Morgenandacht, 29.08.2019

von Pfarrer Michael Witti, Feichten

Gotteserfahrung am Berg

Eine Sportskanone bin ich wirklich nicht. „Dafür hat der liebe Gott mich einfach nicht geschaffen“. Das sage ich gern, wenn ich eingeladen werde zu bewegungslastigen Aktivitäten. Ein Spaziergang mit dem Hund oder ein paar Kilometer auf dem Fahrrad, das geht noch. Das mache ich gern. Und noch etwas ist mir mit den Jahren immer wertvoller geworden, auch wenn ich mich nie zu kräftezehrenden Touren hinreißen ließ: die Erfahrung der Berge. Am Berg spüre ich: Ich kann freier atmen, komme zur Ruhe, spüre das eigene Leben tiefer und intensiver.

Ich kann daher die Erfahrung nachempfinden, von der das Alte Testament berichtet in der Erzählung von Elija am Berg Horeb. Elija war ein großer Prophet. Mit vollem Einsatz wollte er das Volk zu seinem Gott hinführen. Voller Leidenschaft kämpfte er für den Glauben. Als er sich aber hinreißen ließ, die Priester des Baal zu ermorden, erlebte er seinen tiefsten Fall. Er musste fliehen. Alles schien verloren. Sein leidenschaftlicher Einsatz bewirkte das krasse Gegenteil. 40 Tage und 40 Nächte lief er weg, vor den anderen und wohl auch vor sich selbst. Schließlich erreichte er den Gottesberg Horeb. Dort verkroch er sich in einer Höhle. Er war am Ende. Doch dort oben auf dem Berg machte er dann eine Gotteserfahrung. Er erkannte: Gott ist ganz anders, als ich ihn mir bisher vorgestellt hatte.

Die Bibel beschreibt bildhaft diese Gotteserfahrung so: Eine Stimme rief Elija: „Komm heraus, und stell dich auf den Berg vor den Herrn!“ Elija tat es. Er stellte sich vor Gott und er stellte sich zugleich seiner eigenen Lebenswirklichkeit und seinem bisherigen engstirnigen und sogar gewalttätigen Gottesbild. Da kam ein tosender Sturm und zog vorüber. Aber der Herr war nicht im Sturm. Es folgte ein mächtiges Beben. Doch der Herr war nicht im zerstörerischen Beben. Auf das Beben folgte ein alles verzehrendes Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Dann, so heißt es im Alten Testament, „kam ein sanftes leises Säuseln“. Es war eine stille Ahnung, die nur unvollkommen mit menschlichen Bildern beschrieben werden kann. Da verhüllte Elija sein Gesicht. Er spürte: in diesem sanften leisen Säuseln begegnet ihm Gott, spricht ER zu ihm.

Elija musste dafür auf den Berg hinauf. Er musste seinen Alltag im Tal zurücklassen: seine Last, seine Fehler, seine inneren Abgründe. Er brauchte den Abstand zu alldem in der Ruhe und Abgeschiedenheit des Berges. Dann erst konnte er spüren, was er inmitten der Täler seines Lebens vielleicht nie erfahren hätte.

Ich kann das gut nachempfinden, wenn ich selbst dort oben auf dem Berg bin. Ich setze mich auf einen Stein und schau über die Gipfel dem Horizont entgegen.

Eine so dramatische Erfahrung mit Sturm, Beben und Feuer musste ich da oben am Berg gottlob noch nie machen. Aber ich durfte wohl immer wieder spüren, was die Bibel in der Begrenztheit menschlicher Sprache jenes leise „Säuseln“ nennt. In der Abgeschiedenheit und Ruhe, in der lauen Brise und im Gezwitscher der Vögel überkommt mich eine große innere Gelassenheit. Sie lässt mich spüren, was sonst im Alltag oft untergeht: Gott ist bei mir.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 29.08.2019 gesendet.




Pfarrer Michael Witti, geb. 1973, war nach der Priesterweihe ab 1.7.2000 als Kaplan in Hauzenberg und bad Füssing tätig. Seit 2007 ist Michael Witti Pfarrer im Pfarrverband Feichten (damals Feichten und Heiligkreuz; seit 2011 zusätzlich in Hart und Wald). 2011 folgte er dem Ruf als Bischöflicher Beauftragter für Rundfunk- und Fernsehübertragungen ins Bistum Passau. Kontakt:
Pfarramt Feichten, Maria Himmelfahrt,
Pfarrgasse 2, 84550 Feichten

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