Wort zum Tage, 08.08.2019

von Klaus Böllert, Hamburg

Vorbilder

Ein Lehrstück über wertschätzenden Umgang, Beharrlichkeit und Liebe habe ich bekommen, als ich vor einigen Jahren mit dem katholischen Hilfswerk missio im Senegal war. In dem westafrikanischen Land ist mit mehr als 90% die deutliche Mehrheit der Einwohner muslimisch, nur etwa 5% sind katholische Christen. Die aber sind hoch angesehen, was auch an den vielen Schulen liegt und an den sozialen Angeboten der Katholischen Kirche im Senegal, zum Beispiel der Beratung von jungen Männern, die auswandern wollten, es aber nicht nach Europa geschafft haben. Das Verhältnis zwischen den beiden Religionen ist gut. So gut, dass manchmal muslimische und christliche Geistliche in einem gemeinschaftlichen Kreis zusammenstehen und alle zusammen das Vater Unser beten – ich selber habe damals in einem solchen Kreis stehen dürfen.

Als ich durch den Senegal reiste, kam es mir oft vor, als lebte ich in zwei Zeitaltern gleichzeitig. Die Hauptstadt Dakar und einige Küstenorte sind sehr moderne Städte, aber im Landesinnern sieht man eine karge Landschaft und Menschen, die in Hütten leben und ein paar Ziegen haben.

In diesem Klima arbeitet Schwester Christine. Sie betreute damals mehrere Orte und hatte zwei Aufgaben: zum einen leitete sie eine Krankenstation, zum anderen kämpfte sie gegen weibliche Genitalverstümmelung. Die ist im Senegal schon seit 1999 verboten, wird aber in vielen ländlichen Gegenden immer noch praktiziert.

Schwester Christine pflegt Kranke, sie besucht Familien, tanzt mit den Menschen, und: sie redet mit den Opfern, die sich bei ihr trauen, über ihre Schmerzen zu sprechen. Sie drängt nicht, aber sie appelliert an die Elternliebe, denn viele Eltern sind auch zerrissen zwischen den Zwängen der Tradition und dem Wissen um das Leid der Kinder, die beschnitten werden.

Und sie redet auch mit den Frauen, die die Beschneidungen durchführen. Dabei ist Schwester Christine immer klar in ihrer ablehnenden Haltung zu den Beschneidungen, aber sie ist dabei freundlich und respektvoll im Umgang.

Schwester Christine war erfolgreich. Nur in einem der von ihr betreuten Orte gibt es noch Beschneidungen. Hätte sie sich respektlos verhalten, wäre sie verjagt worden. Hätte sie gedroht, hätten sich Münder und Herzen ihr gegenüber verschlossen. Sie hat es mit Geduld, Respekt und Liebe geschafft, Münder zu öffnen, Gedanken und Haltungen zu verändern, Herzen zu bewegen und so die Praxis zu ändern.

Für mich heißt das: Nicht rechthaberisch und ungeduldig sein, nicht schnell verurteilen. Erst einmal verstehen wollen, warum mein Gegenüber so anders denkt als ich, die Gefühle dahinter, die Werte vielleicht erkennen. Und auch darauf vertrauen, dass Gott die Herzen erreicht. Denn auch das erzählt Schwester Christine: Dass sie täglich bete für die Menschen, die ihr anvertraut sind.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 08.08.2019 gesendet.





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