Morgenandacht, 28.08.2019

von Pfarrer Michael Witti, Feichten

Ein Glaube, der trägt

Es war in diesem Jahr am 19. März, dem Josefs-Tag. Um 8.00 Uhr morgens hab ich in meiner Pfarrei den Gottesdienst zu Ehren des Heiligen gefeiert, von dessen Leben in nächster Nähe Jesu wir so wenig wissen. Viele haben mitgefeiert, da dieser Tag in Bayern immer noch ein besonderer ist. In Bayern tragen viele den Namen Joseph, auch wenn sie hier nur liebevoll Sepp genannt werden. An diesem Morgen schaute ich ins Kirchenschiff und dachte: „Wo ist denn der Sepp?“ Er war noch vor ein paar Wochen extra ins Pfarrbüro gekommen, um am Josefstag eine Messe für seinen verstorbenen Vater feiern zu lassen. Ich wusste, dass es ihm nicht gut ging. Nach der Messe hab ich dann erfahren, dass er im Krankenhaus liegt. Am Nachmittag hab ich ihn besucht – und dieser Besuch hat Spuren hinterlassen.

Im Krankenbett sitzend erschien er mir erst wie immer. Doch dann erzählte er mir von seiner Diagnose: Lungenkrebs. Ein Nierenleiden machte ihm zudem zu schaffen. Aber er war wie immer, konnte lachen, machte Scherze. Ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er mir hier nichts vorspielte. Er meinte: „Es ist, wie es ist. Wenn ich jammere wird es auch nicht anders. Ich nehme jeden Tag so, wie er kommt.“

Sehr nachdenklich bin ich dann nachhause gefahren. Wie würde es mir in so einer Situation ergehen? Könnte ich dann auch innerlich so stark, so gelassen sein?

Natürlich ist der Weg durch so eine Krise kein linearer. Verschiedenste menschliche Gefühle wechseln sich immer wieder ab: Angst, Verzweiflung, Verhandeln mit einem imaginären Schicksal, Hoffnung, Zweifel… Die Theorie dieses Phasenmodells zur Krisenbewältigung ist das Eine, das wirkliche Leben mit seinen Wechselfällen und sehr individuellen Biographien ist oft etwas ganz anderes. Jeder Mensch geht so einen Weg anders, erlebt die eine oder andere Phase öfter oder auch intensiver, als andere. In der Theorie steht am Ende das Annehmen, das Loslassen der Ängste und Probleme, die Integration der Krise ins eigene Leben. Das gelingt nicht allen. Ich habe Menschen erlebt, die bis zuletzt innerlich gekämpft und gerungen haben. Aber ich habe auch Menschen erlebt, wie Sepp. Er ging gefasst seinen Weg. Er kämpfte nicht verzweifelt gegen eine übermächtig erscheinende Krankheit. Aber er freute sich an den kleinen Dingen, die ihm noch möglich waren. Er empfand jeden Tag als Geschenk. Er war immer ein geselliger Mensch, aber in persönlichen Dingen nie ein Mann großer Worte. Aber er hatte etwas, an das er sich halten konnte, das ihm kostbar war, dass er pflegte. Er war ein Mensch, der glauben konnte, dass Gott auch in dieser Extremsituation der Krankheit bei ihm war, auch wenn er selbst das nie so pathetisch ausgedrückt hätte.

Ich weiß, dass viele Menschen sich nach so einem tragenden Grund sehnen. Sie möchten gern glauben. Sie möchten dieses Gefühl des Getragenseins und der tiefen inneren Geborgenheit gern erleben. Ich denke, Glauben und Zweifeln, das sind die beiden Seiten der Medaille des Lebens. Ich kann nur jedem Menschen – und auch mir selbst – wünschen, dann, wenn es im Leben „drauf ankommt“, so glauben zu können, wie ich es beim Sepp erleben durfte.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 28.08.2019 gesendet.




Pfarrer Michael Witti, geb. 1973, war nach der Priesterweihe ab 1.7.2000 als Kaplan in Hauzenberg und bad Füssing tätig. Seit 2007 ist Michael Witti Pfarrer im Pfarrverband Feichten (damals Feichten und Heiligkreuz; seit 2011 zusätzlich in Hart und Wald). 2011 folgte er dem Ruf als Bischöflicher Beauftragter für Rundfunk- und Fernsehübertragungen ins Bistum Passau. Kontakt:
Pfarramt Feichten, Maria Himmelfahrt,
Pfarrgasse 2, 84550 Feichten

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