Morgenandacht,14.08.2019

von Diakon Jürgen Wolff, Bitterfeld

…und die Hölle ist leer!

Sie sind doch vom Fach …!? Die junge Frau ist aus dem Nichts neben mir und an der Bowleschüssel aufgetaucht, lächelt mich an und sagt: Die da hinten – dabei zeigt sie auf eine Gruppe von Partygästen – sagen, Sie sind sowas wie ein Priester und Sie wissen das! Und ohne auf meine Verwirrung zu achten, fährt sie fort: Gibt es die Hölle?

Herrje – denke ich – auf eine solche Frage muss man kommen – bei einer Sommerparty, mit einem Glas Bowle in der Hand! Aber warum nicht … und da ich in der Frage keinen vorführenden Sarkasmus sondern wirkliches Interesse spüre, lege ich los:

Das Wort Hölle geht auf das althochdeutsche Wort hell(i)a  zurück. Das ist das Totenreich der Germanen in dem die Todesgöttin Hel herrscht – ein Ort, die Toten aufzunehmen und ein Ort, zur Bestrafung. Auch im Christentum wird die Existenz einer Hölle gelehrt – ja, das stimmt. Dabei gibt es viele unterschiedliche Vorstellungen, was damit gemeint sein kann. Traditionell ist die Hölle ein Ort ewiger Verdammnis, an den die Seelen der Missetäter nach dem Jüngsten Gericht gelangen. Sie steht im Gegensatz zu einem Ort absoluter Glückseligkeit – dem Paradies, dem Himmel, wo der Mensch mit Gott in Gemeinschaft lebt. Aber eigentlich ist die Hölle – wie auch der Himmel – kein Ort. Es ist ein Zustand, ein Zustand der Qual und Verzweiflung, ein Zustand der Gottesferne. Jesus spricht zwar von Hölle – aber wie die aussieht, das sagt er nicht. Die Vorstellungen, die wir haben, daran ist das Alte Testament schuld, aber auch mittelalterliche Prediger und der Maler Hieronymus Bosch!

Aber wenn auch heute die Hölle fast nur noch auf Leinwand und in Horrorfilmen auftaucht – nicht aber in den Predigten – dann sollte man nicht meinen, die Hölle gäbe es nicht! Wenn heute eigentlich nur noch vom Heil die Rede ist und jede Höllenrede ausgelacht wird, dann impliziert das aber keinen Heilsautomatismus. Heil macht ja nur Sinn, wenn es auch das Gegenteil gibt – wir können ja auch nur über die Vorzüge des Lichts reden, wenn wir wissen, wie sich Dunkelheit anfühlt.

Hölle ist also nichts anderes als die Kehrseite der Heilsbotschaft Jesu – und Hölle bedeutet dabei freie Entscheidung. Denn das Heilsangebot stellt den mit Freiheit begabten Menschen vor eine grundsätzliche Entscheidung:

Soll ich das Heilsangebot Gottes annehmen oder ablehnen? Die Hölle liegt also in der Möglichkeit der menschlichen Freiheit. Sie ist der Preis für das Scheitern der Freiheit und damit auch für das Scheitern des eigenen Lebens!

Diese Entscheidung ist also nicht harmlos – es geht da nicht darum, sich für ein Paar Schuhe oder Jeans zu entscheiden und bei Nichtgefallen, diese Entscheidung schnell rückgängig zu machen … Alles oder Nichts! Leben gewinnen oder verlieren – und darum stehen da in der Bibel für die Höllenfahrt so drastische wie existentielle Worte wie: Verderben, Zugrundegehen, Verlorengehen; und werden Bilder für die Hölle bemüht wie: Hitze, Durst, Heulen und Zähneknirschen.

Wenn Jesus von Hölle redet, dann macht er auf eine Grundsatzentscheidung aufmerksam – und fordert Entscheidung im Diesseits! Er appelliert, aber er beschreibt kein zukünftiges Schicksal. Nicht Gott schickt den Menschen in die Hölle, sondern der Mensch wählt sie als Möglichkeit! Und mit dem – interessanterweise – dreizackigen Bowlepiekser auf die junge Frau zeigend ergänze ich: Sie entscheiden, wo es hin geht … Und so ist die Hölle eine reale Größe – wenn Sie Gottesferne statt Gottesnähe wählen.

Und wer ist in der Hölle? kommt es ruhig zurück!

Das hat die Kirche niemals und nirgendwo festgeschrieben … Es gibt zwar die Hölle als „reale Möglichkeit“, wie Karl Rahner sagt, aber sie könnte „am Ende leer“ sein. Darum können und dürfen wir hoffen, dass diese Möglichkeit für möglichst viele, ja für alle Menschen Wirklichkeit wird. Denn wir hoffen auf Gottes unfassbare, unendliche Liebe und diese Hoffnung ist das Äußerste, was die Theologie über den endgültigen Ausgang sagen kann.

Na dann – sagt sie – und indem sie mir zuprostet, ruft sie über den Rasen zu den anderen: auf die Freiheit und das Leben! L’Chaim. Und L’Chaim tönt es zurück zu mir an die Bowleschüssel!

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 14.08.2019 gesendet.


Über den Autor Diakon Jürgen Wolff

Dr. Juergen A. Wolff wurde 1971 in Birkesdorf/Düren geboren. Nach seiner Ausbildung in Deutschland und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in England hat er über zwanzig Jahre im In- und Ausland in der Finanzbranche gearbeitet; davon die meiste Zeit in China. Im Rahmen seiner Promotion in England entschied er sich Theologie zu studieren und seiner Berufung zu folgen, Priester zu werden. Nach dem Abschluss des Theologiestudiums in Erfurt begann er 2018 seine pastorale Ausbildung im Bistum Magdeburg, arbeitet nun als Diakon in Bitterfeld und bereitet sich dort auf die Priesterweihe vor. Permanent Horizonte zu erweitern, ist sein Bestreben; Energie und neue Anstöße findet Dr. Wolff durch die Literatur und in der klassischen Musik – besonders in den Werken Händels.

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