Wort zum Tage, 11.07.2019

von Pastoralreferentin Johanna Vering aus Buchen

Eltern im Stress

Ich finde Eltern-sein ganz schön schwer. Ehrlich. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: ich bin super gerne die Mutter meiner beiden Kinder. Sie sind viereinhalb und drei Jahre alt. Gut drauf, temperamentvoll, laut, lustig und sie können wunderbar streiten. Ich genieße sehr, ihnen zuzusehen. Einfach zu gucken, was sie so machen, wie sie sind und wie sie sich entwickeln.

Dazu komme ich aber leider viel zu wenig. Ich fühle mich ständig unter Druck. Ich weiß, das ist in den meisten Fällen hausgemacht. Aber egal wie, ich spüre diesen Druck und weiß nicht recht damit umzugehen. Ich habe das Gefühl, niemandem gerecht werden zu können.

Ich soll für meine Kinder da sein. Die beste Kita finden, die beste musikalische und körperliche Förderung bieten. Sie sollen ordentlich angezogen sein, sich gesund ernähren, sich gut benehmen und nebenbei das Geburtstagsgeschenk für die Patentante selbst basteln.

Für den eigenen Geburtstag müssen es die tollsten Einladungen sein. Schließlich hatte der Luis letzte Woche auch selbstgemachte Karten mit Feuerwehrmann Sam drauf. Und dann müssen die Muffins - ob für den Kindergarten, die Musikschule oder den Geburtstag - die perfektesten und schön bunt verziert sein.

Ich soll im Job richtig gut sein. Schließlich braucht man ja die Bestätigung außerhalb des familiären Kosmos. Zuhause muss es gleichzeitig auch laufen. Alle Termine müssen koordiniert und der Haushalt geschmissen werden.

Ich soll was für mich tun. Sport ist ganz wichtig, um abzuschalten. Und hin und wieder Kosmetik und Massage - was Gutes nur für mich. Und bitte ordentliche Klamotten. Nicht dass man noch sieht, dass ich manchmal morgens keine Zeit habe, mir frische Kleider rauszusuchen.

Und dann ist da ja auch mein Partner. Wir brauchen Zeit füreinander. Wir müssen weggehen können, am besten einen Paarabend pro Woche. Damit wir uns nicht auseinander leben.

Nebenbei muss ich meine Freundschaften pflegen, Karten schreiben und Geburtstagsgeschenke besorgen. Und und und…

Aaaahhhh, Sie merken schon: Eltern sein ist gar nicht so einfach.

Ich will aber diesen Druck nicht mehr. Also will ich was verändern. Ich versuche immer mehr, meine Kinder einfach mitlaufen zu lassen. Das heißt, ich gestalte meinen Tag so wie es nötig ist. Arbeiten, das Auto aus der Werkstatt holen, dann den Großeinkauf und noch drei Emails schreiben, bevor es Abend ist. Die Kids müssen mit bzw. sich in der Zeit selbst beschäftigen. Und dann haben wir sogar noch Zeit, ein Spiel zu spielen. Außerdem ist mir klar geworden: ich kann und will nicht bei allem rundrum mitmachen. Ich trage mich nicht mehr in jede Helferinnen- und Kuchenbackliste ein.

Wenn ich das so schaffe, entspannt sich alles. Ich kriege mich und unser Leben besser geregelt und genieße es, Familie zu sein.
Es ist gar nicht so leicht, den Hebel umzulegen und im Alltag was anders zu machen.

Es braucht vor allem den Mut, etwas zu verändern. Ich kann nicht warten, bis die Veränderung zu mir kommt. Ich will es jetzt selbst in die Hand nehmen und hoffen, dass es dann besser wird. Ich hab gelernt, dass es anstrengend ist, sich aber lohnt. Ich stehe jetzt nicht mehr so unter Druck. Und das fühlt sich richtig gut an.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 11.07.2019 gesendet.


Über die Autorin Johanna Vering

Johanna Vering, geboren 1982 in Ostwestfalen, ist Pastoralreferentin bei der Katholischen Rundfunkarbeit am SWR. Nach dem Studium der Theologie in Freiburg und Graz hat sie als Pastoralreferentin in verschiedenen Seelsorgeeinheiten der Erzdiözese Freiburg gearbeitet und die journalistische Ausbildung am ifp in München absolviert. Johanna Vering lebt in Langenberg (Westf.), ist verheiratet und hat zwei Kinder. Kontakt
johanna.vering@kirche-im-swr.de

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