Morgenandacht, 30.07.2019

von Pfarrer Detlef Ziegler, Münster 

Gesucht: ein Sündenbock!

Wer von euch ohne Sünde ist...Die Fortsetzung dieses Satzes ist den meisten noch geläufig: der werfe den ersten Stein! Eine paradoxe Erlaubnis, die den Gewaltexzess freigibt und zugleich an eine Bedingung knüpft. Die Geschichte, die dahintersteckt, erzählt von einer Frau, die von Männern in die Mitte gezerrt wird, weil sie beim Ehebruch ertappt worden ist. Alle sind sich einig: Steinigt sie! Und zu ihrer Einstimmigkeit fehlt nur noch einer: Jesus! Wofür wird er plädieren?

Einstimmigkeit macht die Sache leichter. Wenn alle sich einig sind…Und diese geradezu notwendige Einstimmigkeit richtet sich gegen die Eine, die entblößt und erniedrigt in der Mitte steht, dem Shitstorm einer gesetzeskonformen Anständigkeit ausgeliefert. Wo diese Einstimmigkeit fehlt, schleichen sich Unbehagen und Zorn ein.

In dem Filmklassiker „Die Zwölf Geschworenen“ kann man dies in beklemmender Weise miterleben. Elf sind sich einig, dass der Angeklagte schuldig ist. Ihr Urteil ist schnell gefasst, was den Tod des Angeklagten bedeutet. Nur einer spielt nicht mit, stellt sich quer, plädiert auf „nicht schuldig“.

Im jüdischen Talmud lese ich einen auf den ersten Blick merkwürdigen Grundsatz: „Wenn jedermann einwilligt, einen Angeklagten zu verurteilen, lasst ihn frei: Er muss unschuldig sein!“ Ein Misstrauensvotum gegen die Einstimmigkeit! Dem sich Jesus im Übrigen anschließt, gegen die Strategie des Sündenbocks. Ein Sündenbock wird immer dann gebraucht, wenn Schuld und Versagen aus einer Gruppe abgewälzt, die Verantwortung dafür ausgelagert werden soll, damit alle gut dastehen. Das singuläre Opfer steht allein schuldig und allein verantwortlich vor den Augen aller. Ist der Sündenbock ausgemacht, stimmt es angeblich auch wieder in der Gruppe, im Verein, in der Gesellschaft, ja auch in der Kirche.

Dieses Spiel der Ausgrenzung und Verlagerung spielt Jesus nicht mit. Er spielt den Ball zurück: Wer von euch ohne Sünde ist…Im Ernst wird das keiner für sich in Anspruch nehmen. So vermessen und überheblich ist keiner. Und so bleibt der erste Stein liegen. Wer ihn aufzuheben und zu werfen sich nicht traut, findet auch keine Nachahmer. Schuld und Verantwortung betreffen eben alle, nicht nur die Eine in der Mitte.

Eine Legende aus der Frühzeit des Christentums in Ägypten erzählt von einem Bischof, der zur Visitation in ein Dorf kommt. Das Dorf hat seit langem seinen Skandal. Außerhalb des Dorfes lebt in einer Höhle nämlich ein Mönch, ein Einsiedler. Jeder im Dorf weiß, dass der Mönch häufig in der Nacht Besuch von einer Frau bekommt. Da blühen die Phantasie und der Tratsch. Dem Bischof wird der Skandal unterbreitet, alle sind empört, wollen, dass der Mönch verjagt wird. Der Bischof, ein erfahrener Seelsorger, bittet die Dorfbewohner mitzukommen. Gemeinsam ziehen sie zur Höhle des Einsiedlers. Der Mönch sieht sie kommen, die Frau ist gerade bei ihm. In Panik versteckt er die Frau in einem leeren Fass. Als der Bischof eintrifft, erkennt er sofort die Situation. Er setzt sich auf den Deckel des Fasses, fordert die Dörfler auf, die Höhle nach der Frau zu durchsuchen. Als sie diese nicht finden, sagt der Bischof: „Und jetzt kniet einzeln vor dem Mönch nieder und bittet ihn um Vergebung für eure üble Nachrede.“ So geschieht es. Als der Bischof mit dem Einsiedler allein ist, reicht er ihm zum Abschied die Hand, schaut ihn liebevoll an und sagt: „Bruder, gib auf dich acht!“

„Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ Das sagt Jesus zu der Frau, mit der er allein zurückbleibt, nachdem alle beschämt weggegangen sind. Der Bischof in der Legende meint dasselbe. „Bruder, Schwester, gib auf dich acht!“ Keine Verurteilung von oben herab, keine gönnerhafte Bevormundung, keine selbstherrliche Absolution! Stattdessen der Appell an die eigene Verantwortung: Sei gut zu dir selbst und pass auf dich auf!“

Eine solche Barmherzigkeit, die die Verantwortung nicht ausblendet, verzichtet auf den ersten Stein und braucht keinen Sündenbock.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 30.07.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn. Seit 2017 ist er leitender Pfarrer an der Kirche St. Lamberti in Münster.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche