Morgenandacht,13.08.2019

von Diakon Jürgen Wolff, Bitterfeld

Es sind immer die anderen, die sterben

„Es sind immer die anderen, die sterben". Und doch ist der Tod – wie Heiner Geißler es sagte – „total demokratisch: von hundert Menschen sterben hundert". Und noch ein Allgemeinplatz: Alle Dinge sind endlich. Eines Tages sterben wir alle und es gibt absolut nichts, was wir dagegen machen können, es ist der Lauf der Zeit, der Tod holt jeden.

Keine Angst, ich möchte Ihnen den Tagesstart nicht vermiesen … doch wenn der Tod zum Leben gehört und unweigerlich JEDEN trifft, warum ist es dann so schwer, über das Sterben und den Tod zu sprechen? Der Tod ist ein Tabuthema – vollkommen zu Unrecht, wie ich finde. Aber wie können wir dem Tod seine schwarze Schwere nehmen, ihn enttabuisieren? Es ist ja nicht so, dass sich das Ableben – schon gar nicht das eigene – als Gesprächsstoff auf Dinnerparties eignet. Und doch wäre es ein guter Anfang, sich mit dem Ende zu beschäftigen; sich und seine Nächsten darauf vorzubereiten.

Als Seelsorger in der katholischen Kirche treffe ich öfter auf Menschen, deren Tod unmittelbar bevorsteht. Und mir scheint, die Ansichten über den Tod und was da zu tun ist, haben sich gewandelt. So sagt der österreichische Philosoph und Professor für Kulturgeschichte Thomas Macho in einem Interview mit Zeit online:
"Früher war ein Tod gut, wenn die Sterbenden sich vorbereitet hatten, wenn die irdischen und himmlischen Dinge geregelt waren und wenn man Abschied nehmen konnte von den Angehörigen und Freunden. Heute höre ich immer häufiger, dass Menschen für einen guten Tod halten, wenn sie sich nicht lange darauf vorbereiten müssen. Ideal wäre es scheinbar, am Abend schlafen zu gehen und am Morgen einfach nicht mehr aufzuwachen." (https://www.zeit.de/kultur/2018-03/sterben-thomas-macho-philosoph-gesellschaft-tod) Soweit Thomas Macho.

Der aufgeklärte Mensch der Hier- und Jetzt-Zeit will niemandem zur Last fallen – schon gar nicht mit seinem Sterben und besonders mit Gesprächen darüber. Man stirbt für sich allein und so soll auch der Tod sein – allein, unaufdringlich, unmerklich, antiseptisch … Der Philosoph Martin Heidegger ist nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung. Er hat den Tod als einen Weg der radikalen Vereinzelung beschrieben. Als Sein-zum-Tode, als etwas, das mich allein betrifft. Bei ihm ist es ein "Existenzial": der Mensch stirbt allein und das kann ihm niemand abnehmen.

Und in der Vorwegnahme dieses einsamen Sterbens soll der Mensch zur Eigentlichkeit des Daseins finden – auch wieder allein.

Und so sind die Anderen außen vor, auch in der Bewältigung des Sterbens und des Todes. Dabei ist es doch so, dass wir genau dieses Schicksal, die Vereinzelung im Sterben, alle teilen. Wir sind alle sterbliche Wesen. Daraus könnte eine ganz elementare Solidarität erwachsen. Der Tod trennt nicht, sondern er verbindet. Und diese Verbindung gilt besonders durch das Erleben von Sterben und Tod!

Aber wie soll dieses Erleben funktionieren – in einer Gesellschaft, die das Sterben und den Tod verdrängt? Ich kenne mittlerweile viele, die an Sterbebegleitungskursen teilnehmen oder sich ehrenamtlich in Hospizen engagieren – und das hat nichts mit einem ungesunden Hang zur Morbidität zu tun.

Und noch eines: Es gibt Kurse in Letzter Hilfe. Es ist doch absurd, dass jeder, der Auto fahren will, einen Erste-Hilfe-Kurs machen muss, aber niemand lernt, wie man jemanden auf seinem letzten Weg begleitet.

Und das ist dann die ethische Pointe: Das Tabu, das über das Reden von Sterben und Tod verhängt ist, muss aufgebrochen werden, damit wir wieder zueinander finden. Es muss doch nicht – wie Macho sagt – „jeder allein zum Schafott.“

Also, hören wir auf, Sterben und Tod zu tabuisieren.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 13.08.2019 gesendet.


Über den Autor Diakon Jürgen Wolff

Dr. Juergen A. Wolff wurde 1971 in Birkesdorf/Düren geboren. Nach seiner Ausbildung in Deutschland und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in England hat er über zwanzig Jahre im In- und Ausland in der Finanzbranche gearbeitet; davon die meiste Zeit in China. Im Rahmen seiner Promotion in England entschied er sich Theologie zu studieren und seiner Berufung zu folgen, Priester zu werden. Nach dem Abschluss des Theologiestudiums in Erfurt begann er 2018 seine pastorale Ausbildung im Bistum Magdeburg, arbeitet nun als Diakon in Bitterfeld und bereitet sich dort auf die Priesterweihe vor. Permanent Horizonte zu erweitern, ist sein Bestreben; Energie und neue Anstöße findet Dr. Wolff durch die Literatur und in der klassischen Musik – besonders in den Werken Händels.

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