Am Sonntagmorgen, 11.08.2019

von Dr. Christine Hober, Bonn

"Sobald das Geld im Kasten klingt..." Sühne und Wiedergutmachung anlässlich des 500. Todestags von Johannes Tetzel

„Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.“ So wird der Dominikanermönch Johannes Tetzel seit vielen Jahrhunderten immer wieder zitiert. Ob der werbewirksam klingende Slogan zur Ablassverkündung tatsächlich von Tetzel stammt, ist bis heute nicht geklärt. Als gesichert gilt hingegen, dass er dem Ablassprediger einen Platz in der Geschichte beschert hat und Tetzel vermutlich nur wegen Martin Luther heute noch bekannt ist. Hätte Luther seine Kritik am Ablasshandel nicht an Tetzel festgemacht, wäre der Dominikaner wahrscheinlich ein Ablassprediger unter vielen geblieben. Heute jährt sich der Todestag von Johannes Tetzel zum 500. Mal.

Es waren Martin Luthers Thesen gegen den Ablass, die den Anstoß zur Reformation gegeben haben. Vor allem die falsche Heilsgewissheit, die Ablasshändler wie Johannes Tetzel predigten, lehnte Luther rigoros ab:

„Endlich sind die Werke der Gottseligkeit und Liebe unendlich viel besser denn der Ablass, und doch predigt man sie weder mit solcher Pracht, noch mit so großem Fleiß. Ja, der Ablasspredigt zuliebe wird von ihnen geschwiegen, und doch ist es aller Bischöfe vornehmliches und alleiniges Amt, zu sorgen, dass das Volk das Evangelium und die Liebe Christi lerne. Nirgends hat Christus befohlen, den Ablass zu predigen; aber das Evangelium zu predigen hat er nachdrücklich befohlen.“

Mit diesen in einem Brief formulierten Worten hat Martin Luther dem Ablass und zugleich der kirchlichen Tradition die Axt an die Wurzel gelegt.

Tatsächlich ist die Vorgeschichte der Ablassverkündung der spätmittelalterlichen Kirche weitgehend unbekannt. Der Ablass hat sich in einem jahrhundertelangen Prozess im Zusammenhang mit der kirchlichen Bußpraxis herausgebildet, seine Ursprünge reichen bis ins Frühmittelalter. Davor – zur Zeit der alten Kirche – war die Buße schwerer Sünden öffentlich abzulegen und mit vielen Auflagen versehen, da durch das Fehlverhalten des Sünders seine Beziehung zu Gott und zur Glaubensgemeinschaft zerbrochen war. Erst nach innerer Umkehr und Ableisten dieses äußeren Bußwerkes war eine Versöhnung mit Gott und der Kirche möglich. Im frühen Mittelalter wurde diese Bußpraxis von der sakramentalen Privatbeichte abgelöst. Noch immer galt als Voraussetzung für die unmittelbare Absolution durch den Priester die persönliche Reue. Nach der Lossprechung wurde dem Sünder eine Buße auferlegt, das heißt eine Sündenstrafe, die durch Gebete, Fasten oder Almosengeben abgearbeitet werden konnte. Mit Einführung des Ablasses konnte man diese Strafe auch durch eine Ablasszahlung tilgen.

Theologisch wurde diese Form der Buße – man könnte auch sagen Sühne oder Wiedergutmachung – durch die Vorstellung erklärt, dass die Kirche durch die Leiden Christi und der Heiligen einen unendlichen "Schatz" angesammelt habe, den Bischöfe und Priester wiederum an die Sünder vergeben konnten. Dahinter steht die gläubige Überzeugung, dass alles, was aus Liebe oder aus dem Glauben heraus an Gutem getan wird, bei Gott einen bleibenden Wert hat.

Die Möglichkeit, einen Ablass auch außerhalb des Bußsakraments erteilen zu können, der einen vor Gott gültigen Erlass der Sündenstrafen zur Folge hatte, verhalf der Ablasspraxis schließlich zu ihrem Siegeszug.

