Am Sonntagmorgen, 14.07.2019

von Elena Griepentrog aus Berlin

Zwischen Freund und Feind. Die lebenslange Prägung durch unsere Geschwister

Sie sind einfach da: „Mein Bruder“, „meine Schwester“. So selbstverständlich da, dass wir kaum über unsere Geschwister nachdenken. Meist nur, wenn wir Probleme mit ihnen haben. Eigentlich ein bisschen schade, schließlich sind sie ja unsere längsten Beziehungen im Leben. Aber wir sind in guter Gesellschaft: Auch in der Wissenschaft waren Geschwister lange Zeit ein blinder Fleck. Seit Sigmund Freud standen die Eltern im Mittelpunkt der Entwicklungspsychologie. Erst spät entdeckte man: Auch andere Einflüsse wirken auf uns als Kinder, allen voran die Geschwister!

Da war die Bibel dann doch schon deutlich weiter. Schon vor knapp 3000 Jahren, zur Entstehungszeit der ersten Bücher der Bibel, wusste man: Geschwister können unser ganzes Leben prägen! Mal sind sie Freund, mal Feind, oft irgendetwas dazwischen oder auch beides gleichzeitig. Schon gleich am Anfang der Bibel steht ein dramatischer Bruder-Zwist: Die Geschichte von Kain und Abel.

Adam hatte mit seiner Frau Eva geschlafen. Nun wurde sie schwanger und gebar Kain. Danach bekam sie seinen Bruder Abel. Abel wurde ein Schafhirt, Kain ein Landwirt. Nach geraumer Zeit brachte Kain vom Ertrag seines Feldes Gott ein Opfer. Auch Abel brachte ihm ein Opfer, das Beste von den erstgeborenen Lämmern seiner Herde. Gott sah freundlich auf Abel und sein Opfer. Aber auf Kain und seine Opfergabe achtete er nicht. Da geriet Kain in heftigen Zorn und senkte finster sein Gesicht. Gott fragte ihn: "Warum bist du so zornig? Was soll dein finsterer Blick? Hast du Gutes im Sinn, dann heb den Kopf hoch! Wenn aber nicht, dann lauert der Dämon vor der Tür und will dich verschlingen. Aber du, du musst ihn bezwingen." (Genesis 4, 1-7)

Vor 3000 Jahren stellen sich die Menschen Gott noch mit sehr menschlichen, allzu menschlichen Zügen vor: ein Vater, der einen Sohn vorzuziehen scheint. Doch im Zentrum der Geschichte steht ein Urthema der Menschheit, sagt der Benediktiner Anselm Grün, Autor des Buches „Geschwisterbande“.

"Kain ist der Ältere, Abel der Jüngere. Kain hat das Gefühl, ich muss härter arbeiten, ich bin Ackerbauer, der Abel hat eine leichtere Aufgabe, muss nur Schafe hüten. Und der Kain hat das Gefühl, der Abel ist so ein Sonnenschein, der kommt besser an, und das ist so ein typisches Konfliktpotenzial und vor allem Neidpotenzial. Man spricht ja auch vom Geschwisterneid, das ist ein ganz großes Thema, neidisch sein auf den Älteren und eben hier bei Kain auf den Jüngeren, und da geht die Geschichte natürlich nicht gut aus." (P. Anselm Grün)

Kain sprach seinen Bruder an. Und als sie auf dem Feld waren, fiel er über Abel her und schlug ihn tot. Da sagte Gott zu Kain: "Wo ist Abel, dein Bruder?" Der entgegnete: "Ich weiß nicht. Bin ich etwa sein Aufpasser?" - "Was hast du da getan!", erwiderte Gott, "Hörst du nicht das Blut deines Bruders aus dem Ackerboden zu mir schreien? Verflucht sollst du sein, verbannt vom Ackerboden, den du mit dem Blut deines Bruders getränkt hast! (Genesis 4, 8-11)

Kain hat den Neid auf seinen Bruder nicht in den Griff bekommen. Nun muss er seine Familie und den Hof verlassen, von nun als Heimatloser durchs Land ziehen.

"Wenn wir es auf unsere Zeit übertragen, dann heißt das: wenn ich total im Neid stecken bleibe und den anderen bekämpfe, sterbe ich innerlich auch dran. Also, da wird auch in mir etwas tot und kommt nicht zum Leben." (P. Anselm Grün)

In den großen Mythen vieler Kulturen geht es häufig um Geschwisterbeziehungen, schon seit Urzeiten. Denn Geschwister sind ja eigentlich ein Mysterium. Einerseits tief vertraut, andererseits fremd. Wir lieben sie – wir hassen sie. Sie gehen uns auf die Nerven mit ihren Eigenheiten – wir fühlen uns ihnen verbunden und verpflichtet. Auch im Märchen und in der Literatur sind Geschwister häufig Thema – von Aschenputtel und Rotkäppchen bis hin zu Shakespeares „Richard der Dritte“ oder Thomas Manns Roman-Zyklus „Josef und seine Brüder“. Pate stand dem Nobelpreisträger eine ausführliche biblische Geschichte: die Konflikte der zwölf Söhne des mythischen Stammvaters Jakob.

