Wort zum Tage, 13.07.2019

von Pastoralreferentin Johanna Vering aus Buchen

sprach-gerecht

Liebe Hörerinnen und Hörer. Liebe Hörende. Liebe Hörer*innen.

Wie spreche ich so, dass sich alle angesprochen fühlen? Das beschäftigt mich in letzter Zeit immer mehr.

Die männliche und die weibliche Form zu benutzen, ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Wenn ich spreche, kommt immer jede und jeder vor. Ich bin sehr froh, dass wenigstens das in den meisten Teilen der Gesellschaft inzwischen verankert ist. Es war doch ein Ding der Unmöglichkeit, dass 50% der Menschen sprachlich nicht vorgekommen sind. Für mich gipfelt das darin, dass zum Beispiel in einem Kindergarten von Erziehern gesprochen wird. Obwohl ausschließlich Frauen im Team sind.

Ich fühle mich nicht angesprochen, wenn von Theologen die Rede ist. Ganz klar, ich will, dass die weibliche Form gesprochen wird. Das muss selbstverständlich werden.

Was ich aber bis vor kurzem nicht auf dem Schirm hatte, sind Menschen, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen. Wie spreche ich sie an? Wie werde ich ihnen sprachlich gerecht? Ich kenne eine Person, die ist gender queer. Sie fühlt sich weder dem weiblichen, noch dem männlichen Geschlecht klar zugehörig. Die Person hat erzählt, dass sie mit ihrem weiblichen Vornamen gut zurechtkommt. Sie heißt Michaela. Aber dass die Anrede „liebe“ schon nicht passt. Ich hab sie dann gefragt, wie ich sie in Emails anreden soll. „Schreib einfach: Hallo und dann den ganzen Namen.“ Dass es hier schon anfängt, Menschen gerecht zu werden, war mir bis dahin nicht bewusst.

„Die Person“ ist eine weitere Möglichkeit „sie“ oder „er“ zu umgehen. Und in der Mehrzahl kann ich von Menschen, Personen, Zuhörenden, Studierenden, Lernenden, Betreuenden, Pflegenden usw. sprechen. Das ist überhaupt kein Problem.

Aber: Es gibt einige, denen das alles zu viel ist. Die nicht nachvollziehen können, dass es für Menschen ein Problem darstellt. Oder Sprachforscher die sagen: wir haben doch das so genannte generische Maskulinum. Damit sind Nomen gemeint, die zwar männlich klingen, sich aber in der Bedeutung nicht einem speziellen Geschlecht zuordnen lassen. Wie z.B. der Raucher oder der Wanderer. Aber genau diese Worte sind ja das Problem.

Auf einer Tagung zum Thema „geschlechtergerechte Sprache“ hat eine Teilnehmerin darauf hingewiesen, dass die vermeintlich korrekte deutsche Grammatik Menschen verletzt. Und gefragt: „Warum wollen Sie mit Ihrer Sprache Menschen wehtun?“

Das ist mir nahe gegangen. Ich will niemandem wehtun. Und bewusst schon gar nicht.

Wenn ich mir bewusst mache, wie ich dadurch besser mit Leuten umgehen kann, nicht Gefahr laufe, jemanden durch meine Sprache zu verletzen - dann geht es ganz schnell, dass sich meine Sprache verändert. Ich bin fest davon überzeugt, dass auch durch die Sprache die Welt gerechter werden kann. Und dafür einzutreten ist letztlich ein Einsatz für die Würde des Menschen.


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Dieser Beitrag wurde am 13.07.2019 gesendet.


Über die Autorin Johanna Vering

Johanna Vering, geboren 1982 in Ostwestfalen, ist Pastoralreferentin bei der Katholischen Rundfunkarbeit am SWR. Nach dem Studium der Theologie in Freiburg und Graz hat sie als Pastoralreferentin in verschiedenen Seelsorgeeinheiten der Erzdiözese Freiburg gearbeitet und die journalistische Ausbildung am ifp in München absolviert. Johanna Vering lebt in Buchen (Odw.), ist verheiratet und hat zwei Kinder. Kontakt
johanna.vering@kirche-im-swr.de

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