Spurensuche, 05.10.2019

von Prof. Dr. Hildegard König, Dresden

Sklavenhaltung - Unfromme Gedanken zu Lukas 17,1-10

Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Knechte; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan. (Lukasevangelium 17,10)

Warum empört mich dieser Satz, seit ich ihn zum ersten Mal gewusst gehört habe? Damals, ich war ein Teenager, hatte ich eine schwierige Aufgabe ziemlich gut erledigt und sonnte mich ein bisschen im Erfolgsglück. Da wurde mir dieser Satz wie ein nasses Handtuch um die Ohren geschlagen: Bilde dir bloß nichts ein auf deine Arbeit; du bist nicht mehr als ein unnützer Knecht, der seine Schuldigkeit getan hat.

Das saß. In dieser Haltung erlebte ich Vater und Mutter, die immer das Licht ihrer Leistungen unter den Scheffel stellten… und dann darunter litten, wenn die Welt um sie herum dieses Licht nicht wahrgenommen hat. Ich selbst habe lange gebraucht, um unbefangen zu meinen eigenen Erfolgen zu stehen. Heute, wo sich fast alles um Leistung und Erfolg dreht, ist der Satz von den unnützen Knechten kaum noch zu hören. Warum dann aber meine Empörung, die immer wieder hochkommt, wenn ich diesen Satz lese?

Offensichtlich hatten und haben auch andere mit dem Bildwort vom unnützen Knecht (Lukas 17,7-10) ihre Mühe: Der griechische Text spricht von „doulos“ (17,7.9) und „ douloi achreioi“ (17,10), d.h. von unnützen Sklaven. So liest man es in diversen deutschen Übersetzungen. Martin Luther übersetzte damals zeitgemäß mit unnützen Knechten; spätere Übersetzungen folgten ihm[1].

In der Zeit des Lukas war klar, was „douloi“ waren: Sklaven und Sklavinnen, denen leicht das Menschsein abgesprochen werden konnte; sprechende Werkzeuge und belebte Dinge waren sie in den Augen ihrer Besitzer und Besitzerinnen, auszubeuten nach Belieben, ohne Rechte, vollkommen abhängig und unfrei. Manchen ging es in der Sklaverei besser, weil sie aufgrund ihres Herkommens und ihrer Bildung anders von Nutzen sein konnten als das Heer der einfachen Arbeitssklaven, die bis zur Erschöpfung schuften mussten[2].

Lukas 17,7-10 hat einen solchen Sklavenalltag im Blick: Jemand hat einen Sklaven und zieht den größtmöglichen Nutzen aus ihm. Er lässt ihn die Feldarbeit, dann die Hausarbeit erledigen. Erst nachdem das Essen für ihn zubereitet und serviert ist, mag sich der Sklave selbst versorgen. Dankbarkeit und Anerkennung verdient ein Sklave nicht. - Das ist gängige Sklavenhaltermentalität, ob in der Antike oder in der Gegenwart: Profit schlagen aus dem, was man in seinen Besitz gebracht hat. Und ein Sklave, der keinen Nutzen mehr bringt, ist ein unnützer Sklave, dessen man sich bestenfalls lukrativ entledigt.

Jesus, wie er in dieser kurzen Episode bei Lukas zum Reden gebracht wird, zwingt seine Zuhörer mit rhetorischen Fragen in die Sklavenhalterperspektive hinein: Bedankt sich etwa einer bei dem Sklaven, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde? (17,9) - Bestimmt nicht. - Und im nächsten Moment weist er ihnen eine Sklavenrolle samt Sklavengesinnung zu: So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan. Der Abwertung soll also die Selbstentwertung folgen.

Was anfangen mit einem solchen Gedankengang? Glücklicherweise ist in dieser Episode nicht vom Himmelreich die Rede wie in Sklavengleichnissen an anderen Stellen im Neuen Testament[3]. Gott kommt  nicht ins Spiel. Er ist nicht der Sklavenhalter.

Es geht hier um die Herrschafts- und Gewaltverhältnisse in der Welt, in der die Gemeinde des Lukas angesiedelt ist, und die ihr wohl auch zu schaffen machen[4]. Die Apostel (17,5) werden provoziert, der Logik dieser Verhältnisse zuzustimmen. Und gleich danach werden sie aufgefordert, sich in den Sklavenstatus zu versetzen.

Das Mitfühlen mit den Sklaven, mit den Gewaltopfern, mit denen, die an den Rand und nach untern gezwungen werden, ist ein Grundzug biblischer Ethik, und vielleicht waren harte Perspektivwechsel wie hier Impuls für die frühen Christen, allmählich die selbstverständliche Haltung zur Sklaverei zu überdenken und Sklaven anders zu sehen[5].

Und vielleicht ist die Empörung, die der Satz von den unnützen Sklaven bei mir auslöst, die bittere Einsicht, dass in der Welt und der in ihr beheimateten Kirche die Sklavenhaltermentalität so wenig wie die sklavische Haltung überwunden ist, und ich selbst mich anfragen lassen muss, wann ich die eine oder die andere Rolle spiele.

Von Lukas muss ich mir sagen lassen, dass ich aus dem strukturellen Unrecht hier und jetzt nicht ohne Hilfe und ohne Wissen um meine eigene Abhängigkeit herauskomme. Aber er stellt mir wenigstens eine andere Rolle in Aussicht, wenn er sagt, dass wir im Angesicht Gottes als Kinder der Auferstehung zu Kindern Gottes werden (vgl. Lukas 20,36). Damit kann ich leben.


[1] Die Einheitsübersetzung von 1980 sprach von unnützen Sklaven, die Revision von 2016 spricht von unnützen Knechten

[2] Vgl. hierzu Kessler, Rainer, Art. Sklaverei (AT), in: Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (www.wibilex.de) 2019. Zugriff am 22.9.2019. Sowie Hanna Roose, Art. Sklaverei (NT), in: Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (www.wibilex.de) 2019. Zugriff am 22.9.2019.

[3] Vgl. z.B. Lk 19,11-27; Mt 18,23-35; Mk 13,33-37.

[4] Vgl. die Bemerkungen zur Rangstreit der Jünger Lk 9,45-48; Lk 22,24-27; vgl. die Bemerkungen zu den Ehrenplätzen beim Gastmahl Lk 14,7-11.

[5] Vgl. Grieser, Heike, Hilpert, Konrad, Lauth, Hand-Joachim, Art. Sklave, Sklaverei; in: LThK 3Bd. 9, 1993, 655-659.


Redaktionelle Verantwortung:
Martin Korden, Katholischer Hörfunkbeauftragter


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Dieser Beitrag wurde am 05.10.2019 gesendet.


Über die Autorin Hildegard König

Prof. Dr. Hildegard König hat in Tübingen katholische Theologie und Germanistik studiert. Ein Schwerpunkt ihrer Forschung liegt im Bereich „Alte Kirchengeschichte und Patristik“. Nach einem Studienaufenthalt in Rom lehrte sie an den Universitäten Luzern, Frankfurt, Tübingen und an der RWTH Aachen.  Nach einer Gastprofessur an der LMU München arbeitet sie seit 2011 als Professorin für Kirchengeschichte an der Technischen Universität Dresden. Darüber hinaus ist sie als freie Dozentin tätig.

Kontakt  
hkoenig@gmx.com

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