16. Sonntag im Jahreskreis

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche Maria vom Schnee, Schleid


Predigt von Pastor Jürgen Kämpf

Wer kennt das nicht! Der Alltag hält uns oft so gefangen, dass wir uns vorkommen, als ob wir in einem Laufrad laufen und laufen und den Eindruck haben, herausgeschleudert zu wer-den. Der Alltag mit seinen familiären und beruflichen Herausforderungen hat uns zuweilen so im Griff, dass wir Gefahr laufen, zu überhitzen und auszubrennen. Die alltäglichen Herausforderungen können sehr schnell dazu führen, dass wir das wirklich Wichtige im Leben gar nicht mehr im Blick haben und falsche Prioritäten setzen. Als Kaplan begegnete mir im Fritzlarer Dom vor zwei Jahren ein Mann von ungefähr 60 Jahren, mit dem ich ins Gespräch kam. Er war zur Kur. Während des Gespräches sagte er mir, dass er Manager in einer großen Firma gewesen sei, jetzt jedoch an Burnout leide. Mit Tränen in den Augen sagte er mir: „Ich habe so viel gearbeitet, war so viel unterwegs und habe gar nicht gemerkt, wie ich mich meiner Frau entfremdet habe. Und das Traurigste ist, dass ich meine Kinder eigentlich gar nicht habe aufwachsen sehen.“

Liebe Schwester und Brüder in Christus,

der HL. AUGUSTINUS spricht davon, dass wir uns allzu oft auf dem Meer befinden, wo wir gegen die Stürme und Bugwellen anzukämpfen haben, anstatt im sicheren Hafen die Kräfte für die Fahrt auf dem Meer sammeln. Übertragen bedeutet dies, dass wir uns beständig in der Aktion befinden. Doch wer beständig in Aktion ist, der verliert auf Dauer die Kräfte für die Aktion und auf Dauer verliert er sich selbst. Der Hafen, von dem AUGUSTINUS spricht, ist die Kontemplation, d. h. das „Zur-Ruhe-Kommen“ beim Herrn. All unser aktives Tun kann letztlich nur Frucht bringen und nicht zum Ausbrennen führen, wenn wir es aus der Kontemplation heraus verrichten. Ein Heiliger sagte einmal: „Du arbeitest unermüdlich, aber da du dich an keine Ordnung hältst, bleibt deine Mühe wirkungslos. […] Du entfaltest eine unermüdliche, aber leider fruchtlose Tätigkeit – du bist ständig in Aktion.“

Im heutigen Evangelium wird uns das Verhältnis von Aktion und Kontemplation, das Verhältnis von aktivem Tun und „Beim-Herrn-zur-Ruhe-Kommen“ aufgezeigt. Jesus kommt in das Haus der Martha und Maria.

Martha nimmt den Gast freundlich auf und sorgt für ihn. Sie arbeitet, um es dem Gast so angenehm wie möglich zu machen. Maria, ihre Schwester, setzt sich Jesus zu Füßen und hört seinen Worten zu. Wir uns können uns bildlich vorstellen: Martha schafft und schafft und ihre Schwester sitzt, tut nichts. Martha platzt der Kragen – und da erkennen wir uns vielleicht wieder –: „Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester mir die Arbeit allein über-lässt“ (Lk 10, 40)? Jesus bleibt ruhig. Er ist dankbar, dass Martha sich um ihn sorgt und deshalb sagt Jesus auch nicht, dass sie aufhören soll mit der Arbeit, doch macht er sie darauf aufmerksam, dass Maria, ihre Schwester, jetzt im Moment das Bessere tut: Sie sitzt ihm zu Füßen, hört ihm zu und schöpft daraus Kraft. Damit will Jesus Martha deutlich machen, dass bei aller Arbeit, bei aller Sorge das beim Herrn zur Ruhe kommen „notwendig“ (Lk 10, 42) ist. Jesus weiß, dass der, der bei ihm zur Ruhe kommt, dass der, der auf sein Wort hört, Kraft und Ausdauer für das alltäglich Tun bekommt – ist er doch Gottes Kraft und Weisheit (vgl. 1Kor 1, 24). An Martha und Maria wird deutlich, dass aktives Leben und kontemplatives Leben zusammengehören. Ein aktives Leben, ohne das zur Ruhe kommen beim Herrn, überhitzt schnell und ein kontemplatives Leben, dass sich nicht im alltäglichen Leben bewährt, ist letztlich ebenso fruchtlos. Der Hafen, in dem wir zur Ruhe kommen und Kraft für unser all-tägliches Tun schöpfen ist das Gebet, ist der Besuch des Gottesdienstes, ist das Hören auf das Wort Gottes, ist der Empfang Gottes selbst in der heiligen Kommunion. Hier im Gottesdienst, in der Heiligen Messe, sitzen wir buchstäblich zu Füßen Jesu und dürfen uns von ihm stärken lassen, dürfen uns von ihm die Kraft für unser alltägliches Tun holen.

Mit ihm werden wir am Ende der Heiligen Messe wieder in den Alltag und damit auf das Meer unserer täglichen Herausforderungen gesandt – bei gleichzeitigem Wissen: Der Herr ist bei mir! Aus diesem Wissen heraus darf ich die Herausforderungen des Alltags annehmen und inmitten des Alltags kontemplativ sein, indem ich das, was mir aufgetragen ist, das, was auf mich einströmt, ins Gebet nehme. Aktion und Kontemplation sind wie zwei Zahnräder. Ein Zahnrad allein kann nichts in Bewegung setzen. Zwei Zahnräder jedoch, die ineinander gehen können Einiges in Bewegung setzen.

Mit dem heutigen Evangelium können wir uns sagen lassen, dass aus der Kontemplation, das „Beim-Herrn-zur-Ruhe-Kommen“, die Kraft für die Aktion erwächst und die Aktion nur fruchtbar wird, wenn sie aus der Kontemplation erwächst. Deshalb gilt, was ein Heiliger so formuliert hat: „Je mehr wir in das Gewühl der Welt eindringen, desto tiefer müssen wir in Gott verankert sein.“

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 21.07.2019 gesendet.





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