Am Sonntagmorgen, 08.09.2019

von Sabine Schleiden-Hecking, Aachen

Über eine sehr spezielle Heilige: Sankt Kümmernis, die Fürsprecherin am Kreuz

Heilige Märtyrerin Kümmernis,
ich rufe dich an um deine Hilfe
und Fürbitte.
Meine Sorge und Angst
lege ich vor deinem Kreuz nieder
und bitte dich, mir zu helfen.
Bleibe bei mir, Heilige Kümmernis,
tröste und beschütze mich.

Bleibe bei mir, tröste und beschütze mich. Das klingt wie ein sehr vertrautes Gebet. Doch wer wird hier angerufen? Die „heilige Kümmernis“?

Einst hatte sie ihren festen Platz in der Heiligenverehrung der katholischen Kirche. In den „Acta Sanctorum“ zum Beispiel, einem amtlichen Verzeichnis der Heiligen, da war der Gedenktag der heiligen Kümmernis Ende des 17. Jahrhunderts auf den 20. Juli festgelegt. Doch heute ist sie fast vergessen und längst aus der kirchlichen Heiligenverehrung verschwunden. Wenn von ihr die Rede ist, dann meist wenn es – vorsichtig gesagt – um Kuriositäten aus der Volksfrömmigkeit der katholischen Kirche geht. Dann ist die heilige Kümmernis dabei. Denn Darstellungen, die die Kümmernis zeigen, verwirren, ja sie provozieren: Wir sehen eine Frau am Kreuz, sie hängt am Kreuz so wie Christus am Kreuz hing. Besonders befremdlich: Sie trägt häufig einen Bart. Und schon hier wird deutlich: die heilige Kümmernis hat es gar nicht gegeben.

Von ihr erzählen verschiedene Legenden, die jedoch allesamt keinen historischen Kern haben. In einer heißt es, dass die junge Frau Gott um einen Bart bittet, weil sich ihr Vater an ihr vergehen will. In einer anderen wirft der König seine Tochter ins Gefängnis, weil sie keinen heidnischen Prinzen heiraten will. Sie bittet Gott, er möge sie so verunstalten, dass kein Mann sie mehr begehre. Und Gott ließ ihr, so wurde erzählt, einen Bart wachsen. Der erzürnte Vater ließ die Tochter daraufhin martern und kreuzigen. Und so entsteht das Bild der heiligen Kümmernis als Frau mit Bart am Kreuz.

So ist sie auch auf einer Darstellung im Stundenbuch der Erbprinzessin Maria von Burgund zu sehen. 1477 heiratete sie den späteren Kaiser Maximilian von Habsburg. Es war eine politische Heirat, ja eigentlich eine Zwangsheirat, der sie nur unter großem Druck zugestimmt hatte. Und auch dieser Tatbestand könnte ein wichtiger Teil der Erklärung dafür sein, warum sich gerade die Kümmernis im Gebetbuch der Erbprinzessin fand. Denn diese Heilige wurde gerade von Menschen in Bedrängnis angefleht um Hilfe, Trost und Schutz. Kulturwissenschaftlerin Ulrike Wörner erklärt den Hintergrund:

„Die Figur ist ja in Flandern entstanden, hauptsächlich in den Orten Gent und Brügge im Umfeld der spätmittelalterlichen Frauenbewegung, die dort sehr stark entwickelt war, insbesondere bei den Beginenhöfen und bei den Nonnen. Sie haben diese Figur einer Frau am Kreuz, einer Crucifixa. Die trug viele Namen, insbesondere im flandrischen Bereich, Wilgefortis, abgeleitet von „virgo fortis“, die starke Jungfrau. Im Holländischen wurde sie aber auch als „Ontkommere“ bezeichnet, was sehr viel aussagekräftiger ist als das deutsche „Kümmernis“, denn in dieser Bezeichnung steckt ja das Wort „Entkümmererin“ und damit wird ja schon angedeutet, dass es sich bei dieser Kultfigur um eine Erlöserinnenfigur handelt, also eine Heilige, die heilt und frei macht.“

Gibt die Figur heute Rätsel auf, so war das vor 500 Jahren ganz anders. Da war die „Ontkommere“ in allen Gesellschaftsschichten von Flandern über den Niederrhein und Bayern bis hin nach Südtirol als Fürsprecherin und Volksheilige hoch verehrt. Ja, man baute der „Frau am Kreuz“ gar einen, im dreißigjährigen Krieg abhanden gekommenen, silbernen Altar im Regensburger Dom. Oder große Maler der Zeit verewigten sie, in kostbaren Farben gemalt, gekleidet in ein blaues Gewand als Zeichen der Treue, so wie im Stundenbuch der Maria von Burgund. Oder dieser ganz erstaunliche kolorierte Holzschnitt von 1470/80, der heute in der Bayrischen Staatsbibliothek aufbewahrt wird. Zu sehen ist vor dem blauen Firmament eine junge Frau am Kreuz, mit langen, blonden Haaren, gehüllt in das rote Gewand der Märtyrerin. Ihr Kleid ist an den Füßen zusammengebunden als Zeichen der Jungfräulichkeit und Keuschheit. Ulrike Wörner:

