Spurensuche, 13.07.2019

von Dr. Christine Hober aus Bonn

Uneingeschränkt für mich da

„Fürchte dich nicht, ich bin mit dir“: im Bibelwort des Propheten Jesaja spürt Dr. Christine Hober von der katholischen Kirche, was ihr der Rückhalt und die Geborgenheit ihrer Mutter immer bedeutet hat.

Ich bin mit meiner Mutter und ihrem mittlerweile betagten Hund unterwegs zu unserem Ferienhaus. Eine lange Autoreise, die sie seit dem Tod meines Vaters über viele Jahre mühelos alleine bewältigt hat. Seit einigen Monaten hat sie leider immer wieder gesundheitliche Probleme, was in ihrem Alter nicht ungewöhnlich ist. Das ist auch der Grund, warum ich sie in diesem Jahr begleite – vielleicht ein Anlass, um endlich wieder einmal gemeinsam zu verreisen.

Im Autoradio läuft gerade der Sonntagsgottesdienst. Wir hören nicht wirklich zu, doch die Worte der Lesung aus dem alttestamentlichen Buch Jesaja berühren mich und klingen lange in mir nach: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott; ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit“ (41,10).

Die Heldin meines Alltags

Inzwischen ist Zeit für eine Pause, wir brauchen dringend frische Luft, sind hungrig und durstig und der Hund muss sich auch bewegen. Meine Mutter greift zur Wasserflasche, scheitert allerdings an dem fest sitzenden Schraubverschluss. Ich öffne die Flasche mit einer raschen Drehbewegung und erlebe auf einmal eine Art „Déjà-vu“: Ich sehe mich als kleines Mädchen in unserer Küche neben meiner Mutter stehen, während sie für mich eine Sprudelflasche öffnet, weil meine Kraft dafür nicht reicht. Wie sich die Bilder gleichen: damals hat meine Mutter ohne Anstrengung den Schraubverschluss der Flasche aufgedreht, heute mache ich das für sie…

Diese Szene hat sich tief in mein Gedächtnis eingegraben, denn sie beschreibt in einem einfachen Bild, was meine Mutter für mich bedeutet hat. Sie konnte alles, was ich nicht konnte, war unglaublich stark und so die Heldin meines Alltags. Wenn es irgendwelche alltagspraktischen Probleme gab, die für mich als Kind unüberwindbar schienen, hatte sie für alles stets eine Lösung. Wirkliche Furcht kannte ich nicht, weil ich im Zweifelsfall meine Mutter bei mir wusste.

„Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott, ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit“ – tatsächlich erschließen sich mir die Worte des Propheten Jesaja durch meine Erfahrung, die ich als Kind gemacht habe, nochmals ganz neu… Dieses Gefühl, dass jemand uneingeschränkt für mich da ist – jemand, auf den ich mich hundertprozentig verlassen kann, hat mich nachhaltig geprägt. Eine Rückfallposition zu haben, die mir meine Mutter und auch mein Vater in schwierigen Situationen geboten haben, ist von unschätzbarem Wert. Sie haben den Grundstein dafür gelegt, dass ich vertrauensvoll und ohne Furcht durchs Leben gehen kann.

Rückhalt und Geborgenheit

„Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott …“ Es ist beruhigend, wenn ich glauben kann, dass Gott wie ein doppelter Boden ist, gerade in Situationen, wo ich fürchte, ins Bodenlose zu fallen. Denn anhaltende Furcht nimmt die Luft zum Atmen, Furcht lähmt, macht mutlos und damit unfähig zu handeln. Ich stelle mir vor, Gott würde durch den Propheten Jesaja zu mir allein sprechen: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir … ich stärke dich … ich helfe dir … ich halte dich.“ Wenn ich so angesprochen werde und meinem Gegenüber vertraue, spüre ich: Ich bin nicht allein, ich bin geborgen; auch in nicht kalkulierbaren, sich zufällig ereignenden Situationen, bin ich nicht verloren, sondern aufgehoben.

Wir fahren weiter Richtung Süden. Offensichtlich genießt meine Mutter ihre Rolle als Beifahrerin, sie wirkt entspannt, denn sie kann sich auf mich verlassen. Mir scheint es, als haben wir in gewisser Weise die Rollen getauscht: Früher war sie es, die mir Rückhalt und Geborgenheit gegeben hat. Heute kann ich ihr das Gefühl geben, gehalten und aufgehoben zu sein.

„Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott, ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit“ – wie gut, dass sich die Worte aus dem Alten Testament mitten im Leben ereignen.

Redaktionelle Verantwortung: Martin Korden, Katholischer Hörfunkbeauftragter, und Alfred Herrmann


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Dieser Beitrag wurde am 13.07.2019 gesendet.


Über die Autorin Christine Hober

Christine Hober, Dr. theol., arbeitet als Lektorin und Autorin. Sie lebt in Bonn, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Kontakt
c.hober@arcor.de

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