Spurensuche, 19.10.2019

von Prof. Dr. Hildegard König, Dresden

Wut-Beten - Unfromme Gedanken zu Lukas 18,1-8

Jesus sagte ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten. (Lukasevangelium 18,1)

Je länger ich darüber nachdenke, desto fragwürdiger wird mir die Geschichte, die Lukas Jesus in den Mund legt: Eine Witwe wird mit ihrer Rechtssache immer wieder bei einem Richter vorstellig, und dieser verschleppt die Angelegenheit, bis die Frau derart aufgebracht ist, dass die Lage zu eskalieren droht. Da besinnt er sich: Ich fürchte zwar Gott nicht und nehme auf keinen Menschen Rücksicht; weil mich aber diese Witwe nicht in Ruhe lässt, will ich ihr Recht verschaffen. Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mir ins Gesicht. (18,4-5)

Kann ja sein, dass den Leuten um Lukas diese Inszenierung plausibel erschien: Es sind genug Hinweise innerhalb und außerhalb der Bibel bekannt, welche die prekäre Lebenslage von Witwen andeuten. Die Rechtsunfähigkeit von Frauen in den patriarchalen Gesellschaften der Antike war eine Realität, die ein beträchtliches Armutsrisiko für Frauen bei Verlust ihres Ehepartners barg. Was den Witwen als Besitz und Eigentum zustand, wurde oft von verwandten und sonst wie nahestehenden Männern angefochten. Kam es zum Rechtsstreit, hatten diese nicht selten die besseren Karten. Frauen konnten ihr Recht nicht selbst durchsetzen; sie brauchten einen Mann als Vormund oder Anwalt; sie mussten immer mit Übervorteilung rechnen, nicht nur von ihren Gegnern.

Gleichniserzählungen reduzieren die Komplexität des Lebens mit seinen Händeln und unübersichtlichen Verhältnissen um der Anschaulichkeit willen aufs Wesentliche. So auch im vorliegenden Text: Wut-Witwe bedroht arroganten Richter. Das ließ aufhorchen. Das wäre auch heute noch ein interessanter Stoff, der für die Boulevardpresse taugte.

Aber taugt diese Geschichte als Modell für das Beten? Sollen wir Gott angehen und anschreien und belästigen wie einen gelangweilten egozentrischen Richter? Ihm mit wachsender Wut und Ungeduld in den Ohren liegen? Und mit welchem Ergebnis?

Wie viele Gläubige gingen und gehen Gott im Gebet ähnlich an wie die Witwe, bitten und betteln ohne Ende um Hilfe in Not und Verzweiflung, und finden keinen Richter, der es für sie richtet und sie wieder aufrichtet? Wie viele werden deshalb an ihrem Gott irre?

Vermutlich hatte auch die Gemeinde des Lukas eine solche Erfahrung gemacht: Dass Gott in das Elend nicht eingreift, dass er die Gewaltherrschaft der Besatzer nicht beendet, dass er den Krieg nicht verhindert, dass er nicht einmal den Tempel in Jerusalem vor Vernichtung bewahrt…, dass er ausbleibt und sich nicht regt, und dass der verheißene Messias, der alles richten soll, nicht kommt.

Dagegen setzt Lukas ein entschiedenes Statement Jesu: Ich sage euch: Er (Gott) wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen. (18,8)

Nach bald 2000 Jahren Warten auf den Messias, und Beten und Hoffen immer noch, erscheint mir dieses Gleichnis mitsamt dem Statement höchst fragwürdig.

Nur eines gibt mir zu denken: das Verhalten der Witwe, ihre Hartnäckigkeit und Ausdauer. Das unerhörte Verschleppen ihrer Sache lässt sie nicht resignieren. Vielmehr scheint ihre Kraft zu wachsen, ihre Energie wird stärker, so stark, dass sie auch zuschlagen könnte, über die gesetzten Grenzen und die gebotenen Normen hinweg gehen könnte. Ihre Macht wird spürbar.

Und da denke ich an die Zeit vor dreißig Jahren, als sich Menschen zu Friedensgebeten in Kirchen versammelten, weil sie das Unrecht nicht mehr hinnehmen wollten; als sie mit Gebeten, Gesängen und Kerzen auf die Straßen gingen und ihr Recht forderten und es schließlich errangen.

Und langsam dämmert mir: Beten hilft. Aber Gebet wirkt anders als erwartet. Und Gott ist anders als geglaubt. Und der Messias ist vielleicht schon da, nur eben ganz anders. Ganz anders.


Redaktionelle Verantwortung:
Martin Korden, Katholischer Hörfunkbeauftragter

 

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 19.10.2019 gesendet.


Über die Autorin Hildegard König

Prof. Dr. Hildegard König hat in Tübingen katholische Theologie und Germanistik studiert. Ein Schwerpunkt ihrer Forschung liegt im Bereich „Alte Kirchengeschichte und Patristik“. Nach einem Studienaufenthalt in Rom lehrte sie an den Universitäten Luzern, Frankfurt, Tübingen und an der RWTH Aachen.  Nach einer Gastprofessur an der LMU München arbeitet sie seit 2011 als Professorin für Kirchengeschichte an der Technischen Universität Dresden. Darüber hinaus ist sie als freie Dozentin tätig.

Kontakt  
hkoenig@gmx.com

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