Morgenandacht, 03.08.2019

von Pfarrer Detlef Ziegler, Münster 

Kleider machen Leute…

Markenklamotten entscheiden nicht selten über Status und Zugehörigkeit; wer sie sich nicht leisten kann, wird schnell belächelt. Und das betrifft nicht nur die junge Generation, der man ja ein ausgeprägtes Markenbewusstsein nachsagt. Quer durch alle Alterskohorten gilt: Kleider machen Leute! Zu bestimmten Gelegenheiten gilt auch ein Dresscode. Wer da im falschen Outfit erscheint, riskiert, gegen den guten Geschmack, ja gegen den Anstand zu verstoßen. Dann wird es peinlich.

Wenn ein Mensch getauft wird, geschieht auf den ersten Blick etwas Eigenartiges: Er oder sie wird neu „eingekleidet“. Bei einer Kindertaufe wird das oft nur noch angedeutet, indem dem Kind ein weißes Kleid aufgelegt wird, sofern es dieses nicht ohnehin schon trägt. In der Frühzeit der Kirche dagegen war dieser Ritus besonders eindrucksvoll ausgeprägt: Der erwachsene Täufling stieg in der Osternacht in das Becken mit dem Taufwasser hinab, wurde dreimal im Namen des dreifaltigen Gottes untergetaucht und stieg auf der anderen Seite wieder hinauf, wo er schon mit einem weißen Gewand erwartet wurde, das er nun anzog. Mit diesem besonderen Dresscode war sichtbar ein Statuswechsel vollzogen: Im Untertauchen war der Täufling mit Christus gestorben, im Auftauchen mit Christus zum neuen Leben erstanden. Mit dem weißen Gewand wurde deutlich, dass der Getaufte in der Taufe Christus „angezogen“ hatte.

Dieses Bild geht auf den Apostel Paulus zurück. Er hatte es am eigenen Leib erfahren: Aus einem fanatischen Christenverfolger war ein Christusfreund geworden. Vom Auferstandenen auf dem Weg nach Damaskus gepackt und überwältigt, war er fortan mit einem besonderen Dresscode unterwegs. Er hatte Christus angezogen, von ihm ließ er sich prägen. Christus wurde ihm zur zweiten Haut. Das ging so weit, dass er sagen konnte: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ (Galater 2,20)

Paulus pocht dabei auf kein exklusives Privileg, wenn er sagt: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.“ (Galater 3,27) Ein Dresscode, ein Markenartikel also, der jedem Getauften zukommt, der dann aus jedem eine besondere Marke macht! Hier wird eine Würde sichtbar, die im Kern keine Standesprivilegien und kein hierarchisches Gefüge erlaubt, was Paulus im Blick auf damalige gesellschaftliche Realitäten gleich im Anschluss betont: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ (Galater 3,28)

Was bilde ich mir also ein? Einbilden kann ich mir etwas auf meinen christlichen Dresscode. Jeder und jede Getaufte trägt ein besonderes Kleid: Christus, der uns zur zweiten Haut werden möchte, damit ich mich gut fühle in meiner Haut, um anderen gut sein zu können. Also ein Dresscode, der nicht ausschließt und der persönlichen Statusinszenierung dient, sondern der Integration und einer fundamentalen Solidarität alles Menschlichen.

Dieses besondere Kleid passt nicht auf Anhieb, ist wohl immer eine Nummer zu groß. Ich muss da noch hineinwachsen, es trägt sich auch nicht in kurzer Zeit auf wie eine massenhafte Billigware. Dazu brauche ich wohl ein ganzes Leben. Und selbst am Ende passt es nicht ganz. Dann tröstet mich die Verheißung, die ich am offenen Grab schon so oft einem Verstorbenen hinterhergerufen habe: „Der Herr vollende an dir, was er in der Taufe begonnen hat.“ Jetzt passt es, wie angegossen. Es steht mir gut, dieses besondere Kleid, weil Gott sich gut zu mir stellt, ein Leben lang, und darüber hinaus.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 03.08.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn. Seit 2017 ist er leitender Pfarrer an der Kirche St. Lamberti in Münster.

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