Der Ablass hat das religiöse Leben in Europa vom 13. bis zum frühen 16. Jahrhundert umfassend durchdrungen. Das war eine kirchengeschichtlich bedingte Entwicklung, die sich mit der Frömmigkeit des mittelalterlichen Menschen in nahezu idealer Weise verbunden hat. Daseinsängste wie die Angst vor Krieg, Seuchen und Naturkatastrophen erzeugten ein Unsicherheitsgefühl bei den Menschen und verstärkten das allgemeine Streben nach Heilssicherung. Die vorherrschende Stimmung, bedroht zu sein durch Teufel, Hexen und Dämonen im Diesseits und von Fegefeuer und ewiger Verdammnis im Jenseits, verstärkte die Sorge der Menschen um ihre Seligkeit. Umso attraktiver erschienen die von der Kirche bereit gestellten Formen des religiösen Lebens sowie die Angebote besonderer Frömmigkeitsübungen. Die Möglichkeiten, durch den käuflichen Erwerb eines Ablasses nicht nur von den zeitlichen, sondern auch von den ewigen Sündenstrafen befreit zu werden und darüber hinaus sogar das Seelenheil seiner verstorbenen Angehörigen retten zu können, erfreute sich deshalb bei den Gläubigen wachsender Beliebtheit. Das immer stärker ausdifferenzierte Ablasswesen erlaubte schließlich auch Ablassbriefe für Sünden, die erst in der Zukunft stattfinden würden.

Dieses vermeintliche Rundum-sorglos-Paket, das sich der Großteil der Bevölkerung meistens vom Mund absparen musste, wurde zum profitablen Geschäft für die Kirche und zu einer sprudelnden Einnahme für anstehende Projekte von der Heiligenverehrung über den Hospital- und Brückenbau, von Kriegen und Ketzerverfolgungen bis hin zur Verbreitung von Festen und Frömmigkeitspraktiken. Die Ablasspraxis war der gesamten kirchlichen Hierarchie von Nutzen: Nicht nur Orden oder Laiengruppen finanzierten mit den Erträgen die verschiedensten Bereiche kirchlichen Lebens, auch Päpste und Bischöfe waren davon nicht ausgenommen. Tatsächlich wurde unter den anspruchsvollen, weltlich lebenden Renaissancepäpsten der Ablasshandel zur Finanzierung des eigenen Lebensstandards weiter professionalisiert.

In dieser Zeit war auch der Ablassprediger Johannes Tetzel tätig. Was war das Besondere an diesem Mönch, der noch 500 Jahre später Gegenstand zahlreicher Mythen und Vorurteile ist?

Der Dominikanermönch hat von 1465 bis 1519 in Sachsen gelebt. Bei näherem Hinsehen zeigt sich eine für die damalige Zeit eher unspektakuläre Biografie mit Studium und späterer Promotion in Leipzig, dann der Eintritt in den Dominikanerorden. Von 1504 bis 1510 wurde Tetzel als Ablassprediger seines Ordens in verschiedenen deutschen Ländern eingesetzt, vor allem in Thüringen.

Tetzels Aufgaben bestanden darin, die Liturgie rund um die Ablasspredigt zu gestalten, das heißt Andachten, Gottesdienste und Prozessionen, die die damaligen Ablasskampagnen zu einem interaktiven Multimedia-Event machten. Eine Bewerbung mit Ankündigungsplakaten sowie die Verteilung von Schriften und Beichtzetteln gehörten ebenso dazu wie die Einladung mehrerer Beichtväter, um den zahlreichen Gläubigen die Beichte abzunehmen. Außerdem war Tetzel für das Finanzielle zuständig. Die Gläubigen gaben für den Ablass eine ihrem Einkommen entsprechende Spende in eine große Holztruhe, für die Armen gab es einen Sozialtarif – sie zahlten nichts. Die Preisliste für den Ablass sah für Meineid und Kirchenraub neun Dukaten vor, ein begangener Mord kostete dagegen nur acht Dukaten. Inzwischen fiel auch die Verkündigung des Petersablasses für den Neubau der römischen Peterskirche in Tetzels Aufgabenbereich. Entsprechend floss die Hälfte der Einnahmen in den Bau der Peterskirche, die andere Hälfte teilten sich Erzbischof Albrecht von Mainz, in dessen Gebieten der Dominikaner tätig war, und – natürlich – die Ablassprediger selbst.

Im Focus der Öffentlichkeit stand Johannes Tetzel erst ab 1517, und zwar als Generalsubkommissar des Kirchen- und Reichsfürsten für die Ablasspredigt in der Kirchen-Provinz Magdeburg. In dieser Funktion kommt es schließlich zur Auseinandersetzung mit Martin Luther. Dass die Ablasseinkünfte genutzt wurden, um Erzbischof Albrechts Schulden gegenüber dem Bankhaus Fugger zu bezahlen, war der Auslöser für Luthers Anschlag seiner 95 Thesen. Im Grunde genommen kam Luther der unermüdliche Tetzel gerade recht, gab er dem spätmittelalterlichen Ablasshandel doch ein Gesicht.

