Morgenandacht,16.08.2019

von Diakon Jürgen Wolff, Bitterfeld

Aufbruch zum Sehnsuchtsort Freiheit

„Nach Moskau zurückkehren. Das Haus verkaufen, alles hier aufgeben – und dann nach Moskau! (A. Tschechow: Drei Schwestern – Kapitel 2, Act 1, Auftritt 2 - https://gutenberg.spiegel.de/buch/drei-schwestern-3978/2)

Für Irina – einer der Drei Schwestern in Tschechows gleichnamigem Drama – ist Moskau Hoffnung und Sehnsuchtsort! Nur fort aus dieser provinziellen Gouvernementsstadt – fort in die Freiheit! Und dieser Drang ist stark – und wenn Irina nie nach Moskau zurückkehren wird, wird sie am Ende doch fortgehen … in eine neue Freiheit!

Nicht nur im Drama und auf dem Theater begegnen wir dem Drang hin zum Sehnsuchtsort Freiheit. Die Geschichte der Menschheit ist voll von Erzählungen über den Aufbruch zu diesem Sehnsuchtsort – eine Freiheitsbewegung ‚nur raus‘ aus Gängelung, Unterdrückung, Not und Tod.

Im Spätsommer und Herbst 1989 war dieser Sehnsuchtsort für viele Bürger der DDR Prag, die Deutsche Botschaft, und dann die BRD – und heute ist dieser Sehnsuchtsort für viele Menschen eben Europa. Damals, vor dreißig Jahren, und auch heute nehmen die Menschen vieles in Kauf, um fort zu kommen – fort in die Freiheit. Sie gehen auf eine Reise ins Ungewisse – oft ohne wirkliches Happy End! Die Mutter aller Freiheitsbewegungen hin zu einem Sehnsuchtsort Freiheit – und damit die beeindruckende Parallele und Blaupause für die Flucht aus der DDR und die aktuelle Migrationsbewegung – ist der Exodus des Volkes Israel – breit geschildert im Buch Exodus der Bibel.

Hier hofft das in Ägypten unterdrückte Volk Israel nicht in passiver Weise auf eine Erlösung, sondern entledigt sich selbstermächtigt einer despotischen Herrschaft und zieht davon in der Hoffnung auf ein menschenwürdigeres Leben. Dabei liegt die Kraft dieser Erzählung und seine Vergleichbarkeit mit aktuellen Freiheitsbewegungen auf ihrem Ende, „denn das Ende unterscheidet sich radikal von dem am Anfang Versprochenen! Das Ende hat nichts mit dem Anfang zu tun – auch und besonders nicht räumlich. Es endet nicht dort, wo es begonnen hat.“ (Michael Walzer Exodus und Revolution, 1988, p. 20ff)

Die Israeliten wandern nicht in der Wüste umher, sondern ihr Exodus ist eine nach vorn gerichtete Reise. Es ist ein Marsch auf ein Ziel hin – inklusive tiefgreifender Veränderungen.

Die Menschen, die das Gelobte Land erreichen sind im übertragenen Sinne wie auch buchstäblich nicht mehr dieselben. Und das gilt auch für das Erwartete. Die Versprechung wird Realität – jedoch anders, als erhofft. Der Wechsel aus der Sklaverei, Ausbeutung und Entfremdung hin zu einem Land, in dem die Menschen menschenwürdig leben können bedeutet auch eine Relativierung dessen, was dort tatsächlich möglich ist. Was erträumt wurde, ist damals wie heute, wenig Licht-tauglich. Der Realitätscheck fällt dann auch ernüchternd aus – für Israel wie für die Menschen heute.

Und doch ist die Schilderung des Exodus auch weiterhin aufmunternder Antrieb und motivierender Motor für jede Art von Freiheitsbewegung. Was einmal funktioniert hat, dass lässt sich wiederholen – Gestern, Heute und Morgen! Und so ist die Tür der Hoffnung immer noch weit geöffnet – auch wenn die Dinge am Ende nicht das sind, was sie am Anfang sein könnten – selbst wenn das, was sie sein könnten, sich nicht völlig von dem unterscheidet, was sie sind.

Für die Menschen am Beginn ihres Aufbruchs zum Sehnsuchtsort Freiheit ist und bleibt die Exodus-Geschichte daher das, was sie uns lehrt:
?        Dass, wo immer man lebt, wahrscheinlich Ägypten ist.
?        Dass es einen besseren Ort, eine reizvollere Welt gibt.
?        Dass der Weg zu dem Gelobten Land durch die Wüste führt.

Das sollten wir verstehen, wenn wir Flucht- und Migrationsbewegungen bewerten.

Und noch eines müssen wir verstehen: von hieraus dorthin zu gelangen, wo die Hoffnung wohnt, erfordert Mut und den Gang ins Ungewisse!

Die Menschen in der Prager Botschaft vor dreißig Jahren und die Migranten im Mittelmeer heute haben es gewagt und erlebt.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 16.08.2019 gesendet.


Über den Autor Vikar Jürgen Wolff

Vikar Dr. Juergen A. Wolff wurde 1971 in Birkesdorf/Düren geboren. Nach seiner Ausbildung in Deutschland und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in England hat er über zwanzig Jahre im In- und Ausland in der Finanzbranche gearbeitet; davon die meiste Zeit in China. Im Rahmen seiner Promotion in England entschied er sich Theologie zu studieren und seiner Berufung zu folgen, Priester zu werden. Nach dem Abschluss des Theologiestudiums in Erfurt begann er 2018 seine pastorale Ausbildung im Bistum Magdeburg, wo er nach seiner Priesterweihe 2020 als Vikar an der Kathedrale wirkt.
Permanent Horizonte zu erweitern, ist sein Bestreben; Energie und neue Anstöße findet Vikar Wolff durch die Literatur und in der klassischen Musik – besonders in den Werken Händels.

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