Wort zum Tage, 12.07.2019

von Pastoralreferentin Johanna Vering aus Buchen

Sind Sie gläubig?

Zwei Tage Krankenhaus. Zu einer kleinen Untersuchung. Nichts Wildes, alles ok. Ich sitze im Zimmer und weiß schon, ich kann gleich nach Hause gehen. Aber ich warte noch auf das Abschlussgespräch mit dem Arzt. Der kommt dann auch vorbei, erklärt mir alles und will mich entlassen. Ein kurzer Blick in die Akte und nebenbei die Frage: „Was machen Sie denn beruflich?“ „Ich bin katholische Theologin, Pastoralreferentin und arbeite bei der Rundfunkarbeit. Mache also Verkündigung im Radio.“ Er guckt nicht mehr in seine Akte, sondern schaut mich ernst und nachdenklich an. „Darf ich Sie mal was Persönliches fragen?“ „Ja, klar.“ Ich erwarte selbstverständlich, dass es um Kirchenkritik, Missbrauch oder eines dieser großen Themen geht und wappne mich innerlich. Dann kommt die schlichte Frage: „Sind Sie gläubig?“ Rums. Schublade lieber wieder zu machen, Mann und Frage passen nicht rein.

„Sind Sie gläubig?“ Ich antworte ehrlich: „Ja, bin ich. Sonst könnte ich meinen Job nicht machen. Ich glaube fest an Gott und finde Jesus klasse.“ Das ist meine Antwort in aller Kürze. Und dann ist er dran: „Und Sie?“ frage ich. „Hhhmmm, ich weiß nicht. Ich bin ganz katholisch aufgewachsen, Jugendarbeit und so. Das war toll und hat mich sehr geprägt. Dann hab ich mich von der Kirche abgewendet und alles verloren. Und jetzt… suche ich irgendwie.“ Wir einigen uns darauf, weiter zu suchen und dran zu bleiben. Dann alles Gute und auf Wiedersehen. Das Gespräch ist beendet. Und geht mir immer noch nach.

Einerseits weil ich es so echt fand, dass der Arzt mir diese Frage gestellt hat. Das ist ein Thema für ihn. Das hat ihn in diesem Moment wirklich ehrlich interessiert.

Und andererseits weil ich seitdem immer wieder darüber nachdenke, was denn gläubig sein eigentlich heißt und was ich denn glaube.

Gläubig sein heißt für mich, dass Gott in meinem Leben eine Rolle spielt. Eine positive Rolle. Ich erlebe ihn als eine Kraft, die mitträgt, der ich abgeben kann, wenn ich es nicht mehr schaffe. Ich fühle mich wirklich angenommen von Gott, so wie ich bin. Immer wichtiger wird mir, dass wir Menschen alle als Geschöpfe Gottes gut und geliebt sind. Diese Zusage halte ich mir wirklich oft vor Augen. Das hilft mir vor allem dann, wenn ich mich selbst nicht ertrage und alles doof finde.

Dazu gehört für mich auch der Glaube an Jesus. So wie der alles umgekrempelt und gelebt hat – das ist ein echtes Vorbild für mich. So sehr den Menschen zugewandt. Genau das brauchen wir heute in allen Bereichen.

Das hätte ich meinem Arzt alles gerne gesagt. Aber so schnell konnte ich es nicht in Worte fassen. Ich hätte ihm gerne meinen Glauben angeboten. Und von meinen Zweifeln erzählt und davon, wie schwer ich es manchmal mit meiner Kirche habe. Ich hätte ihm erzählt, wie ich mich mit Gott verbunden fühle. Vielleicht ist ja auch ein Gedanke dabei, der ihn anspricht und ihn beim Suchen unterstützt.

„Sind Sie gläubig?“ Ja, bin ich. Und vor allem jetzt gerade, wo es in der Kirche so schwierig ist, wird mir meine Verbindung zu Gott immer wichtiger.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 12.07.2019 gesendet.


Über die Autorin Johanna Vering

Johanna Vering, geboren 1982 in Ostwestfalen, ist Pastoralreferentin bei der Katholischen Rundfunkarbeit am SWR. Nach dem Studium der Theologie in Freiburg und Graz hat sie als Pastoralreferentin in verschiedenen Seelsorgeeinheiten der Erzdiözese Freiburg gearbeitet und die journalistische Ausbildung am ifp in München absolviert. Johanna Vering lebt in Buchen (Odw.), ist verheiratet und hat zwei Kinder. Kontakt
johanna.vering@kirche-im-swr.de

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