„Das Überraschende ist nun, dass sie natürlich keinerlei Ausdruck von Leiden zeigt, im Gegenteil: Sie blickt vom Kreuz herab sozusagen auf die Betrachterin oder den Betrachter mit einem sehr freundlichen Gesichtszug – ich sehe eigentlich darin so die Frage: „Na, wie geht´s? Alles in Ordnung oder willst du mir was sagen?“ Diese Beziehung zu dieser Betrachterin oder vielleicht zu der Bittstellerin ist hier ganz eindeutig und es ist ein sehr liebenswürdiges und freundliches und eigentlich ganz unaufgeregtes Bild.“

Die Regensburger Kulturwissenschaftlerin Ulrike Wörner hat eine Ausstellung zur Wilgefortis-Ontkommere kuratiert. Sie trägt den Titel: „Frau am Kreuz – eine neu entdeckte Kultfigur“. Hier wird deutlich, dass das Aufkommen der Kümmernis mit dem spirituellen Aufbruch der Frauen und der neuen Frömmigkeitsbewegung des 15. Jahrhunderts zu tun hat. Diese findet zum Beispiel auch ihren Ausdruck im damals weitverbreiteten Werk „Nachfolge Christi“ des Augustiner-Chorherrn Thomas von Kempen. Darin empfiehlt er einen mystischen Weg zur spirituellen Entwicklung, der sich der unmittelbaren Kontrolle der Kirche entzog, und der auch Frauen, die Möglichkeit gab ihre eigenen Wege zu Gott zu finden. Auf der Suche nach Heiligen, denen sie sich anvertrauen konnten, wurde die heilige Kümmernis zur spirituellen Identifikationsfigur. Ihr konnten sich die Frauen zuwenden. Von ihr fühlten sie sich in ihren alltäglichen Nöten verstanden. Dabei spielte es für den mittelalterlichen Menschen keine Rolle, dass die heilige Kümmernis keine echte historische Figur war.

„Dort wo sie dann später zur so genannten Volksheiligen wird, war sie natürlich auch in erster Linie zuständig für die Angelegenheiten der Frauen. Das heißt Partnersuche, Schwangerschaft, Geburt und von den männlichen Interpreten wird das natürlich auch immer in Richtung Kindersegen gedeutet. Aber wir wissen auch, dass es dabei um ganz andere Themen ging, vielleicht auch einmal darum, nicht wieder schwanger zu werden oder um tabuisierte Themen wie männliche Gewalt in der Familie, dass man sie sogar darum bitten durfte, sie vom Manne zu befreien. Also, diese Tabufreiheit spielt eine ganz, ganz große Rolle, ist aber natürlich nicht so dokumentiert.

Tatsächlich haben sich die Menschen sogar ihre eigene Kümmernis geformt und dabei auch  zu unkonventionellen Mitteln gegriffen:

„Es gibt dafür einige sehr schöne Beispiele, wo gläubige Menschen in beiden Fällen sehr einfache alte romanische Christusfiguren genommen haben und diese angezogen haben, so dass dann daraus Erlöserinnen-Figuren wurden. Das heißt, die Menschen haben diese Figuren ganz bewusst umgestaltet, von einer männlichen Figur in eine weibliche Figur und das zeigt uns ja doch das Bedürfnis, hier für bestimmte Anliegen oder für alle Anliegen auch eine weibliche Figur zu haben, die in den göttlichen Bereich hineinreicht.“

Auch wenn die heilige Kümmernis längst nicht mehr im Kalender der Kirche auftaucht: der Grund der Verehrung von damals hat einen Kern, der auch heute noch von Bedeutung ist. Es geht sicherlich nicht darum, sich wieder wie in alten Zeiten betend an eine Heilige zu wenden, die nun mal eine reine Erfindung war. Aber die Kümmernis war Ausdruck dessen, was Frauen (und vielleicht auch Männer) in dem von Bibel und Tradition männlich überzeichneten Gottesbild vermissten: die weibliche Seite Gottes. Die Entstehung dieser Heiligenfigur ist zu verstehen aus der Sehnsucht, sich Gott in seinen weiblichen Wesensarten und -eigenschaften vorzustellen und anzuvertrauen.
Die Pastoraltheologin Annette Diesler ist geistliche Leiterin der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands im Bistum Aachen. Sie hat viele Jahre Erfahrung in der Frauenbildungsarbeit und meint: 

„Das Bedürfnis der damaligen Zeit kann ich nachvollziehen, aber ich glaube, wir brauchen heute neue Bilder, neue Symbole, überhaupt eine neue Sprache. Ähnlich wie wir auch gesellschaftlich von 4.0 sprechen, glaube ich, zieht es in der Kirche auch. Nicht umsonst hat diese Aktion Maria 2.0 so ‘ne große Verbreitung gefunden, weil das einfach auch unserem heutigen Sprachgebrauch entspricht – zugleich aber die Verbindung zu alten Traditionen hergestellt wird.“

Bei Maria 2.0 geht es um eine bundesweite Initiative für eine gendergerechte katholische Kirche, in der Frauen gleichberechtigt sind. Für Pastoralreferentin Diesler ist die Figur der Kümmernis interessant – als Gedankenspiel, weil Frauen damit die weibliche Seite Gottes ansprechen konnten.

