18. Sonntag im Jahreskreis

Predigt des Gottesdienstes aus der Kirche St. Johannes Nepomuk, Eberbach


Predigt von Pfarrer Thomas Steiger

Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern.
Tatsächlich rutscht mir bei diesem Satz das Herz in die Hose.

Liebe Schwestern und Brüder am Radio und hier in Eberbach!

Die Vorstellung, dass ich nur noch diesen einen Tag habe. Wenn der zu Ende geht, geht auch mein Leben zu Ende. Tot. Aus. Das ist eine schreckliche Vorstellung. Ich spüre sehr genau, dass ich noch nicht sterben will, noch nicht bereit dafür bin. Ich habe noch so viel vor. Wie der reiche Mann von dem Jesus erzählt, habe ich einen großen Vorrat - an weltlichem Besitz und an Ideen und Plänen. Ich möchte meinen Garten noch ein paar Jahre genießen. Ich bin gerade damit beschäftigt, ein Buch zu schreiben. Und irgendwann im Ruhestand hoffe ich, dass mir noch ein paar schöne Jährchen beschert sind. Das soll ich alles nicht mehr erleben dürfen?

Aller Wahrscheinlichkeit nach muss ich heute noch nicht sterben. Und morgen auch nicht. Aber irgendwann wird es soweit sein. Ich weiß nicht, wann. Niemand weiß das. Jesus schärft mir mit seinem Gleichnis ein, das nicht zu vergessen. Also, nicht so zu tun, als gäb’s den Tod nicht. Ich glaube nicht, dass Jesus mir vor dem Tod Angst machen will. Darum geht es ihm bei dem, was er erreichen will, gar nicht. Der Tod ist nur Mittel zum Zweck, damit ich aufmerksam genug bin. Wichtig ist ihm etwas anderes. Und das lässt sich am besten in der folgenden Frage ausdrücken: Hast du verstanden, was in deinem Leben wichtig ist, auf was es ankommt? Hast Du Deine Prioritäten richtig gesetzt?

Damit redet er dem Mann ins Gewissen, der ihn bittet, dass er für gerechte Erbschaftsverhältnisse sorgen soll – zwischen sich und seinem Bruder. Und weil eine Menge an Leuten drum herumsteht, denen gleich mit. Und mir und Ihnen natürlich auch, jetzt wo wir damit konfrontiert sind. Die Frage nach dem gerecht verteilten Erbe ist ja immer aktuell. Wie oft ist mir das schon bei Gesprächen vor einer Beerdigung begegnet, dass darüber gesprochen, wenn nicht sogar gestritten wurde: Haben die anderen vorher mehr gekriegt als ich? Kann ich jetzt mehr verlangen? Werde ich um meinen gerechten Teil betrogen? Manchmal sind Geschwister schon zu Lebzeiten der Eltern so wegen des Geldes zerstritten, dass sie nicht mehr miteinander sprechen und deshalb beim Trauergespräch auch nicht an einen Tisch kommen.

Gebt Acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier!, sagt Jesus zu den Leuten. Und er warnt uns damit davor, das aus den Augen verlieren, worauf es im Leben ankommt. Eben nicht zuerst auf das zu achten, was wir haben: das schöne Haus, den teuren Wagen, das schicke Kleid, den Doktortitel, das Bundesverdienstkreuz, den ersten Preis bei Jugend musiziert. Das ist alles nur für den Moment schön. Der Stolz geht vorüber, und wenn es einem schlecht geht, hilft das alles nicht weiter. Das Leben eines Menschen besteht nicht darin, dass einer im Überfluss seines Besitzes lebt. Klarer als Jesus kann man nicht ausdrücken, was wahr ist, wenn es bei einem selbst ans Eingemachte geht.

*Mich hat ziemlich genau vor einem Jahr aus heiterem Himmel eine Krebsdiagnose ereilt.

*Der Sohn einer Familie, mit der ich befreundet bin, verzweifelt an seinem Leben und sitzt mit schweren Depressionen in der Psychiatrie.

*Eine Freundin von mir verliert plötzlich die Mutter, und die Tochter ist darauf überhaupt nicht vorbereitet; sie würde am liebsten weglaufen.

Das ist alles an der Tagesordnung. Nicht nur bei mir. Und es macht mich darauf aufmerksam, die Nebensächlichkeiten nicht so wichtig zu nehmen. All das, auf was ich äußerlich achte, damit der Eindruck stimmt. Je älter ich werde, desto deutlicher merke ich auch: Es kommt nicht so sehr darauf an, wieviel ich mache und was ich habe. Es genügt, dass ich als Mensch da bin.

Ich will heute noch nicht sterben. Und ich werde es vermutlich auch nicht. Aber es ist heilsam, daran zu denken, dass der Tag kommt. Unausweichlich. Und dass es sehr vernünftig ist, solange etwas Gutes aus meiner Zeit und meiner Lebenskraft zu machen. Für andere und für mich. Und so einen kleinen Schatz bei Gott anzulegen, der wertvoller ist als all die Menschenschätze, die ich sammle.


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Dieser Beitrag wurde am 04.08.2019 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Thomas Steiger

Pfarrer Thomas Steiger, geboren 1964, ist der katholische Hörfunkpfarrer beim SWR. Er studierte Theologie und Deutsche Sprache in Tübingen und Wien. Seine Priesterweihe erfolgte 1995. Nach unterschiedlichen Stationen in der Gemeindeseelsorge war er zuletzt 14 Jahre Pfarrer und Dekan in Tübingen. Seit 2013 ist er als Beauftragter der Diözese Rottenburg-Stuttgart für die Rundfunkarbeit am SWR tätig. Kontakt
thomas.steiger@kirche-im-swr.de

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