einem „offenen Ohr“ am intensivsten. Wo Pflegenotstand herrscht bleibt die Zeit für Zwischenmenschliches meist als erstes auf der Strecke. Was bleibt ist allerorten die Sehnsucht nach einem richtigen Gespräch.

Im Rahmen der Innenrenovierung der alten Pfarr- und Wallfahrtskirche in Feichten, neben der ich wohne, hab ich deshalb ein Projekt vorgeschlagen. Da die alten Beichtstühle nicht mehr erhaltungswürdig waren, wurde hinter dem Hochaltar ein sehr ansprechender Raum für Gespräche eingebaut. Moderne Holzelemente verbinden sich harmonisch mit Resten alter Fresken, die freigelegt wurden. Dort biete ich nun mindestens einmal im Monat ein „offenes Ohr“ an. Andere Kollegen wiederum setzen sich in Fußgängerzonen auf eine Bank und haben neben sich einfach ein Schild mit der Aufschrift: „Hier wird Ihnen zugehört.“ Die Menschen stehen zwar nicht Schlange, aber die zweite Bankhälfte blieb auch nie lange leer, so wie ich auch noch nie lange allein in meinem Gesprächszimmer sitzen musste.

Das alles ist vielleicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber es zeigt mir, was eigentlich jeder und jede von uns für andere tun kann: Zur rechten Zeit einem Menschen ein „offenes Ohr“ schenken.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 30.08.2019 gesendet.




Pfarrer Michael Witti, geb. 1973, war nach der Priesterweihe ab 1.7.2000 als Kaplan in Hauzenberg und bad Füssing tätig. Seit 2007 ist Michael Witti Pfarrer im Pfarrverband Feichten (damals Feichten und Heiligkreuz; seit 2011 zusätzlich in Hart und Wald). 2011 folgte er dem Ruf als Bischöflicher Beauftragter für Rundfunk- und Fernsehübertragungen ins Bistum Passau. Kontakt:
Pfarramt Feichten, Maria Himmelfahrt,
Pfarrgasse 2, 84550 Feichten

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