Geschwister sind aber nicht nur Rivalen, sondern eben auch Verbündete. Insbesondere, wenn jemand von außen angreift. Dann halten Geschwister oft eng zusammen, egal, wie sehr sie sich kurz vorher noch gestritten haben. Und die Autoren der Bibel wussten schon: Geschwister stehen auch häufig zusammen, wenn es gemeinsam eine große Aufgabe zu lösen gilt. Wie der israelitische Stammvater Mose und seine Geschwister Aaron und Mirjam. Mose wird von Gott als Anführer auserwählt, so erzählt es die Bibel, er soll das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten heraus führen. Doch Mose fühlt sich dem nicht gewachsen. Mit allerhand Ausreden versucht er, sich zu drücken. Doch Gott bleibt dabei. Eine letzte Trumpfkarte zieht Mose noch.

Mose erwiderte Gott: "Ach Herr, ich bin kein Redner. Ich konnte das noch nie. Ich bin schwerfällig und unbeholfen, wenn ich reden soll." „Ich werde deinem Mund schon beistehen und dir beibringen, was du sagen sollst." Doch Mose erwiderte: "Ach Herr, schick doch lieber einen anderen!" Da wurde Gott zornig über Mose und sagte: "Hast du nicht noch einen Bruder, den Leviten Aaron? Er kann reden, das weiß ich. Dann teilst du ihm alles mit, was er sagen soll. Ich helfe dir dabei und werde auch ihm helfen und sage euch auch, was ihr tun sollt. (Exodus 10, 12-15)

Gesagt, getan. Mose geht also zum Pharao und sagt ihm ins Gesicht: Wir wollen gehen. Natürlich ist der Pharao ob solcher Frechheit nicht begeistert, er lehnt ab und lässt die Israeliten noch härter arbeiten. Doch nach langen Verwicklungen brechen die Israeliten unter der Führung von Mose und seinem Bruder Aaron tatsächlich aus der Sklaverei auf, nachts – der Gründungsmythos des Volkes Israel. Der Pharao rüstet ein ganzes Heer auf und lässt den Israeliten hinterher jagen. Doch Gott schützt sein Volk, gegen alle Wahrscheinlichkeiten – in der Bibel sinnlich dargestellt durch das Bild des Roten Meeres, das sich auf wundersame Weise teilt. Gottes Israeliten können trockenen Fußes über den Meeresboden laufen. Als alle auf der anderen Seite sind, schließt sich das Meer wieder. Sie sind in Sicherheit. Und hier tritt Mirjam auf den Plan, die Schwester von Mose und Aaron. Die Bibel nennt sie eine Prophetin, einen Menschen, der direkt vom Geist Gottes berührt wird. Und dann glasklar weiß, was zu tun ist.

Dann nahm die Prophetin Mirjam, Aarons Schwester, ihr Tamburin zur Hand. Alle Frauen schlossen sich ihr an. Sie schlugen ihre Handpauken und zogen im Reigentanz hinter ihr her. Mirjam sang ihnen zu: Singt Gott, denn hoch ist er und unerreicht! (Exodus 15, 20-21)

Und das Volk singt zurück, ein Wohlklang aus Tausend Stimmen, der da vereint zum Himmel steigt. So sorgt Mirjam für Zusammenhalt. Sie gibt dem Volk eine gemeinsame Identität – zum ersten Mal als Volk Gottes. Und unterstützt damit ihren Bruder Mose. Mirjam, Mose und Aaron sind ein Team, ein Geschwistertrio, das sich gegenseitig ergänzt mit seinen Begabungen.

Geschwister sind Schicksal. Niemand von uns sucht sich seine Geschwister aus. In der Regel teilen wir mit ihnen unsere ersten sozialen Erfahrungen – Freude, Wut, Streit, Zusammengehörigkeit, Geborgenheit, Angst. Auch körperlich ganz vertraut, wir stehen buchstäblich nackt voreinander. Geschwister sein, das bedeutet: Liebe und Rivalität, immer Hand in Hand. Auch die Schwestern Marta und Maria tragen ihren Rivalitäten aus – in der verknappten Sprache des Neuen Testaments.

Auf ihrer Weiterreise kam Jesus in ein Dorf, wo ihn eine Frau mit Namen Marta in ihr Haus einlud. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte ihm zu. Marta dagegen war sehr mit der Vorbereitung des Essens beschäftigt. Schließlich stellte sie sich vor Jesus hin. "Herr", sagte sie, "findest du es richtig, dass meine Schwester mich die ganze Arbeit allein tun lässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!" "Aber Marta", entgegnete ihr Jesus, "Marta, du bist beunruhigt und machst dir Sorgen um so viele Dinge! Notwendig ist aber nur eins. Maria hat das Bessere gewählt, und das soll ihr nicht genommen werden." (Lukasevangelium 4, 38-42)

Marta ist wohl die Ältere, vernünftig, brav und pflichtbewusst. Maria dagegen ist sorgloser, leichter, dadurch wohl auch durchlässiger. Denn sie spürt genau, was in diesem Moment Raum bekommen muss.

