Morgenandacht,12.08.2019

von Diakon Jürgen Wolff, Bitterfeld

Es gibt viele Arten zu töten!

Neben Kevin will ich nicht sitzen! Der Drittklässler baut sich trotzig vor meinem Tisch auf, verschränkt filmreif seine Arme vor der Brust und funkelt mich wütend an! Und ich höre mich gut pädagogisch fragen und nicht einfach anordnen: Warum denn? Kevin ist doch okay! Ihr kennt euch doch schon seit der ersten Klasse! Was soll das denn jetzt!? Und wütend-kurzatmig tönt es zurück: Der ist doof! Neben dem will keiner sitzen! Was der schon anhat …! Und überhaupt …

Ja! Überhaupt! So ist es wohl, wenn man zum Beginn des neuen Schuljahres die Sitzordnung festlegt … Dramen über Dramen! Die Tisch- und Verhandlungsordnung bei einem diplomatischen Spitzentreffen zur Hochzeit des Kalten Krieges festzulegen, war sicherlich einfacher …

Aber hinter der kindlichen Trotzreaktion verbirgt sich mehr – und das ist das eigentlich Dramatische! Ging da nicht vor einigen Wochen eine Auswertung über Mobbing an Grundschulen durch die Presse? Mobbing an Grundschulen – ja, auch schon an Grundschulen! Hier ist es – so die Studie – das gegen einen, meist passiven Schüler gerichtete Drangsalieren, Ärgern, Angreifen und Schikanieren – und das alles über einen längeren Zeitraum. Und wer denkt: Das ist weit weg und findet nur an sozialen Brennpunkten statt, der irrt!

Nun spielt sich genau das vor meinem Schreibtisch und vor der gesamten Klasse ab: Alle gegen Einen – und das nur, weil der Eine … ja was eigentlich … ist oder nicht ist, getan hat oder nicht getan hat? … und deswegen der Rest der Klasse ihn ausgrenzen will, ihn aktiv und passiv boykottiert, ihm das Leben schwer macht, bis er bricht.

Von Bertold Brecht stammt der Ausspruch: Es gibt viele Arten zu töten! Und so martialisch das klingt, so Recht hat er! Auch Jesus hält uns genau das vor Augen, wenn er seinen Jüngern die umfassende Bedeutung des fünften Gebotes: Du sollst nicht töten! darlegt und sie von der engen Deutung der Gesetzeslehrer seiner Zeit abgrenzt.

Jesus stellt klar: Nicht erst der gewaltsam herbeigeführte physische Tod eines Menschen führt zum Gericht, sondern die Strafe Gottes kommt bereits über jeden, der seinem Bruder nur zürnt, zu ihm sagt: Du Dummkopf! und ihn so oder ähnlich vor allen Augen und Ohren beleidigt und gesellschaftlich herabsetzt, um kleingeistig das Licht des anderen auszulöschen, nur damit das eigene, winzige Flämmchen ein wenig heller strahlt. In der Bibel und ganz real vor meinem Schreibtisch in der dritten Klasse beginnt das Morden also nicht erst beim Zücken einer Waffe, es fängt tief im Herzen an.

Wie leicht kann man also einen anderen Menschen mit Worten und Verhalten, durch verbales oder relationales Mobbing, fertig machen, ihn durch den Kakao ziehen, ihn bloß stellen, ihn solange schikanieren, bis er erledigt ist – bis er tot ist. Und dabei zählt nicht erst die Tat, sondern schon die Gesinnung – ob das dann verbal oder virtuell passiert, ist dabei nur noch eine Spielart … Und noch eines wird mir klar: Diese Art des Mordens kennt keine Altersgrenze. Auch Kinder können grausam sein – Kevin kann wohl ein Lied davon singen.

Es gibt viele Arten zu töten – aber es gibt nur eine Art, dieses Morden zu unterbinden. Für Jesus gilt, dass man sich immer und immer wieder versöhnen soll, statt sich zu entzweien. Das einzige Mittel, etwas gut zu machen ist gut zu sein. Nicht wie man Recht hat, ist das wichtigste, sondern wie man Recht gibt.

Und vor meinem Schreibtisch? Hier begann die Versöhnungsarbeit nachdem die Sitzordnung – trotz Protest – wie beabsichtigt eingenommen wurde … denn in den nächsten Wochen steht nun Mobbingprävention auf dem Stundenplan – so wie Jesus es seinen Jüngern beigebracht hat!

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 12.08.2019 gesendet.


Über den Autor Diakon Jürgen Wolff

Dr. Juergen A. Wolff wurde 1971 in Birkesdorf/Düren geboren. Nach seiner Ausbildung in Deutschland und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in England hat er über zwanzig Jahre im In- und Ausland in der Finanzbranche gearbeitet; davon die meiste Zeit in China. Im Rahmen seiner Promotion in England entschied er sich Theologie zu studieren und seiner Berufung zu folgen, Priester zu werden. Nach dem Abschluss des Theologiestudiums in Erfurt begann er 2018 seine pastorale Ausbildung im Bistum Magdeburg, arbeitet nun als Diakon in Bitterfeld und bereitet sich dort auf die Priesterweihe vor. Permanent Horizonte zu erweitern, ist sein Bestreben; Energie und neue Anstöße findet Dr. Wolff durch die Literatur und in der klassischen Musik – besonders in den Werken Händels.

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