Morgenandacht, 29.07.2019

von Pfarrer Detlef Ziegler, Münster 

Der Buchstabe tötet

In Stein gemeißelt…Wenn ich das höre, denke ich an eherne Gesetze und Prinzipien. Alte Kulturen haben ihre Gesetze tatsächlich in Stein gemeißelt und für jedermann sichtbar aufgestellt. Im antiken Rom genügten dafür zwölf Tafeln. In Berlin, am Spreeufer, hat man diesen Brauch wieder aufgegriffen; fortlaufend kann ich dort auf Glasscheiben die eingravierten Grundrechtsartikel unserer Verfassung lesen, ein Mahnmal unserer Werte im öffentlichen Raum. 

Auch Religionen verzichten nur selten auf die schriftliche Fixierung ihrer Glaubenslehren. In den christlichen Kirchen sprechen wir von Dogmen. Sie geben Halt und Orientierung, wenn es um zentrale Inhalte des Glaubens geht. Aber schon der berühmte Theologe Karl Rahner soll einmal gesagt haben: „Dogmen sind wie Straßenlaternen. Sie wollen den Weg beleuchten, aber nur Betrunkene halten sich daran fest.“

Damit ist ein Dilemma benannt. Wir können nicht ohne Prinzipien und Grundsätze, weil sonst alles beliebig zu werden droht; schwierig wird es, wenn Gesetze und Regeln sich zunehmend von der Lebenswirklichkeit entkoppeln. Besonders schmerzhaft kann sich diese Ambivalenz zeigen, wenn ich an meine eigenen, inneren Gesetze denke, die ich geradezu internalisiert habe und die, oft eher unbewusst, mein Verhalten und meine Handlungen steuern. Sie sind wie ein Skript, das sich mir eingeschrieben hat durch Erlebnisse, Erfahrungen und Erziehung von frühester Kindheit an. Das kann entlasten, weil ich nicht jedes Mal neu um eine Entscheidung ringen muss und sozusagen meiner inneren Stimme folgen kann; das kann aber auch belastend werden, wenn ein Teil meiner inneren Gesetze sich überlebt hat und mein Leben zunehmend blockiert.

Im 2. Korintherbrief der Bibel (3,6) sagt Paulus: „Er, Gott, hat uns fähig gemacht, Diener des Neuen Bundes zu sein, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.“

Wie kann ein Buchstabe töten? Im übertragenen Sinn dann, wenn der Buchstabe des Gesetzes, einer Norm, eines Dogmas oder der Buchstabe meiner inneren Prägung, meines eigenen Lebensskriptes zur bloßen Formel erstarrt ist. Wenn dieser Buchstabe das reale Leben immer weniger abbildet und zum Zwang wird. Gegen diesen Zwang verweist Paulus auf den Geist. Gemeint ist Gottes Geist, der lebendig macht und aus der Erstarrung führt, salopp gesagt: der auch mal Fünfe gerade sein lässt, statt immer nur nach dem Korrekten und Konformen zu fragen. Damit ist nicht Beliebigkeit oder Relativismus gemeint, wohl aber eine kreative Fortschreibung, die den Kern eines Gesetzes oder einer Überzeugung unter veränderten Bedingungen neu zur Geltung bringt. Keine billige Anpassung an den Zeitgeist, aber doch kritische und aufgeschlossene Zeitgenossenschaft.

Nur wer sich wandelt, bleibt sich treu. Mut zur Wandlung setzt voraus, dass ich mich gehalten, ja letztlich in Sicherheit weiß. Paulus spricht vom Neuen Bund. Vielleicht kann man diesen theologischen Kernbegriff einmal so übersetzen: Der Gott, der mir von Zeit zu Zeit den Wandel zumutet, die Neuorientierung und den Abschied aus lebensfeindlichen Prägungen, dieser Gott ist zugleich der, der sich mit mir verbündet. Gott im Bund mit uns! Mit ihm an der Seite traue ich mich vielleicht, trägen Ballast über Bord zu werfen, damit in mein Leben ein neuer Schwung kommt. Nicht umsonst heißt der Geist im Alten Testament „Ruach“, was wörtlich bedeutet: Wind, Sturm! Manchmal tut das ganz gut, ein bisschen Feuer unter dem Allerwertesten…

Der Prophet Jeremia lässt an einer Stelle Gott sagen: „Ich werde meine Weisung auf ihr Herz schreiben.“ (Jeremia 31,33)
Ein solcher Gott tut gut, einer, der die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze und Überzeugungen meines Lebens von Zeit zu Zeit umformuliert, ja neu schreibt, um sich mit seinem guten Willen in mein Herz einzuschreiben. Das ist in jedem Fall besser als in Stein gemeißelt. Wenn ich denn höre und mein Herz ihm öffne für seine Handschrift!

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 29.07.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn. Seit 2017 ist er leitender Pfarrer an der Kirche St. Lamberti in Münster.

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