Wort zum Tage, 10.08.2019

von Klaus Böllert, Hamburg

Friedhöfe

Zwei Steinstelen mit kleinen Messingplatten drauf, auf denen Name, Geburts- und Sterbedatum stehen. Am Boden drum herum Dauergrün, aber auch Platz, um selber Blumen hinzulegen oder eine Kerze hinzustellen. So sieht das Urnengrabfeld aus, in dem auch meine Schwester begraben liegt. Es ist circa 15 qm groß und wir Angehörigen wissen, wo genau auf diesem Feld ihre Urne begraben ist. Die Entscheidung für die Urnenbeisetzung hat sie selber gefällt, die Entscheidung für ein größeres Feld und gegen ein Einzelgrab fiel auch deshalb, weil niemand mehr in der Stadt lebt und die Einzelgrabpflege nur mit großem, für meine Mutter zu großem Aufwand verbunden gewesen wäre.

Aber es ist ein bestimmter Ort. Mit den Namen der Toten. Ein Ort, der die Möglichkeit bietet, über den Tod hinaus Gesten der Liebe zu zeigen. Für mich wird auf einem Friedhof wie diesem deutlich, dass die Liebe den Tod überdauert. Die Besuche am Grab, die Tränen, die Blumen und Kerzen – das sind Gesten der Liebe. Gesten, die von der Hoffnung getragen sind, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist. Christen glauben, dass die Liebe den Tod nicht nur überdauert, sondern sogar überwunden hat. Deshalb bin ich ein Freund von ewigen Lichtern auf Gräbern. Die sind ein Glaubensbekenntnis. Was Christen sonntags im Gottesdienst feiern, dass wir eine Gemeinschaft der Lebenden und Toten sind, wird in der Kirche auch durch das ewige Licht ausgedrückt. Das wird in der Osternacht entzündet und steht für den Glauben an die Auferstehung. Das ewige Licht auf dem Friedhof zeigt, dass diese Hoffnung auch für diesen einen konkreten Menschen gilt.

So wie es nach dem Tod meiner Schwester vor allem meiner Mutter gut getan hat, wenn Bekannte oder Freundinnen sie besuchten und ihr erzählten, warum sie meine Schwester schätzten oder mochten, so tut es ihr heute gut, wenn sie am Grab sieht, dass auch andere Blumen hinlegen. Die Zeichen der Zuneigung zur Verstorbenen werden auch zum Zeichen der Solidarität mit meiner Mutter: Du bist in deiner Trauer nicht allein.

Es gibt in verschiedenen Bundesländern immer wieder Bestrebungen, den Friedhofszwang aufzuheben. Die Urne dürfte dann auch mit nach Hause genommen werden. Damit ginge das verloren, was ich so am Friedhof schätze: Er ermöglicht allen, die um Verstorbene trauern, diese Gesten der Liebe. Meine Schwester hatte zu vielen Menschen Beziehungen, nicht nur zu meiner Mutter. Sollen die alle bei meiner Mutter klingeln müssen, wenn sie die Urne besuchen wollen?

Auf einem Friedhof muss niemand erst um Erlaubnis fragen, nicht fragen, ob es gerade passt oder die Blumen recht sind. Jeder und jede darf der eigenen Trauer Ausdruck verleihen.

Es ist gut zu wissen, dass es dieses Grab auf einem öffentlichen Friedhof gibt.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 10.08.2019 gesendet.





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