Morgenandacht, 02.08.2019

von Pfarrer Detlef Ziegler, Münster 

Gibt es einen Plan B?

„Und was machst du, wenn es nicht klappt?“ Wie oft habe ich diese Frage schon gehört! Ist es so falsch, sich festzulegen, auch mal alles auf eine Karte zu setzen? Bestimmt nicht, sage ich mir dann, wenn ich mich entschieden habe und entschlossen bin, jetzt auf Risiko zu gehen. Aber trotzdem halte ich mir dann gerne eine Hintertür offen. Und dann sind da ja auch noch die sattsam bekannten Kalauer, die in meinem Hinterkopf spuken und mich angrinsen: „Es kommt doch immer ganz anders! Der Mensch denkt, Gott lenkt.“ Alltagsweisheiten, die zur Vorsicht mahnen…

„Was ist dein Plan B?“ Auch wenn ich entschieden bin für den Plan A, so ist es doch klug, eine Alternative mitzudenken, einen Plan B zu haben. Damit, wenn es dann doch nicht klappen sollte, noch ein Ausweg bleibt. Und manchmal sind die Auswege aus einem gescheiterten Plan A gar nicht so übel. Der Plan B muss nicht immer die schlechtere Alternative sein.

Aber auch der kann scheitern. Ende der Fahnenstange! Und wieder eine Alltagsweisheit, die mich dann vielleicht angrinst: „Wenn du glaubst, es geht nicht mehr…“ Ich erspare Ihnen die Pointe.

Ein sehr berührendes Leseerlebnis war für mich der Roman „Feuer brennt nicht“ von Ralf Rothmann. Rothmann gehört zu den Gegenwartsautoren, die der religiösen Frage nicht ausweichen, ohne sich dabei vereinnahmen zu lassen. In „Feuer brennt nicht“ erzählt er die Geschichte eines Paares; er, Wolf, ein Schriftsteller in der Lebensmitte, sie um einiges jünger, Buchhändlerin und immer noch dabei zu promovieren. Weil ihn die täglichen Details der Zweisamkeit zunehmend beengen, er mit seinem Älterwerden nicht zurechtkommt, flüchtet er sich in die Arme einer Geliebten. Als er schließlich, der Lüge überdrüssig, seiner Partnerin Alina davon erzählt, akzeptiert sie überraschenderweise sein Verhältnis. Sie ermuntert ihn sogar dazu, leidet still, und doch kommt es nicht zur Trennung. Was die beiden schließlich trennt, ist nicht seine Untreue, sein egomanisches Vagabundieren, sondern der Tod. Alina nimmt sich am Ende des Romans das Leben, als sie von ihrer unheilbaren Erkrankung erfährt.

Über den Roman verstreut gibt es immer wieder religiös metaphysische Anspielungen. Manchmal sind es paradoxe Formulierungen, so die Aussage Wolfs gegenüber einem Dichterkollegen, der ihm religiöse Anwandlungen unterstellt: „Natürlich bin ich nicht religiös, wie jeder Engel. Nur Gottlose beten.“ Engel, die nicht religiös sind, Gottlose, die beten: Offensichtlich gibt es die religiöse Annäherung nur im Widersprüchlichen, in der Gebrochenheit. Am Ende des Romans aber wird es unverhüllt und eindringlich. Auf dem Deckblatt ihrer halbfertigen Doktorarbeit findet sich als Vermächtnis der toten Alina ein Zitat des mittelalterlichen Mystikers Meister Eckhart: „Wisset: meine Seele ist so jung, wie da sie geschaffen ward, ja, noch viel jünger! Und wisset: es sollte mich nicht wundern, wenn sie morgen noch jünger wäre als heute!“

Alinas Leben, ihr Plan A von der Liebe: immer wieder durchbrochen von ihres Geliebten Auswegen und Ausflüchten, seiner Unentschiedenheit.

Am Ende ein stiller Tod. Ihr Leib wie aufgebahrt im Dickicht des Waldes, wo sie sich das Leben nimmt. Über dieser Schlussszene ausgerechnet dieses starke Schlusswort: Ihre Seele, ihr Leben, morgen noch jünger als bei ihrer Geburt.

Damit bin ich wieder bei meinem Anfang. Was, wenn es nicht klappt mit dem Plan A vom Leben? Vielleicht ein Plan B?

Ich glaube: Gott ist ein Meister des Plan B! Alinas Leben scheint in der Selbsttötung im Letzten gescheitert. Doch das Zitat auf dem Deckblatt ihrer Dissertation hält an einer letzten Hoffnung fest: im Tod gehalten zu sein, aus dem Tod, der so alt aussehen lässt, letztlich verjüngt hervorzugehen. Diese Hoffnung legt sich wie ein Siegel auf ihr Leben, und ich bekenne: auch auf mein Leben. Ich hoffe dies für mich, ja für diese Welt, die Gottes Schöpfung ist: aus dem Dunkel in das Licht, aus der Bedrängnis in seinen Frieden. Gottes Plan B ist das Leben, nicht der Tod.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 02.08.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn. Seit 2017 ist er leitender Pfarrer an der Kirche St. Lamberti in Münster.

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