Morgenandacht,15.08.2019

von Diakon Jürgen Wolff, Bitterfeld

Dann bleibt doch einfach zuhause

Neeeiiin, an dem Wochenende kann ich nicht kommen … da bin ich mit meinen Freundinnen in Rom – ein Kurztrip – shopping – Du weißt doch …

Kokett lächelnd und in einer ‚Komm, hab dich nicht so‘ Pose verharrend, klimpert mich meine Nicht an! Und als ob das ihr Fernbleiben noch mehr entschuldigt, schiebt sie, leicht säuselnd nach – und den Vatikan besuchen wir natürlich auch – wenn schon, denn schon …

Das wird bestimmt schön – murmele ich – bestell meinem Chef viele Grüße … und um die Verwirrung meiner Nichte in die richtige Richtung zu lenken, setzte ich nach: und es ist eine ganz schlechte Idee! Eigentlich hätte ich Dir doch zugetraut, dass Du Deine Klima-Bilanz besser im Blick hast …

Sollen wir vielleicht mit der Bahn nach Rom fahren? kommt es prompt zurück und dabei lässt sie sich genervt auf ihren Küchenstuhl fallen.

Nun ja – sekundiere ich – Fliegen ist eine energieintensive Methode der Fortbewegung – wie Du weißt. Der Ausstoß von Treibhausgasen pro Personenkilometer ist absurd viel höher als bei den meisten anderen Transportmitteln. Und dozierend füge ich an: Wenn man der deutschen Umweltbehörde folgt, dann müsste der CO2-Ausstoß pro Person auf unter eine Tonne pro Jahr reduziert werden und das ist weniger als ein Zehntel vom aktuellen Verbrauch. Nur so können die Pariser Klimaziele noch erreicht werden. Sollte das deutlich verfehlt werden, worauf bisher vieles hindeutet, droht ein Klimaszenario mit möglicherweise katastrophalen Folgen.

Na, jetzt beeindruckst Du mich aber – tönt es von der anderen Seite des Küchentischs herüber!

Wieso? Weil ich mich um die Umwelt sorge? töne ich zurück. Nicht erst seit Papst Franziskus die zutiefst christliche Schöpfungsverantwortung mit "Laudato Si" quasi neu ins Lehramt gehoben hat, sind das Fragen geworden, um die wir – nicht nur als katholische Gläubige – nicht mehr herumkommen.

Laudato Si spricht natürlich nicht vom Tourismus und auch nicht von Shopping-Touren einer Mädelsgruppe … aber der Papst legt den Finger in die Wunde. Unter anderem bemängelt er eine "gewisse Schläfrigkeit" in unserem Öko-Bewusstsein (Nr. 69). Eigentlich, so schreibt er, reden wir uns ein, dass wir gar nicht so genau wissen, was vorgeht. „Also ändern wir – nichts." (ebd.)

Und ich füge an: Für den Papst ist das die Weise, wie der Mensch sich die Dinge zurechtlegt, um all die selbstzerstörerischen Laster zu pflegen, die er sich besonders im letzten Jahrhundert angewöhnt hat: Er versucht, sie nicht zu sehen, kämpft, um sie nicht anzuerkennen, schiebt die wichtigen Entscheidungen auf und handelt, als ob nichts passieren werde. Der Zustand des Planeten und die Hochrechnungen sind doch längst so, dass sie jedem von uns – in den reichen Ländern – Opfer abverlangen müssten, auch größere als heute. Und das weißt Du und das weiß ich.

Wir sind es doch, die die Welt ruinieren, nicht die, die sich eine Fernreise im Leben nicht leisten können – provoziere ich weiter. Der Großteil der Weltbevölkerung hat noch nie ein Flugzeug von innen gesehen! Und das macht es eigentlich noch dramatischer, denn nur die Europäer, Ostasiaten und Nordamerikaner reisen immer öfter mit dem Flugzeug um die Welt. Was, wenn die anderen auch Geschmack an Shopping-Touren und Langstreckenflügen finden – und dazu das nötige Kleingeld aufbringen können …

Oha! Legst Du jetzt freitags auch immer die Arbeit nieder? kommt es mir halb amüsiert, halb beeindruckt entgegen – Ich wusste gar nicht, dass Du Greta Thunberg nacheiferst?!

Ich brauche Greta nicht, um mich an die Verantwortung für die Schöpfung zu erinnern – gebe ich zurück – das tut schon die Bibel! Aber grundsätzlich hat die junge Frau recht – und man kann ihr nicht genug danken für ihren Einsatz: David gegen Goliath!

Also: bleib doch einfach mal zu Hause. Und wenn schon Rom, dann als Fußpilger. Ist auch schön – und nachhaltig!

Zu Fuß? schallt es mir halb erschreckt-halb freudig entgegen – dann brauche ich aber neue Turnschuhe!

Die kannst Du Dir wohl auch in der Stadt kaufen – gebe ich beruhigend-ermutigend zurück – probier’s mal aus und freue Dich auf die ersten Schritte Deiner Pilgerreise!
Die Umwelt wird es Dir danken – und mein Chef auch!

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 15.08.2019 gesendet.


Über den Autor Vikar Jürgen Wolff

Vikar Dr. Juergen A. Wolff wurde 1971 in Birkesdorf/Düren geboren. Nach seiner Ausbildung in Deutschland und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in England hat er über zwanzig Jahre im In- und Ausland in der Finanzbranche gearbeitet; davon die meiste Zeit in China. Im Rahmen seiner Promotion in England entschied er sich Theologie zu studieren und seiner Berufung zu folgen, Priester zu werden. Nach dem Abschluss des Theologiestudiums in Erfurt begann er 2018 seine pastorale Ausbildung im Bistum Magdeburg, wo er nach seiner Priesterweihe 2020 als Vikar an der Kathedrale wirkt.
Permanent Horizonte zu erweitern, ist sein Bestreben; Energie und neue Anstöße findet Vikar Wolff durch die Literatur und in der klassischen Musik – besonders in den Werken Händels.

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