"Maria, die setzt sich einfach hin und hört diesem Jesus zu, und die ist eigentlich näher dann bei Jesus. Sie tut nichts und ist näher bei Jesus, und das ärgert die Schwester." (P. Anselm Grün)

Selbstlose Liebe unter Geschwistern ist eben ein hohes Ideal, aber sicher nicht naturgegeben. Denn Geschwister sind ja nun mal eine Zwangsbeziehung. Das Beruhigende aber: Man muss sich gar nicht lieben, man gehört halt auch so zusammen. Und wenn es gut läuft unter Geschwistern, respektiert man sich irgendwann, gerade in seinem Anderssein.

Die Forschung sagt uns: Im Laufe des Lebens verändern sich die Beziehungen zwischen Geschwistern immer wieder. In der Kindheit sind sie meist sehr eng, ab der Pubertät werden andere Menschen immer wichtiger, im Alter siegt häufig wieder die alte Vertrautheit mit den Geschwistern. Dies ist aber nur die Idealkurve. In der Praxis gibt es wohl so viele Arten von Geschwisterbeziehungen wie es Geschwister gibt. Und jeder, der einen Bruder oder eine Schwester hat, weiß, wie tief Wunden aus der Kindheit sein können. Unter Erwachsenen gelingen Geschwisterbeziehungen oft erst dann, wenn solche alten Verletzungen auskuriert werden. Besonders wenn es ums Erbe geht, brechen sonst solche Wunden wieder auf, sagt Pater Anselm Grün. Er ist selbst mit sechs Geschwistern aufgewachsen.

"Also, es geht nie nur um Geld, sondern es geht immer um die Frage, wer war der Liebling des Vaters und der Mutter, und da kommen alte Rivalitäten auf einmal hoch, man fühlt sich immer benachteiligt, der war immer im Vorteil und so weiter, der Geschwisterneid kommt dann neu hoch. Meistens steht das Geld oder die Erbschaftsstreitigkeiten mit dem ganzen Beziehungsgeflecht in der Familie zusammen, und die Erbschaft bringt es nur an die Oberfläche, was lange Zeit unter der Oberfläche gegärt hat." (P. Anselm Grün)

Eine gemeinsame Erbschaft hat schon manch eine Geschwisterbeziehung endgültig zerstört. Aber es kann eben auch eine Chance sein für erwachsene Geschwister, wenn die Eltern nicht mehr da sind. Man kann sich gegenseitig aus den alten Familienrollen entlassen. Alte Machtgefälle abbauen und die Verletzungen der Kindheit endlich aussprechen. Wenn es gut läuft, können sich Geschwister so noch einmal ganz neu kennen lernen.

Nicht immer gelingt es. Manchmal können oder wollen sich gar nicht alle Geschwister aussöhnen. Denn oft gehört ja dazu, sich mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen, auch mit der Familiengeschichte. Da bleibt dann immer noch, sich zumindest innerlich mit dem anderen auszusöhnen und Frieden zu finden. Manchmal muss ich auch akzeptieren, wenn mein Bruder, meine Schwester mir erschreckend fremd geworden sind, sagt Pater Anselm Grün. Und es betrauern.

"Wir wollen ja immer auch die heile Familie, und dann muss man erkennen, auch unsere Familie ist nicht heil geblieben. Betrauern heißt dann, dass ich mein Leben annehme, natürlich mit dem Schmerz, dass dieser Bruder mir ein Stück entfremdet worden ist, aber ich darf dem Bruder auch nicht zu viel Macht geben. Wenn die anderen Geschwister dann nur um ihn kreisen oder um die Schwester, je nach dem, dann lassen sie den eigenen Frieden stören von dem, der da entfremdet ist und geben da zu viel Macht." (P. Anselm Grün)

Die Verfasser der Bibel wussten es halt schon vor 3000 Jahren: Geschwisterbeziehungen sind besonders. Und besonders prägend. Ohne meinen Bruder, ohne meine Schwester wäre ich ein anderer, eine andere geworden. Sie haben den ältesten Teil meiner Identität, sozusagen ihr Stammhirn, mitgeformt. Und so bleiben Geschwister ein Leben lang, zumindest als Teil meiner eigenen Geschichte. Mal als Freund, mal als Feind. Und oft als irgendetwas dazwischen.

 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


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Dieser Beitrag wurde am 14.07.2019 gesendet.


Über die Autorin Elena Griepentrog

Elena Griepentrog ist Hörfunk-Journalistin/Feature-Autorin und arbeitet für die Kulturwellen diverser ARD-Sender. Ihr Fokus liegt auf den Bereichen Zeitgeschehen/Gesellschaft, Religionen und Psychologie. Außerdem arbeitet sie in Berlin als Buisiness- und Entwicklungscoach mit dem Schwerpunkt: "Die eigene Berufung. Und was uns davon abhalten kann, sie zu leben".

Kontakt

www.elena-griepentrog.de

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