Wort zum Tage, 06.08.2019

von Klaus Böllert, Hamburg

Vorbilder

Nein, für einen schlechten Menschen halte ich mich nicht. Ich begehe keine Verbrechen, ich spende, versuche, höflich oder auch freundlich zu meinen Mitmenschen zu sein und versage auch nicht als Vater. Ob das reicht, ein guter Mensch zu sein, sollen andere und ganz am Ende Gott beurteilen, aber ich weiß schon: Ein Vorbild bin ich damit noch nicht. Ich wüsste nicht, dass mein Leben andere anstachelt, bessere Menschen zu werden. Solche Menschen werden aber gebraucht. Um Stachel zu sein gegen die eigene Bequemlichkeit, um zu zeigen, wie es sein könnte, wenn man radikaler das lebt, was man als richtig und wichtig erkannt hat.

Da sind zum Beispiel zwei junge Frauen in Hamburg, die „zero waste“ leben, das bedeutet müllfrei. Sie fingen an, indem sie nur noch im „Unverpackt-Laden“ einkauften. Inzwischen geben sie Seminare für Multiplikatoren. Die beiden stacheln mich an, Müll zu reduzieren.

Oder die Engagierten der „Sea Watch“, die auf dem Mittelmeer Flüchtlinge retten und dafür sogar Gefängnisstrafen riskieren. Ich bin auch dagegen, dass Europa sich abschottet, aber was tue ich denn konkret dagegen?

Ich kenne eine Ärztin für Innere Medizin in Hamburg. Jeden Werktag verbringt sie viele Stunden in ihrer Praxis – und am Wochenende dann ist sie unterwegs, um ehrenamtlich Obdachlose und andere Arme zu versorgen.

Bei so viel Engagement stelle ich mir die Frage: Engagiere ich mich genug? Bringe ich meine Talente genügend ein?

Menschen, die eine Überzeugung radikal leben, regen zum Nachdenken an und ziehen im Idealfall viele mit. Die leben dann nicht unbedingt genauso radikal, aber nehmen endlich konsequent einen Beutel mit zum Einkaufen, engagieren sich für Flüchtlinge vor Ort und melden sich, wenn jemand zum Mitmachen gesucht wird. Das bringt dann in der Summe sehr viel.

Auch in der Bibel finde ich diese beiden Typen. Da gibt es zum einen Simon Petrus, Jakobus und Johannes, die Fischer. Nachdem Jesus sie überzeugt hatte, noch einmal raus auf den See zu fahren und sie mit einem überreichen Fischfang wiederkamen, sagt Jesus: Folgt mir, ich mache euch zu Menschenfischern. Und dann heißt es beinahe beiläufig: Sie ließen alles zurück und folgten ihm nach.

Da gibt es aber auch den Zöllner Zachäus. Jesus ist bei ihm zu Besuch und Zachäus wird von Jesus dazu angestachelt, sich zu ändern. Er gibt denen, denen er zu viel abgenommen hat, das Vierfache zurück und spendet die Hälfte seines Vermögens. Das ist viel, aber er bleibt auch weiterhin in seinem Alltag in seiner Arbeit.

Es braucht beide Typen, die radikalen Vorbilder und die, die sich redlich im Alltag bemühen. Wichtig für einen Normalchristen wie mich ist es, offen zu bleiben, nicht zu zufrieden zu werden, sich immer wieder von solchen Vorbildern anstacheln und weitertreiben zu lassen.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


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Dieser Beitrag wurde am 06.08.2019 gesendet.





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