Dem Geschäft mit dem schlechten Gewissen stellte Luther seine Einsicht von Sühne gegenüber. Er betonte die „Rechtfertigung des Sünders allein durch Christus und allein aus Gnade“. Alle Praktiken der sogenannten Werkgerechtigkeit, mit denen man versuchte, durch Sühneleistungen „Verdienste“ zu erwerben und Anspruch auf Gnade zu erlangen, lehnte Luther ab: etwa Werke wie Fasten, Mess-Stiftungen, Wallfahrten oder eben den Erwerb von „Ablässen“. Zudem schien ihm die notwendige Ernsthaftigkeit der Buße durch die auf die Spitze getriebene Ablasspraxis gefährdet.

Tatsächlich hatte sich die ursprünglich seelsorgliche Idee, den Ablass als Erleichterung der Bußlast für den Büßer einzuführen, in ihr Gegenteil verkehrt. Mit den Rundum-sorglos-Paketen der Ablasshändler als Ersatzleistung für persönliche Sühne bzw. als Wiedergutmachung wird die christliche Botschaft verzerrt, wenn nicht gar entstellt: Für einen so praktizierten Ablass gibt es kein direktes Vorbild in der Bibel.

Sühne im biblischen Verständnis dient nicht der „Besänftigung eines beleidigten Gottes“. Die biblische Botschaft ist eine andere:

Mit seinem Leben und seiner Botschaft und schließlich mit seinem Kreuzestod durchbricht Jesus dieses Denken. Deshalb ist es nicht der Mensch, „der zu Gott geht und ihm eine ausgleichende Gabe bringt, sondern Gott kommt zum Menschen, um ihm zu geben (Ratzinger, Einführung 232)“. So hat es Joseph Ratzinger – der spätere Papst Benedikt XVI. – in seiner „Einführung in das Christentum“ formuliert.

„Das Neue Testament sagt nicht, dass die Menschen Gott versöhnen, wie wir es eigentlich erwarten müssten, da ja sie gefehlt haben, nicht Gott. Es sagt vielmehr, dass Gott in Christus die Welt mit sich versöhnt hat‘ (2 Korinther 5,19).“ […] „Das ist etwas wahrhaft Unerhörtes, Neues.“ […] „Das ist der Ausgangspunkt der christlichen Existenz und die Mitte neutestamentlicher Kreuzestheologie: Gott wartet nicht, bis die Schuldigen kommen und sich versöhnen, er geht ihnen zuerst entgegen und versöhnt sie. Darin zeigt sich die wahre Bewegungsrichtung […] des Kreuzes.“ (Ratzinger, Einführung 232)

Ein Glaube, der Gott als Sachwalter der Gleichwertigkeit von Schuld und Sühne sieht und Christsein mit einer unnatürlichen Verherrlichung des Leidens verknüpft, kann kein befreiender Glaube sein. Wenn der christliche Glaube dem buchhalterischen Gedanken eines Ausgleichs zwischen Soll und Haben folgt, wird etwas ganz Wesentliches nicht verstanden. 

„Man gibt zuerst im geheimen mit der linken Hand, was man feierlich mit der rechten wieder entgegennimmt. Die „unendliche Sühne“, auf der Gott zu bestehen scheint, rückt so in ein doppelt unheimliches Licht. Von manchen Andachtstexten her drängt sich dem Bewusstsein dann geradezu die Vorstellung auf, der christliche Glaube an das Kreuz stelle sich einen Gott vor, dessen unnachsichtige Gerechtigkeit ein Menschenopfer, das Opfer seines eigenen Sohnes, verlangt habe. Und man wendet sich mit Schrecken von einer Gerechtigkeit ab, deren finsterer Zorn die Botschaft von der Liebe unglaubwürdig macht.“ (Ratzinger, Einführung 231)

Heute vor 500 Jahren ist Johannes Tetzel an der Pest gestorben. Sein Name steht für ein besonders dunkles Kapitel der Kirchengeschichte und einer aus dem Ruder geratenen Ablasspraxis. Bei alledem darf aber nicht vergessen werden, dass Tetzel auch Kind seiner Zeit war. Einer Zeit, in der das Leben der Menschen von einer großen Sehnsucht nach Heil geprägt war. Die Vorstellung, sich durch eigenes Tun das Heil vor Gott zu sichern, wurde dankbar angenommen.

Richtig gelesen aber markiert die christliche Botschaft des Neuen Testaments eine Wende in der Idee der Sühne: Wiedergutmachung gelingt nicht in Form einer abzuarbeitenden Aufgabe oder Strafe, sondern als liebende Versöhnung. Sühne heißt in letzter Konsequenz dann: Gott, der sich in Jesus den Menschen zuwendet, an uns handeln zu lassen, indem wir seine Liebe annehmen und uns von ihm beschenken lassen.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 11.08.2019 gesendet.


Über die Autorin Christine Hober

Christine Hober, Dr. theol., arbeitet als Lektorin und Autorin. Sie lebt in Bonn, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Kontakt
c.hober@arcor.de

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