Morgenandacht, 01.08.2019

von Pfarrer Detlef Ziegler, Münster 

Wenn Gott aus der Sprache verschwindet….

Was würde passieren, wenn eines Tages das Wort „Gott“ völlig aus unserer Sprache verschwunden wäre. Der Theologe Karl Rahner stellte schon vor Jahrzehnten dieses Gedankenexperiment an. Wenn das Wort „Gott“ nicht mehr da wäre - was würde das bedeuten? Der Mensch hätte das große Ganze und den Grund dieser Welt vergessen, er würde in den vielen Bruchstücken dieser Welt sich verlieren, sein Horizont würde eng und schmal, und vor allem würde einem solchen gottvergessenen Menschen nach Rahner eines widerfahren: „Er würde aufhören, ein Mensch zu sein. Er hätte sich zurückgekreuzt zum findigen Tier.“

Eine unerhörte Auskunft!  Dabei geht es Rahner gar nicht darum, moralisch zu verurteilen, Atheisten etwa Menschlichkeit abzusprechen, ganz im Gegenteil! Vielmehr sorgt er sich darum, dass der Mensch in seiner Größe verkümmert. Wenn er doch wenigstens mit der Gottesfrage ringen würde, wenn er doch wenigstens dem Geheimnis des Lebens hinterherdenken würde! Selbst wenn er nein sagt zu Gott, so wie der Atheist, zeigt er darin seine Größe. Erst recht, wenn er ein Ja riskiert. Aber wenn die Gottesfrage egal, belanglos wird, das Wort „Gott“ selbst völlig vergessen wird: Was unterscheidet uns dann noch von einem besonders klugen Tier oder einer künstlichen Intelligenz? So radikal hat dieser engagierte Theologe und Menschenfreund schon vor Jahren gefragt, aus Sorge um die Menschlichkeit des Menschen.

Mich beunruhigt, ja verstört seine Auskunft. Ich finde das Bild vom findigen Tier hart, und zugleich ertappe ich mich selbst dabei, dass mich meine eigene postmoderne Gegenwart irritiert. Was in früheren Zeiten von der Sexualität galt, gilt heute vielfach von der Gottesfrage: Bitte nicht darüber reden! Das ist ganz privat, ein Tabu! Geradezu intim! Wer über Gott reden will, den kritischen Dialog sucht, gar nach der Wahrheit fragt und um sie ringt, statt alles der individuellen Beliebigkeit auszuliefern, der riskiert Ablehnung und Kopfschütteln. Und das nicht nur bei den Gottvergessenen, sondern auch bei so manchen lautstarken Gottesbekennern, die zwar voller Inbrunst auftreten, aber viel zu oft wenig nachdenklich erscheinen. Auch das klingt hart, doch es besorgt mich, nach beiden Seiten hin.

Als Pfarrer auf einem Kreuzfahrtschiff begegne ich immer wieder interessanten Typen. So fragte mich einmal während eines festlichen Abendessens an Bord ein junger Kellner, mit dem man sonst herrlich frotzeln konnte, unvermittelt nach meinem Beruf. Er wusste bis dahin gar nicht, wer ich war. Als ich mich ihm als Bordseelsorger vorstellte, platzte es aus ihm heraus: „Das stelle ich mir aber bescheuert vor, immer nur zu reden und zu beten und keiner antwortet!“ Alle am Tisch lachten los, ich auch, dabei fühlte ich mich eher ertappt. Aber ich wollte in diesem Augenblick nicht zeigen, dass der junge Mann mich verlegen gemacht hatte.

Ich gebe zu: Ich tue mich schwer sowohl mit einer gedankenlosen Oberflächlichkeit als auch einer schrillen Gottesgewissheit, die alles zu wissen vorgibt und übergriffig, vereinnahmend daherkommt. Der junge Kellner rührt dagegen an einen wunden Punkt: an das Schweigen Gottes, seine Ferne, seine Abwesenheit. Gerade diese gilt es auszuhalten gegen alle falsche Gewissheit oder Vergesslichkeit, damit unsere Gottesrede nicht banal wird, weder in der Bestreitung noch im schrillen Bekenntnis.  Wenn das Wort „Gott“ nicht einfach sang- und klanglos verschwinden soll, braucht es solche Denker und Beter, die nicht an der Oberfläche surfen und ganz schnell mit allem fertig sind, sondern mit Gott hadern, ja kämpfen, sein Schweigen betrauern, über seine Ferne manchmal sogar verzweifeln können. Es braucht Menschen, die Gott vermissen.

Und doch an ihm festhalten.

Die Ordensfrau Silja Walter hat das einmal so ausgedrückt, als Gebet:
„Herr, jemand muss dich aushalten, dich ertragen, ohne davonzulaufen. Deine Abwesenheit aushalten, ohne an deinem Kommen zu zweifeln. Dein Schweigen aushalten und trotzdem singen. Dein Leiden, deinen Tod mitaushalten und daraus leben. Das muss immer jemand tun mit allen andern. Und für sie.“

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 01.08.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn. Seit 2017 ist er leitender Pfarrer an der Kirche St. Lamberti in Münster.

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