Wort zum Tage, 05.08.2019

von Klaus Böllert, Hamburg

Engel

Ich bin einem Engel begegnet. Und zwar sonntags am Hamburger Hauptbahnhof. Ja, der Engel ist blond, hat aber keine Flügel. Er heißt Jennifer, kommt in Jeans und T-Shirt daher und trägt eine Warnweste. Es ist ein Bergedorfer Engel. Die helfen regelmäßig Obdachlosen auf der Hamburger Reeperbahn. Da kommen sie mit bis zu vier Kleintransportern hin, bauen ihre Tische auf und verteilen Schlafsäcke, Tierfutter, Getränke und laden zu einer warmen Mahlzeit ein. Oft kommt ein Krankenpfleger mit, der zum Beispiel wunde Füße versorgt.

Dieser Krankenpfleger ist sonntags im Gesundheitsmobil unterwegs, und der Engel Jennifer hat sich gedacht: Er hilft uns – also helfe ich heute ihm und verteile zum Beispiel Getränke an die Wartenden vor dem Gesundheitsmobil.

Hierhin kommen Menschen, die keine Krankenversicherung haben. Das betrifft Obdachlose, illegale Flüchtlinge, aber auch manche Selbstständige, die sich die private Krankenkasse nicht leisten können.

Sie alle haben wenig Geld, aber hungrig müssen sie heute nicht sein, denn gleich nebenan verteilen Menschen von der Initiative „Hamburger Gabenzaun“ Tee und Kuchen und Nudelsalat. Das tut nicht nur dem leeren Magen gut. Die Obdachlosen erleben so oft, dass andere Menschen ihnen ausweichen, weggucken und auf keinen Fall von einem Obdachlosen berührt werden wollen. Beim Engel Jennifer, beim Krankenpfleger und den Leuten vom Gabenzaun ist das anders. Das tut gut.

„Es gehört zum biblisch begründeten Wissen der Kirche, dass Engel Ausdruck der Güte und Größe des Schöpfergottes sind“. So hat es Papst Benedikt XVI. einmal geschrieben. Er hat dabei nicht an Engel wie Jennifer gedacht, sondern wohl eher an die geheimnisvollen himmlischen Boten, von denen die Bibel spricht. Aber von der Güte und Größe Gottes erzählen für mich auch die Bergedorfer Engel. Das ist keine kirchliche Gruppe, ich will sie da nicht vereinnahmen, aber ihr erklärtes Ziel ist es, Obdachlosen auf eine würdevolle Art die Hand zu reichen und ihnen zu zeigen, dass sie Teil der Gesellschaft sind.

Das ist das, was Jesus bei den vielen Krankenheilungen gemacht hat, von denen die Bibel erzählt: Er hat sie würdevoll behandelt. Er hat sie berührt und sich berühren lassen und er hat ihnen ermöglicht, wieder ein Teil der Gesellschaft zu werden.

Engel sind Boten Gottes. Sie verkünden, was Gott will. Und weil wir Christen glauben, dass Gott jeden Menschen liebt, besonders die armen und leidenden Menschen, darum ist es für mich mehr als ein Wortspiel, dass die Gruppe sich Bergedorfer Engel nennt. Es stimmt. Sie verkünden mit ihrem Engagement, mit Worten und Taten die Botschaft Gottes: Jeder Mensch ist unendlich kostbar.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden, Senderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandfunk Kultur.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 05.08.2019 gesendet.





Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche