Morgenandacht, 31.07.2019

von Pfarrer Detlef Ziegler, Münster 

Unter den Augen Gottes

Wenn auf einem Gemälde eine darauf portraitierte Person gerade aus blickt, sozusagen auf den Betrachter, hat dies eine ganz besondere Wirkung. Egal aus welchem Blickwinkel und aus welcher Entfernung man auf das Gemälde schaut: Das Antlitz des Abgebildeten wandert mit, der Betrachter fühlt sich an jedem Punkt des Raumes von den Augen angeschaut. Und auch wenn viele zugleich sich im Raum aufhalten: Jeder fühlt sich von dem Blick getroffen, als gelte er nur ihm allein.

Der spätmittelalterliche Philosoph und Kardinal Nikolaus von Kues hat dieses Gemälde-Phänomen aufgegriffen, zur Beantwortung der Frage, wie wir Menschen Gott erkennen können. Seine Antwort geht von der Voraussetzung aus: Weil er uns sieht, können wir ihn erkennen. So, wie die Person auf dem Gemälde, folgt uns sein Blick. Weil seine Augen uns sehen, können wir zu ihm aufschauen. Es ist seine Sehkraft, die unsere Sehkraft im Innersten durchdringt und hellsichtig werden lässt.

Die Frage ist nur: Gefällt dieser Gedanke eines frühneuzeitlichen Denkers mir, einem Menschen der Postmoderne? „Big brother is watching you“ kommt mir in den Sinn, die sprichwörtliche Dauerüberwachung, der gläserne Mensch, die totale Kameraeinstellung in den Reality Shows rund um die Uhr, der liebe Gott aus Kindheitstagen, der alles sieht und alles ahndet, die Preisgabe alles Persönlichen in den sozialen Netzwerken, die alles Private unter die Augen der Öffentlichkeit zerrt. Mir wird da mulmig zumute…

Andererseits: Ich möchte gesehen werden, auf keinen Fall übersehen werden. Wer mich wirklich sieht, interessiert sich für mich. Bei mir in der Nachbarschaft hängt seit geraumer Zeit an der Straße ein Plakat mit einem Zitat des spätantiken Theologen Augustinus: „Unter dem Blick deiner Augen bin ich mir zur Frage geworden.“ Mit anderen Worten: Dass ich da bin, ist nicht selbstverständlich, nicht fraglos, nicht belanglos. Ich bin als Mensch in einem guten Sinne „fragwürdig“, bin also einer, der es verdient, dass man nach ihm fragt. Gott fragt nach mir! Und deswegen werde ich mir selbst zur Frage. Wer bin ich, dass ich so gesehen, so gefragt bin? Das Zitat an der Straße ist allerdings unvollständig. Denn Augustinus fährt fort: „und das ist mein Elend!“ (conf. X 33,50) Man kann das Wort „languor“, das gern mit Elend übersetzt wird, aber auch so übersetzen: „und das ist meine Schwermut, mein Schmachten, meine Sehnsucht.“ All dies schwingt hier mit. Unter den Augen Gottes erwacht meine „Vertikalspannung“, also die Spannung, die mich aus der horizontalen Verflachung in eine Spannung nach Oben bringt, zu dem, was mich über mich selbst ständig hinauswachsen lässt. Diese Welt kann doch nicht alles sein….

In dem mir seit Kindheitstagen so vertrauten biblischen Gleichnis vom barmherzigen Vater und dem verlorenen Sohn begegne ich einem, der auszog, um das Abenteuer des Lebens voll auszukosten. Der nichts unversucht lassen und nichts verpassen wollte. Zurückbleiben zwei Männer: der ältere Bruder, der mit dem jüngeren abschließt nach dem Motto: „Aus den Augen, aus dem Sinn!“ Dabei bleibt es, selbst als der jüngere Bruder heimkehrt, vom Leben gebeutelt und gezeichnet. Er ist nicht mehr der Bruder. Er sieht ihn nicht, er fragt nicht mehr nach ihm. Und es bleibt der Vater selbst zurück, der den jungen Draufgänger hat ziehen lassen, ohne jeden Vorwurf. Aber eines hat der Vater die ganze Zeit nicht getan. Es gibt in dem Gleichnis an der für mich entscheidenden Stelle einen wunderschönen Satz. Als der Jüngere zurückkehrt und nicht weiß, wie der dem Vater unter die Augen treten soll, da heißt es: „Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen…“ Der, der vor langer Zeit das „Nachsehen“ hatte, hat den Sohn trotzdem nie aus den Augen verloren. In einem guten Sinne sieht er ihm nach, und aus diesem Nachsehen wird eine Umarmung, die nicht erdrückt, sondern umschließt und behütet.

Wohl dem Menschen, der sich von Gott so nachgefragt und angeschaut weiß! Ein solcher Blick macht nicht Angst, sondern tut einfach gut.

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 31.07.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn. Seit 2017 ist er leitender Pfarrer an der Kirche St. Lamberti in Münster.

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