Ähnlich sieht das Aurica Jax. Sie ist die Leiterin der Arbeitsstelle für Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz und hat sich in ihrer wissenschaftlichen Arbeit mit geschlechtersensibler Theologie befasst. Für sie ist es kein Zufall, dass die Kümmernis – die Ontkommere – im 15. Jahrhundert entstanden ist.

„In dieser Umbruchssituation stellte sich für viele Menschen die Frage nach einer persönlichen Frömmigkeit, nach einer persönlichen Gottesbeziehung und offensichtlich gab es eine Leerstelle, die von Frauen, ja, ganz unreflektiert gefüllt wurde, in dem eine weibliche Figur am Kreuz – ja, wir können ruhig sagen – geschaffen wurde.
Vielleicht ist das auch ein wichtiger Punkt für eine geschlechtersensible Theologie zu sehen, dass sich Menschen und eben auch Frauen zu allen Zeiten die Religion angeeignet haben, und sehr kreativ angeeignet haben und sich das Recht genommen oder es auch als ganz selbstverständlich empfunden haben, ihre Wege in den Glauben zu finden und es ist nicht alles vorgeschrieben worden, auch in der Vergangenheit nicht.“

Die Legende von der heiligen Kümmernis, der „Wilgefortis“ – also starken Frau , war für viele Gläubige ein Ausweg aus einem spirituellen Mangel, sie füllte eine Lücke, wo Frauen und natürlich auch Männer den weiblichen Anteil Gottes im offiziell gepredigten Glaubensleben vermissten. Aurica Jax:

„Wilgefortis oder die Kümmernis weist aber auf einen interessanten Punkt insofern hin, als dass sich schon die Frage stellt, wie wichtig ist denn die Tatsache, dass Jesus ein biologischer Mann war, also wie stark interpretieren wir diese Tatsache, welche Bedeutung geben wir ihr. Ist nicht viel mehr das Entscheidende, dass Jesus ein Mensch war, ein verwundbarer Mensch, ein Mensch mit einer bestimmten Botschaft. Ich finde, dass wir immer sehr gut aufpassen müssen, wie stark wir  es betonen, dass Jesus ein Mann war und was daraus folgt. Karl Rahner hat gesagt, es gibt die Gefahr, dass diese Tatsache hochspekuliert wird, also viel zu stark betont wird und dadurch die Möglichkeit besteht, Frauen auszuschließen. Ich sag nicht, dass das so sein muss, ich behaupte auch nicht, dass Frauen sich nicht genauso mit Jesus identifizieren können oder an Jesus als Erlöser glauben, aber vielleicht braucht dieses Bild manchmal eine Korrektur und da ist die Kümmernis eine ganz, ganz spannende und produktive Figur.“

Die amerikanische Theologin Elisabeth Johnson beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit Frauenrechten und Frauenordination. Die Katholikin machte einmal einen bemerkenswerten Vorschlag. Der geht so: Vielleicht müssen wir erst einmal ganz, ganz lange über Gott als Frau sprechen, um die männliche Gottesrede auszugleichen und zu relativieren.

Dafür haben Gläubige in längst vergangenen Zeiten mit der Verehrung der heiligen Kümmernis schon ihren ganz eigenen Weg gefunden.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 08.09.2019 gesendet.


Über die Autorin Sabine Schleiden-Hecking

Sabine Schleiden-Hecking ist Journalistin und Absolventin des Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses in München. Seit 1992 arbeitet sie freiberuflich als Redakteurin und Autorin, so zum Beispiel für die Magazine „Plus Magazin/Frau im Leben und „Frau und Mutter“ oder den Bachem-Verlag, Köln, sowie als Online-Redakteurin/Webmasterin und Autorin für die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands, Diözesanverband Köln, und die Müttergenesung Köln sowie die Kfd-Stiftung St. Hedwig. Von 2002 bis Ende 2011 war sie Chefredakteurin der Kinderzeitschrift „SPATZ“. Vor ihrer Selbstständigkeit arbeitete sie als Presse- und Bildungsreferentin für eine Entwicklungshilfeorganisation. Sie studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Portugiesisch in Trier und Lissabon. Seit 1985 lebt sie mit ihrer Familie in Aachen.
Kontakt 
text@shmedien.de

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